Ein Telefongespräch: Die perfide Masche der falschen Polizisten

Ein Telefongespräch : Die perfide Masche der falschen Polizisten

Auch in der vergangenen Nacht sind wieder viele Menschen angerufen worden von vermeintlichen Polizisten. So stellen sie sich jedenfalls vor. In Wahrheit sind es Betrüger, die fast immer in türkischen Callcentern sitzen, sagt der Aachener Kriminalhauptkommissar Heiner Schürmann.

Der Kriminalhauptkommissar ist von Amts wegen mit den falschen Polizisten beschäftigt, bis vor ein paar Monaten arbeitete er im Betrugsdezernat, jetzt klärt er auf für das Kommissariat „Vorbeugung“ des Aachener Polizeipräsidiums.

„Kein anderer Trick schießt so durch die Decke“, sagt der 53-Jährige. Die Masche kam erst Mitte 2016 auf, inzwischen ist die Schadenshöhe beträchtlich, im letzten Jahr lag sie in NRW im 1. und 2. Quartal bei 5,5 Millionen Euro.

Meistens sind es ältere Menschen, die das Opfer dieser Telefonmafia werden. Sie sind vermeintlich in Gefahr, wird ihnen am Telefon suggeriert, und sie sollten „sicherheitshalber“ alle Wertgegenstände der Polizei aushändigen. Die Masche ist perfide, sagt Schürmann, „weil es die Täter tatsächlich auf das ganze Vermögen“ absehen. Stunden-, manchmal tagelang werde Psychodruck aufgebaut. In Würselen hat eine ältere Frau im letzten Sommer über 300.000 Euro verloren, weil sie einen Monat lang immer wieder Geld vor ihrem Haus abgelegt hat.

Im letzten Jahr registrierte alleine die Aachener Polizei insgesamt 1185 Betrugsfälle, davon 112 Fälle, bei denen es tatsächlich zu einem Vermögensschaden kam und 1073 versuchte Taten. Darunter fielen auch andere bekannte Betrugsmaschen wie etwa der sogenannte „Enkeltrick“. Längst nicht jeder Versuch wird gemeldet, und manchmal schweigen auch die Opfer – aus Scham, sagt Schürmann.

Wie ältere Leute herausgefiltert werden? Die Betrüger schauen in den Telefonbüchern nach „alten“ Vornamen oder suchen sich vierstellige Nummern heraus, die naturgemäß älter sind. Im Internet sind Listen erhältlich mit potenziellen Opfern. Oftmals stammen die Daten aus Gewinnspielen. Da sind Namen, Adresse, Bank- und Ibanverbindungen vermerkt und mögliche Opfer gleich eingestuft: „lohnt sich eher nicht“ oder „da ist viel zu holen“.

Die Aufklärungsrate ist bundesweit gering. Ab und zu wird ein Bote festgenommen, aber solche „Läufer“ kennen selbst oft nicht die Hintermänner. „Das Werkzeug der Täter ist ihre Überzeugungskraft am Telefon“, sagt Schürmann. Die Senioren treffen auf geschultes, perfekt deutsch sprechendes Betrugspersonal. „Sie treten sehr energisch auf, dazu kommt manchmal eine gewisse Obrigkeitshörigkeit“, sagt der Ermittler. Bei Polizei und LKA gibt es längst Mitschnitte solcher Gespräche.

Mit Hilfe von Heiner Schürmann ist der folgende Dialog entstanden. Es ist ein fiktives Telefongespräch, das sich allerdings eng an den Erkenntnissen der Polizei orientiert.

Guten Tag, hier spricht Kriminalhauptkommissar Werner Müller von der Kriminalpolizei. Spreche ich mit Frau Rose?

Rose: Die Kriminalpolizei?

Ja, Frau Rose. Wir haben in der Nähe Ihrer Wohnung eine rumänische Einbruchsbande festgenommen. Sie werden es ja schon mitbekommen haben, dass in mehreren Häusern in Ihrer Nachbarschaft eingebrochen wurde. Die Männer hatten ein Notizblock dabei, in dem Ihre Adresse und Ihr Name stand. Frau Rose, es ist so, dass wir noch nicht alle Bandenmitglieder festnehmen konnten. Sie sind in Gefahr, wir gehen davon aus, dass Sie das nächste Opfer sein werden. Und Frau Rose, ich muss Ihnen leider sagen, dass die bewaffneten Männer ziemlich skrupellos vorgehen.

Rose: Das kann doch nicht sein. Was mache ich jetzt?

Frau Rose, keine Angst, dafür sind wir ja da, wir werden Ihnen helfen, dafür müssen Sie mir jetzt mal genau zuhören. Haben Sie Wertgegenstände oder Bargeld im Haus?

Rose: Ein bisschen Bargeld und die Sammlung alter Goldmünzen meines verstorbenen Mannes.

Oh Gott, Frau Rose, das ist alles in Gefahr, das ist ein Problem. Es liegt jetzt nur an Ihnen, ob wir die Sachen in Sicherheit bringen.

Rose: Furchtbar, und jetzt?

Frau Rose, Sie machen jetzt mal Folgendes: Lassen Sie die Rollläden herunter, schließen sie überall ab, ich bleibe solange in der Leitung. (kurz darauf) Frau Rose, ich schicke Ihnen ein paar Kollegen, die in zivil ihr Haus überwachen.

