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Entwicklungspsychologin über Identitätsfindung: „Die Jahre zwischen 20 und 30 sind extrem instabil geworden“

Entwicklungspsychologin über Identitätsfindung : „Die Jahre zwischen 20 und 30 sind extrem instabil geworden“

Die Entwicklungspsychologin Inge Seiffge-Krenke beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Veränderungen auf die Identitätsfindung bei Kindern und Jugendlichen. Was das für Konsequenzen für Eltern hat und ab wann man sich Sorgen machen muss, erzählt sie im Interview.

Mitte 20, und noch immer ist kein genauer Lebensplan erkennbar? Das ist heute in Deutschland und in Europa der Normalfall, sagt die Entwicklungspsychologin und Analytikerin Prof. Dr. Inge Seiffge-Krenke, die seit Jahrzehnten zur Identitätsfindung bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen forscht. Mit welchen Konsequenzen und ab wann man sich Sorgen machen muss, beschreibt sie im Gespräch mit Andrea Zuleger.

Frau Seiffgen-Krenke, mit 16 in die Lehre, mit 18 Auszug und mit 20 in einer festen Partnerschaft, so sah das bis in die 80er Jahre hinein aus. Wie ist es heute?

Inge Seiffge-Krenke: Etwa seit den 2000er Jahren stellen wir fest, dass sich die wesentlichen Bausteine des Erwachsenwerdens, finanzielle Autonomie, Berufstätigkeit, Auszug, Partnerschaft oder Elternschaft nach hinten verlagert haben. Was früher mit Anfang 20 passierte, dauert jetzt mitunter bis in die 30er.

Womit hängt diese Entwicklung zusammen?

Seiffge-Krenke: Zum einen dauert die Schulausbildung länger. Das Abitur ist fast der Regelabschluss geworden. Dann ist die Zahl der Studiengänge enorm gestiegen. Es ist unwahrscheinlich schwierig, sich für etwas zu entscheiden. Und eine große Anzahl von jungen Leuten qualifiziert sich mehrfach, fängt verschiedene Dinge an. Wenn sie dann ihre Abschlüsse haben, sind die Jobs nicht sicher.

Aber Flexibilität wird ja auch erwartet!

Seiffge-Krenke: Auf jeden Fall. Wenn die jungen Leute sehr mobil sein müssen, in verschiedenen Städten oder gar Ländern Ausbildungen beginnen, dann wirkt sich das natürlich auch auf die Partnerschaft aus. Wir haben dadurch viele Partnerwechsel, junge Leute, die ohne Partner leben oder in Fernbeziehungen. Die Jahre zwischen 20 und 30 sind extrem instabil geworden.

Prof. Inge Seiffge-Krenke ist Entwicklungspsychologin und Analytikerin. Foto: privat

Kann man sagen, dass sich zwischen Jugend- und Erwachsenenalter eine Phase geschoben hat, die es vor 30 Jahren noch gar nicht gab?

Seiffge-Krenke: Das ist tatsächlich so! Und es gibt sogar eine eigene Bezeichnung für diese Phase: „emerging adulthood“ – das beginnende Erwachsenenalter. Diese jungen Leute sind keine Jugendlichen mehr, aber sie erfüllen auch noch nicht die typischen Aufgaben des Erwachsenenalters.

Was ist die Konsequenz?

Seiffge-Krenke: Für die Eltern bedeutet es eine um zehn Jahre längere finanzielle und emotionale Versorgung. Und das in einer Phase, in der diese Eltern selbst im Vergleich zu früheren Generationen weniger Stabilität haben. Wir haben hohe Scheidungsraten nach 25 Jahren Ehe und auf beruflicher Ebene Kündigungen und Veränderungen im mittleren Erwachsenenalter. Das ist ein schwieriges Aufeinandertreffen.

Sehen Sie diese Entwicklung mit Sorge? Oder sind wir einfach gerade in einem gesellschaftlichen Umbruch, von dem wir noch nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen.

Seiffge-Krenke: In erster Linie sehe ich es als positive Entwicklung. Junge Leute haben heute die Möglichkeit, sich so frei zu entwickeln, sich neue Dinge anzugucken, auch Partnerschaften zu wechseln, wie es keiner Generation vorher erlaubt war. Und das bei einer starken staatlichen und elterlichen Unterstützung.

