Eschweiler/Düren: Die Neuen im Bundestag: Zwei Frauen, zwei Wege

Eschweiler/Düren : Die Neuen im Bundestag: Zwei Frauen, zwei Wege

Die Büros in Berlin sind bezogen, die Regale zum Teil noch leer: Seit kurzem mischen Claudia Moll (SPD) aus Eschweiler und Katharina Kloke (FDP) aus Düren als Bundestagsabgeorndete in Berlin mit. Von den Erfahrungen der Altenpflegerin und der Juristin.

Claudia Moll: „Ausbildung zur Psychatrie-Fachkraft hilft mit jetzt“

Auf dem SPD-Sonderparteitag am Sonntag in Bonn wollte sie sich eigentlich vertreten lassen. Weil ihr Mann seinen ersten Fastelovends-Auftritt mit dem Männerballett hatte. Aber dann fuhr sie doch hin. „Das war mir einfach zu wichtig, um mich auf einen Vertreter zu verlassen“, sagt Claudia Moll, die Neuwahlen nicht für eine Alternative zur Groko hält. „Soll ich etwa beim Haustürwahlkampf den Leuten sagen: Bitte wählt uns — aber regieren wollen wir nicht..?“ Die Position der Groko-Gegner kann sie nicht nachvollziehen: „Die ganze Welt brennt, und die schauen nur auf sich.“

Claudia Moll ist seit 27 Jahren Altenpflegerin. Und seit Ende September Bundestagsabgeordnete. Seither ist Berlin ihre zweite Heimat. Mitten unter den Großen der Bundespolitik. Was die 49-Jährige recht kalt lässt: „Die kochen alle auch nur mit Wasser.“ Was sie auch in ihrer ersten Rede vor dem Bundestag („eine Büttenrede ist schlimmer“) am 19. Januar unterstrich: „Ich bin oft gefragt worden, ob ich als kleine Altenpflegerin nicht Angst vor der großen Politik in Berlin habe. Nein: Ich habe keine Angst. Angst hatte ich in den vielen Nachtdiensten, wo ich allein für 56 teilweise schwerstkranke Menschen verantwortlich war.“
Wenn in der kommenden Woche die Bundestagsausschüsse besetzt werden, ist es nur logisch, dass Claudia Moll Mitglied des Gesundheitsausschusses wird. In die entsprechende Arbeitsgruppe hat sie schon hineingeschnuppert: „Die kapieren nichts; die kommen mit einem Mist, dass ich denke: Mein Gott! Ich hoffe, ich werde hier nicht genauso!“

Was bislang nicht zu erwarten ist: Claudia Moll hat sich ihre Bodenständigkeit bewahrt. Zu ihrem Büro im Paul-Löbe-Haus fährt sie mit der S-Bahn statt mit der Fahrbereitschaft. Die Wege im Regierungsviertel legt sie zu Fuß im Freien statt durch die zahlreichen unterirdischen Gänge zurück. „Da kann ich rauchen“, gesteht sie. „Ich bin immer noch Kampfraucherin. Zwar fehlt mir oft dafür die Gelegenheit, aber das hole ich auf. Auch die Polizisten vor dem Gebäude kennen mich schon: ,Hallo Frau Moll, gehen Sie piefen?!‘“
Welchen anderen Ausschüssen sie künftig angehören wird, ist völlig offen.

Und ihr auch ziemlich schnuppe: „Ich finde einfach alles super interessant!“ Es ist der 49-Jährigen deutlich anzumerken, dass ihr die Arbeit Spaß macht. „Klar ist es anstrengend, aber ich empfinde das nicht als Stress.“ Einladungen von Lobbyisten lehnt sie generell ab; auf „blöden Verzäll“ abends an Theken hat sie keine Lust. „Abends bin ich platt. Da fahre ich in meine kleine Wohnung und schalte ab.“

Von Berlin hat sie bislang so gut wie nichts gesehen. „Einmal war ich bei Karstadt. Nur weil ich es schön finde, dass es das da noch gibt“, sagt sie. Und täglich geht sie auf dem Weg zum Büro zu Fuß durchs Brandenburger Tor. Warum? „Weil ich’s kann. Früher habe ich davorgestanden, vor der Mauer, und fand das ganz furchtbar.“

Claudia Moll ist eine gefragte Person. Nahezu alle Talkshows — von Lanz bis Friedemann — haben schon bei ihr angefragt. Vergeblich. „Ich will mich da nicht als Kuriosität verheizen lassen, als die Altenpflegerin, die zufälligerweise auch noch MdB ist.“ Ihre direkte Art kommt nicht bei jedem gut an: „Meine große Befürchtung ist: Man nimmt mich nicht ernst. Dann kann ich böse werden. Nur weil ich Altenpflegerin bin (mit Staatsexamen) und keine akademische Laufbahn habe, heißt das doch nicht, dass ich politisch weniger verstehe als beispielsweise ein Jurist.“ Apropos verstehen: Das ist ihr auch bei der Beantwortung von Anfragen durch ihr Büro wichtig. „Wenn da komische Wörter drinstehen, die ich selbst erst googeln muss — das geht gar nicht.“

Kommende Woche tauscht Claudia Moll ihr Zuhause in Eschweiler-Dürwiß wieder mit ihrer Wohnung in Berlin-Lichterfelde. „Aber Fastelovend bin ich wieder in Eschweiler! Da müsste schon ganz was Besonderes passieren!“ Seit Jahrzehnten geht sie mit im Dürwisser Veedelszoch wie auch im Eschweiler Rosenmontagszug. In welchem Kostüm? „Um Gottes Willen! Wenn ich das verrate, flieg’ ich aus dem Verein!“ Aus dem Bundestag zu fliegen, das hat Claudia Moll so schnell nicht vor. Dutzende von Schulklassen haben bereits Anfragen für Besuche in Berlin gestellt. „Das kriegen wir schon hin“, lacht Moll. „Ich bin ja noch acht Jahre hier.“