Rose: Woher weiß ich, dass Sie wirklich von der Polizei sind und nicht irgendwelche Betrüger?

Frau Rose, die Frage ist berechtigt, aber wir sind die echte Polizei. Sehen Sie das Display Ihres Telefons, da steht die 110 – die Nummer der Polizei. Wissen Sie, was wir machen, damit Sie die Sicherheit haben. Legen Sie einfach auf und wählen dann die 110 wieder an und fragen nach Kriminalhauptkommissar Werner Müller.

Über ausländische Telefonanbieter können die Täter jeder beliebige Rufnummer im Display des Angerufenen einblenden - 02451 110, 0252 110 ... Theoretisch können die Betrüger auch Behördennummern wählen. In der Fachsprache heißt das „Call-ID-Spoofing“, mit den Verfahren kann jede beliebige Nummer oder auch Namen wie „Mama“ eingeblendet werden. Der Anrufer fordert den Gesprächspartner dazu auf, das Gespräch zu beenden. In Wahrheit aber macht er nur ein klickendes Geräusch, bleibt dann aber in der Leitung, um sich dann beim nächsten Wahlversuch sofort wieder zu melden.

Frau Rose ruft an (im Hintergrund hört man geschäftiges Gemurmel).

Kriminalhauptkommissar Werner Müller spricht hier.

Rose: Hier ist Frau Rose.

Das ist gut Frau Rose, dann haben Sich mich ja zufällig direkt am Apparat. Dann sind Ihre Zweifel jetzt sicher erledigt. Wir müssen jetzt weiterkommen, die Zeit drängt. Wo bewahren Sie die Sammlung der Goldmünzen auf?

Rose: In einem Safe.

Frau Rose, dann müssen Sie die Sachen in eine Tüte stecken und später vor Ihrer Haustüre ablegen, damit wir sie holen und aufbewahren können. Ich melde mich gegen 17 Uhr wieder telefonisch bei Ihnen. Sollen wir ein Codewort ausmachen, das nur Sie und die Polizei kennen?

Rose: Mmmmm, Engelbert hieß mein Mann.

Frau Rose, das ist perfekt, und niemand außer uns kennt das Wort. Geben Sie es auch nicht weiter. Noch etwas: in dem Notizblock, den wir sichergestellt haben, steht auch: „größere Summe bei der Bank“. Ist das wirklich so? Sie wissen ja sicher, dass Sie uns Auskunft geben müssen, Bundesbürger sind dazu verpflichtet.

Rose: Da liegen etwa 26.000 Euro, aber es ist doch sicher da.

Eben nicht Frau Rose, wir haben gesicherte Erkenntnisse, dass zwei Mitarbeiter der Bank unter einer Decke stecken mit der Einbruchsbande. Sie müssen das Geld da abholen und uns übergeben, damit wir darauf aufpassen, bis wir die Täter alle festgenommen haben.

Rose: Ich soll jetzt zur Bank gehen?

Ja Frau Rose, da ist das Geld nicht mehr sicher. Und wir befürchten auch, dass Ihr Haus längst ausgekundschaftet wird. Aber keine Sorge, wir sind unsichtbar in der Nähe. Ich kann auch sehen, dass Sie Rollläden heruntergelassen haben.

Rose: Ich würde gerne mal mit meiner Tochter darüber reden.

Frau Rose, wir haben keine Zeit, wir erwarten den Einbruch bei Ihnen in den nächsten beiden Tagen. Sie sind die wichtigste Zeugin, die wir haben, Sie dürfen wirklich mit niemanden darüber sprechen. Sie gefährden sonst die ganze Aktion. Sie müssen mir schon vertrauen, ich bin von der Polizei. Und wir dürfen Ihre Tochter auch nicht gefährden. Das wollen Sie sicher auch nicht.

Nächster Anruf, Stunden später:

Frau Rose, wir haben mitbekommen, dass Sie bei der Bank waren. Das war sehr gut. (Im Hintergrund gibt es Geräusche) Frau Rose, Moment mal bitte, Kollegen seid mal leise, ich spreche mit der Frau, bei der eingebrochen werden soll. Entschuldigung Frau Rose, hier ist gerade viel Trubel. Sie müssen jetzt Folgendes machen. Legen Sie das Geld und die Sammlung in einer Plastiktüte um 19.30 Uhr vor die Haustüre, wir kommen es dann holen.

Rose: Aber warum klingeln Sie nicht einfach?

Frau Rose, das ist nicht spaßig, wir haben es hier auch mit einer polizeilichen Anordnung zu tun. Soll ich auch noch die Staatsanwaltschaft informieren? Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass die Diebe Ihr Haus sicher längst beobachten. Wir wollen doch nicht, dass sie Verdacht schöpfen. Sie wollen doch aus, dass die Ganoven für alle Zeiten weggesperrt werden?

Rose: Ja, aber ich sehe niemanden von Ihnen vor dem Haus.

Ja, Frau Rose, das ist auch gut so. Unsere Männer sind getarnt. Um 19.30 Uhr legen Sie bitte die Sachen vor die Türe, und dann melden wir uns danach auch wieder.

Tatsächlich ist das so meistens so: Selbst wenn die Betrüger die Beute längst ergaunert haben, gibt es noch weitere Anrufe. Der Telefonanschluss wird so noch stundenlang blockiert, sie wollen die Täter verhindern, dass das Opfer Verdacht schöpft und zeitnah die richtige Polizei informiert.

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