Die Leiden der Kinder von psychisch Kranken

Psychische Leiden : Wenn die Kindheit nur ein großes Schweigen ist

„Meine Kindheit war vor allem von einem dauerhaften Schweigen in meiner Familie geprägt“, sagt Michael, 34 Jahre alt, Sohn einer Mutter, die nach der Geburt seines Bruders eine chronische Schizophrenie entwickelt hatte.

Zuhause war sie unberechenbar, immer wieder kam sie in die Psychiatrie. Heute will Michael nicht mehr schweigen. Er redet über das eigene Schicksal und die Verletzungen, die sein Leben geprägt haben.

„Unsichtbare Narben. Erwachsene Kinder psychisch erkrankter Eltern berichten“ ist ein Buch, das Johannes Jungbauer, Professor für Entwicklungs- und Familienpsychologie, an der Katholischen Hochschule Rheinland Aachen, zusammen mit Katharina Heitmann, klinisch-therapeutischen Sozialpädagogin an der Wiesbadener Akademie für Psychotherapie, herausgegeben hat. Zur Buch-Idee hat eine Fragebogenstudie geführt, in der  etwa sechshundert erwachsene Kinder psychisch kranker Eltern zu ihrem Lebensweg befragt wurden.

Die Reaktion verblüffte Jungbauer und Katharina Heitmannt. „Es gab viele positive Rückmeldungen, Anrufe und Zuschriften“, berichtet Jungbauer. Eine große Erleichterung darüber war zu spüren, „dass mal jemand fragt“. Ein Buch zu diesem Thema gab es in Deutschland bislang wohl nicht.

Die Autoren sammelten und sichteten. Aus zehn Texten wurde das Buch, das die bisher einzige umfangreiche Studie zum Thema darstellt. Es beleuchtet die Bandbreite einer Problematik, die die Gesellschaft eher ausblendet. „Die uns anvertrauten Lebensgeschichten empfinden wir als Geschenk“, sagt Jungbauer. Für die Beteiligten war das Aufschreiben und Veröffentlichen eine Befreiung aus der Isolation, aus dem häufig krank machenden Gefühl, nichts vom Erlebten erzählen zu dürfen. Die Erkenntnis „ich bin nicht allein“ war überwältigend. Drogen- und Alkoholsucht, sexuelle Übergriffe, Psychosen, etwa ein „Waschzwang“, psychische und körperliche Gewalt – all das fand hinter verschlossenen Türen statt. Böse Erinnerungen wurden von den damaligen Kindern oft Jahrzehntelang verdrängt.

„Wenn ich heute an meine Kindheit zurückdenken, kommt es mir vor, als hätte sich im Laufe der Jahre eine verschlingende, zerstörerische Leere um mich breit gemacht“, sagt etwa die 27-jährige Alexandra, Tochter einer Mutter mit Borderline-Störung. „Kinder haben vielfach Überlebensstrategien entwickelt, sie werden zu Experten einer solchen Erkrankung“, sagt Jungbauer. „Aber sie tragen viel zu früh Verantwortung.“

Familiengeheimnis

Aktuell sind in Deutschland, so schätzt Jungbauer, drei bis vier Millionen Kinder und Jugendliche betroffen. Nur 30 Prozent der Betroffenen nehmen professionelle Hilfe in Anspruch. Dabei stellt Jungbauer fest: „Psychisch kranke Eltern sind nicht automatisch schlechte Eltern oder Eltern, bei denen ein Kind gefährdet ist.“ Die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, ein Problem zu erkennen, sei ein wichtiger Faktor. Und die Tatsache, dass es noch einen gesunden Elternteil gibt, der ausgleichen kann. „Alle Kinder von kranken Müttern schreiben, dass sie ihre Mutter geliebt haben.“ Das Tabu, das Familiengeheimnis sei die schlimmste Belastung für ein Kind.

Erfahrungen in der Jugend, das bestätigen Teilnehmer am Buchprojekt, haben sich stets prägend auf ihr Leben und ihre Persönlichkeit ausgewirkt. „Viele fühlen sich beeinträchtigt, einige sagen zudem, dass nicht alles schlecht war, dass sie in dieser Zeit sogar wichtige Fähigkeiten entwickelt haben.“ Zu 80 Prozent sind Frauen an der Studie beteiligt. „Typisch“, betont Jungbauer. „Männer wollen oft nicht darüber reden.“ Für den Hochschullehrer war das Projekt eine bewegende Erfahrung.

Die Bedeutung eines krankmachenden Tabus, das Phänomen des „Schweigen-Müssens“ hat er noch nie so klar erkannt und zugleich einen Bedarf: Mehr Hilfestellung für kranke Eltern, mit ihren Kindern zu reden. Das Buch gibt Jungbauer gern an Studenten weiter. Er sagt: „Weil die Berichte  authentisch sind. In der Zeit, als diese Betroffenen Kinder waren, haben sich Psychiater für sie nicht zuständig gefühlt. Das hat sich zum Glück geändert.“

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