Und was sind die Schwierigkeiten der langen Selbstfindung?

Seiffge-Krenke: Schwierig ist es für Eltern in schwierigen ökonomischen Verhältnissen, in späten Partnerschaften oder ohne Partner, weil diese jungen Leute länger Unterstützung brauchen. Dazu kommt, dass Kinder für Eltern einen anderen Stellenwert bekommen haben. Heute hat man wenige Kinder. Man unterstützt sie sehr lange und achtet sehr genau darauf, wie erfolgreich sie im Vergleich zu anderen sind.

Eltern gehen eher partnerschaftlich mit ihren Kindern um. Sehr viele Möglichkeiten, gegen die Eltern zu rebellieren, haben sie nicht. Ist das Nicht-Erwachsenwerden auch eine Möglichkeit der Rebellion?

Seiffge-Krenke: Diese Entwicklung, die wir gerade beschrieben haben, trifft auf die meisten jungen Leute zu. Die Verlängerung der Adoleszenz ist praktisch vollständig normal. Es gibt aber Untergruppen mit problematischen Entwicklungen. Wenn Leute mit 29 immer wieder neue Berufsausbildungen anfangen, sie nicht zu Ende bringen, wenn sie auf der Stelle treten. Die Schwierigkeit ist, Spielraum zu geben für das Ausprobieren, trotzdem irgendwann eine Grenze zu ziehen und zu sagen: „So, jetzt ist es aber auch mal genug. Jetzt erwarten wir, dass du mal auf eigenen Füßen stehst.“

Was gehört zu einer gesunden Identitätsfindung dazu?

Seiffge-Krenke: Was ist gesund? Was ist normal? Man kann nur sagen: „So ist es im Moment mit der Identität.“ Ich habe eine Studie mit 3000 jungen Leuten zwischen 20 und 30 gemacht. Aus diesen Ergebnissen kann ich sagen, die meisten dieser Leute sind gesund. Ihnen ist es aber wichtig, dass sie erst Alternativen durchspielen, bevor sie sich festlegen. Dass sie reflektieren, in welche Richtung es bei einer Partnerschaft, im Beruf, bei der Familienplanung gehen könnte. Ungefähr zwölf bis 20 Prozent haben damit Schwierigkeiten. Und ein kleiner Teil von diesen weiß überhaupt nicht, wo es langgeht. Diejenigen, die darunter leiden, sind dabei noch die Unkomplizierten, weil sie ein Problem erkennen und lösen wollen. Die sehen wir dann zum Beispiel in der Psychotherapie.

Und wann sind es komplizierte Fälle?

Seiffge-Krenke: Wenn man auf die Endzwanziger zugeht, dann noch keine Richtung erkennen kann, das aber als normal erachtet, wird es kritisch. Es sollte ein Gespür dafür da sein, was man seinen Eltern zumutet und was man der Gesellschaft verdankt.

Eltern nehmen ihren Kindern viel aus der Hand, glätten auch in der Schule viel. Später machen sich dieselben Eltern Sorgen, weil die Kinder nicht schnell genug selbstständig werden. Was würden Sie diesen Eltern sagen?

Seiffge-Krenke: Im Jugendalter beginnt die Reflexion darüber, wer man ist und wie man in Zukunft sein möchte. Aber es dauert noch eine lange Zeit, bis die Jugendlichen das wirklich umsetzen werden. Diese verschiedenen Perspektiven, dieses Reflektieren, sollten Eltern zulassen und nicht ständig als Helikopter-Eltern über ihnen schweben. Damit macht man eigenständige Versuche unmöglich.

Also sollten Eltern ihre Kinder ihre Aufgaben machen lassen und nicht sofort einspringen, wenn es mal schlechter läuft?

Seiffge-Krenke: Ohne eigene Erfahrungen kann man nicht wachsen. Eltern müssen wieder lernen, den Kindern nicht alle Steine aus dem Weg zu räumen. Wir hatten neulich so einen Fall, da hat eine Mutter sich dafür eingesetzt, dass ihr Sohn Klausuren an der Schule nachholt, wenn er quasi Lust dazu hat. So wird es schwierig, selbst kompetent und erwachsen zu agieren.