Katharina Kloke: „Muss mich noch daran gewöhnen, für Fremde interessant zu sein“

„Ich muss mich noch daran gewöhnen, für fremde Menschen interessant zu sein“, sagt Katharina Kloke (FDP). „Wenn ich wollte, könnte ich in Berlin jeden Tag auf 20 Veranstaltungen gehen.“ Um drei Uhr in der Nacht nach der Bundestagswahl ist die Dürenerin Katharina Kloke in die Öffentlichkeit gerückt. Die 30-Jährige stand auf dem Listenplatz 20. Wer hätte geahnt, dass dieser Platz zieht? Nun steht dort, wo früher unter E-Mails einfach ihr Name stand, eine Signatur: Katharina Kloke, MdB, Deutscher Bundestag, Platz der Republik 1, 11011 Berlin.

Das ruft andere Menschen auf den Plan. Menschen, die hoffen, dass Kloke helfen kann, dass sie für ihre Interessen einsteht. Menschen, die Erwartungen haben. Plötzlich wichtig: Da gilt es viel zu lernen, viel zu hinterfragen. Wem kann und wem will ich helfen? Welche Anfragen sind mit Vorsicht zu genießen? Was ist mit der eigenen Meinung, was mit der Linie der Partei vereinbar?

Bei ihren Terminen unterscheidet Kloke auch klar zwischen Berlin und der Heimat. „Im Kreis Düren möchte ich möglichst viele Menschen kennenlernen, erfahren, wo der Schuh drückt und welche Probleme sich aus Berlin lösen lassen“, sagt die Juristin. Termine mit allen Bürgermeistern stehen auf dem Plan, es gibt Einladungen von Verbänden und allen möglichen Vereinen. Politik ist Netzwerkarbeit — vor allem in der Hauptstadt. Dort suche sie sich die Termine sehr genau aus, sagt die Juristin. Sie achte auf Gesprächspartner, die zu ihrem Fachgebiet Recht und Verbraucherschutz passen. Hinzu kommen die ganzen Anfragen von Bürgern, mal an sie persönlich, mal an den gesamten Bundestagsverteiler.

„Die vergangenen Monate waren aufregend, abwechslungsreich, spannend“, sagt Kloke. Da war der kurze Plausch mit der Kanzlerin bei einer Abstimmung, das gebannte Verfolgen der Sondierungsgespräche ihrer Partei mit CDU/CSU und Grünen, die Wohnungssuche, das Einstellen von Personal, da waren Fraktionssitzungen, Treffen der NRW-FDP. „Ich habe viel gelernt, und es liegt noch viel vor mir“, sagt Kloke.
Ihre „Jungfernrede“ zum Beispiel steht noch aus. Ganz kurzfristig war sie gefragt worden, ob sie zum Thema linksextreme Gewalt sprechen wolle. „Mir wäre kaum Zeit für die Vorbereitung geblieben, da habe ich doch lieber einen erfahreneren Redner sprechen lassen“, erzählt Kloke. „Eine Rede im Bundestag halten zu dürfen, ist eine Ehre und Verantwortung, da möchte ich auch im Thema drin sein, sie vorher einmal üben können.“

Eine Rede im Bundestag — wenn Katharina Kloke davon erzählt, klingt es ein bisschen so, als könne sie es selbst noch nicht glauben, am selben Pult wie Kanzlerin und Außenminister zu stehen.
Katharina Kloke lebt jetzt halb an der Rur, halb in der Hauptstadt. „Leicht ist anders“, kommentiert sie die Wohnungssuche. Die kleine Behausung, die sie gefunden hat, nennt sie ein „etwas persönlicheres Hotelzimmer“. Immerhin sind es eigene vier Wände.

Die viele Zeit auf Gleisen nutzt sie zum Arbeiten, liest sich in Themen ein, recherchiert, beantwortet E-Mails von Bürgern. „Die Terminplanung liegt mittlerweile in den Händen meiner Mitarbeiter“, sagt Kloke. Sie hat eine erfahrene Assistentin angestellt, die auch Hinweise gibt, wo Kloke sich sehen lassen sollte und welche Termine sie nicht wahrnehmen muss.

Katharina Kloke wirkt zufrieden mit dem Weg, den sie nun geht. Und sie wirkt nicht blauäugig. Sie weiß, dass die politische Karriere auch schnell wieder vorbei sein kann. Jobsicherheit für die nächsten vier Jahre? Garantiert ist das nicht, auch wenn Kloke zuversichtlich ist, dass es keine Neuwahlen geben wird. Dass ihre Partei nicht in der Regierung dabei sein würde, erfuhr sie per SMS, als Parteichef Christiane Lindner gerade vor die Presse trat.

Gerade weil das Politikgeschäft so schnelllebig ist, sorgt Kloke vor: Wenn sie in Düren ist, arbeitet sie stundenweise in einer Anwaltskanzlei. „Ich habe ja gerade erst mein Examen gemacht und ich möchte Berufserfahrung sammeln.“ Sollte es mit der Politik in ein paar Jahren vorbei sein, will sie als Anwältin arbeiten. Das war ja auch ihr Plan A, als sie auf Listenplatz 20 stand.

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