Jürgen Kippenhan und sein Aachener „Logoi“-Institut: Die Philosophie als Lebensprinzip

Jürgen Kippenhan und sein Aachener „Logoi“-Institut : Die Philosophie als Lebensprinzip

Die große Fensterfront mit der Aufschrift „Logoi“ zieht den Blick in einen angenehmen Raum mit langem Holztisch und gemütlichem Sofa, überall liegen Zeitschriften, informative Flyer, moderne Kunst hängt an den Wänden.

„Wir brauchen mehr denn je einen Ort, an dem wir offen sein können, an dem es Kommunikation ohne Zwänge gibt, an dem man Dinge hinterfragen kann“, sagt Jürgen Kippenhan (65), der sich vor zehn Jahren einen Traum erfüllte und ein freies „Institut für Philosophie und Diskurs“ in Aachen gründete.

Der Name „Logoi“ lockt und irritiert. „Und er fällt auf“, sagt Kippenhan. Doch wer versteht das heute noch? Der Begriff aus dem Altgriechischen enthält mit seinen fünf Buchstaben eine große Bedeutungspalette vom schlichten „Wort“ bis zum wehenden „Weltgeist“ und zur „göttlichen Vernunft“ im biblischen Sinne: „Am Anfang war das Wort!“

Wie wollen wir leben?

Bei Logoi in Aachen geht es um Reflexionen und Diskussionen, um Philosophie als Lebensprinzip, das Literatur, Musik und Kunst einschließt, das Fragen nach sämtlichen gesellschaftlichen Befindlichkeiten stellt, etwa auf Populismus und Demokratie schaut und nach Antworten sucht. „Es geht uns um eine gesteigerte Aufmerksamkeit, für das, was sich hintergründig in Gesellschaft und Zusammenleben verändert“, betont Kippenhan, der das Institut zum größten Teil aus eigenen Mittel finanziert. „Letztlich müssen wir uns dringend fragen, wie wir leben wollen.“

An der RWTH Aachen hat Kippenhan Philosophie und Sozialwissenschaften studiert und gelehrt. Dann ging er nach Brasilien, um an der Universität von Fortaleza den Studenten deutsche Philosophie nahezubringen. „Das war sehr spannend“, erinnert er sich. „Aber irgendwann wollte ich zurück, zumindest nach Europa.“ Ein weiterer Lehrauftrag bot sich in Aachen.

Der Gedanke, Sinnfragen der Menschen nicht getrennt bestimmten Fachgebieten zu überlassen, sondern sie umfänglich zu vernetzen und damit neue Lösungsansätze oder zumindest Denkanstöße zu finden, hat ihn von jeher fasziniert – daraus wurde dann „Logoi“. „Ich möchte Wissenschaften vernetzen und den akademischen Raum verlassen“, sagt der Institutsgründer, der immer wieder neue Referenten entdeckt und einlädt, die diesen Anspruch teilen. So wird es am Donnerstag eine Lesung mit der Schriftstellerin Janne Teller im Krönungssaal des Aachener Rathauses geben. „Sie stellt existenzielle Fragen, das sind unsere Fragen“, betont er. „Sie hat die Fähigkeit, nachdrücklich zu beunruhigen.“

Was häufig begrenzt wahrgenommen wird, will „Logoi“ öffnen, etwa die Psychotherapie. Worum geht es? Glück, Harmonie, Zerrissenheit und Spaltung sind Erfahrungen und Gefühle, die bereits die griechischen Philosophen beschrieben haben. „Das Hadern mit der Gegenwart ist jedem bekannt“, versichert Kippenhan. „Die Gesellschaft leidet unter Vereinseitigung und Entzweiung, der Mensch muss funktionieren.“ Als Phänomen einer Zeit, die von Sozialen Medien geprägt ist, beobachtet der Philosoph das wachsende Problem der Verständigung. „Früher ging man zum Pfarrer, heute zum Psychoanalytiker“, sagt er. „Wenn ein Kind Probleme in der Schule hatte, kümmerte man sich um das Kind, beschäftigte sich mit ihm. Heute wird einfach dem Lehrer die Schuld zugeschoben.“

Trotz intensiver Vernetzung verschiebe sich die Wahrnehmung. „Nur, wenn man einander begegnet, hat man einen Eindruck vom Verhalten eines anderen Menschen, von seiner Ausstrahlung. Das ersetzen weder SMS noch Konferenzschaltung“, betont er. Sein Eindruck: rationale Tendenzen – unter anderem in der Politik – prägen die Gegenwart. „Irrationalität rächt sich“, sagt Kippenhan. „Wenn eine Gesellschaft ihre Götter begräbt, steigen sie als Monster wieder auf.“ Die spielerische Lust an Künstlicher Intelligenz und digitalen Möglichkeiten verberge häufig die Befürchtungen, sich ihnen zu sehr auszuliefern. „Die Gesellschaft fühlt sich hilflos und entwickelt eine Erlösungsprojektion, statt sich damit zu beschäftigen“, stellt Kippenhan fest.

Willensbildung ist wichtig

„Logoi“ fordert zum Diskurs auf, fragt bei Hirnforschern nach, gibt Anregungen. Ob Bischöfliche Akademie, Volkshochschule, Camus-Gesellschaft, den Jüdischen Kulturtagen Rhein Ruhr, Theater oder Museen – die Zusammenarbeit funktioniert. Und wenn sich hinter der Glasfront an der Jakobstraße 90 Menschen drängen, um sich einen Vortrag anzuhören und anschließend darüber zu diskutieren, wird der Name „Logoi“ zum verbindenden Element. Kippenhan: „Nutzen wir die Chance, uns einen eigenen Willen zu bilden.“

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