Kölner Stadtarchiv-Prozess: Die große Angst vor dem Urteil

Kölner Stadtarchiv-Prozess : Die große Angst vor dem Urteil

Dienstag, der 3. März 2009, 13.58 Uhr und 28 Sekunden. In der Leitstelle der Kölner Feuerwehr nimmt ein Mitarbeiter einen Notruf entgegen. „Wir haben hier ein Riesenproblem, hier stürzen Gebäude ein“, schallt es aus dem Hörer. Im Hintergrund sind Schreie zu hören. „Das ist ein Notfall. Sofort, ganz schnell bitte, ganz schnell!“

Im Saal 142 des Landgerichts, in dem der vor fast zehn Jahren aufgezeichnete Mitschnitt über zwei Lautsprecher abgespielt wird, wird die Dramatik des Archiveinsturzes noch einmal greifbar. Später berichtet ein Feuerwehrmann, wie er und seine Kollegen tagelang in den Trümmern nach zwei vermissten jungen Männern suchten; wie sie erst den Leichnam des Bäckerlehrlings Kevin K. entdeckten und nach neun Tagen dann den unter Schuttbergen begrabenen Körper des Design-Studenten Khalil G.

In dem Prozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs ist die Beweisaufnahme nach 42 Verhandlungstagen so gut wie abgeschlossen. Die Anwälte der vier Angeklagten und die beiden Staatsanwälte können sich auf ihre Plädoyers vorbereiten. Nach der Befragung von 79 Zeugen und einer Reihe von Gutachtern hat Richter Michael Greve, der Vorsitzende der 10. Großen Strafkammer des Landgerichts, unlängst seine vorläufige Einschätzung mitgeteilt.

Für die Bauleiter Lars. L. und Joachim G., die bei dem für den Einsturz ursächlichen Bau der U-Bahn für den Abschnitt am Waidmarkt zuständig waren, komme eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Baugefährdung in Betracht. Manfred A., ein Bauüberwacher der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB), könnte wegen fahrlässiger Tötung bestraft werden. Seine Chefin, die KVB-Ingenieurin Petra A., hat dagegen gute Aussichten auf einen Freispruch.

Es gab Tage, da wirkte die Beweisaufnahme wie ein Seminar für U-Bahn-Bau. Begriffe wie Beton-Suspension, Schlitzwandmeißel und Läuferlamelle stellen weder den Kammervorsitzenden Greve vor Verständnisprobleme, noch den Vertreter der Anklagebehörde, Oberstaatsanwalt Torsten Elschenbroich. Beide sind sicher in der Materie, das lassen ihre Fragen an Gutachter und Zeugen erkennen.

Der Richter

Michael Greve gilt als Richter, der sich die Prozessführung nur ungern aus der Hand nehmen lässt. So gründlich er sich eingearbeitet haben mag, im Umgang mit Zeugen, vor allem weniger sprachgewandten Männern vom Bau, kann er zuweilen eine gewisse Ungeduld nicht verbergen. Auf Wünsche der Anwälte reagiert er nicht immer so, wie diese es für angemessen halten würden. „Es ist langsam eine Unverschämtheit, wie Sie uns hier behandeln“, beschwerte sich beispielsweise Verteidigerin Barbara Livonius lautstark, nachdem der Kammervorsitzende ihre Bitte nach einer Verhandlungspause zunächst abgelehnt hatte.

Die Anwälte

Angesichts der Bedeutung des Verfahrens, nicht zuletzt auch wegen der zu erwartenden Schadensersatzklage in Milliardenhöhe, verliefen die Verhandlungen bis auf wenige Ausnahmen jedoch angenehm konstruktiv. Daran haben die Verteidiger sicher ihren Anteil. Die Strafrechtler, von denen einige aus in der Branche bekannten Top-Kanzleien in Frankfurt und München stammen, verzichteten auf Befangenheitsanträge, die nicht selten am Beginn großer Prozessen erfolgen.

Ihre Verteidigungsstrategie scheint nicht auf Konflikt und Verzögerung angelegt zu sein. Vielmehr beharren die Anwälte, die einen eigenen Gutachter beauftragt haben, darauf, dass die Einsturzursache bis heute nicht zweifelsfrei erwiesen ist. Um das zu belegen, haben sie in der jüngsten Sitzung weitere Bodenuntersuchungen an der Unglücksstelle beantragt. Greve ließ offen, ob er dem stattgeben wird.

Der Staatsanwalt

Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten vor, ihre Aufsichtspflicht verletzt zu haben. Sie hätten die undichte Stelle in einer zum Archiv hin gelegenen unterirdischen Wand bemerken und ausbessern lassen müssen. Das Material, das die Ermittler nach dem Unglück bei Firmendurchsuchungen auf Festplatten, elektronischen Speichern und in Aktenordnern sicherstellten, umfasst die gewaltige Datenmenge von 7,5 Terabyte.

Das entspricht 350 Millionen DIN-A4-Seiten oder 175.000 Büchern, eines jedes so dick wie die Bibel. Elschenbroich und seine Mitarbeiter setzten zur Auswertung ein Computerprogramm ein, das weltweit von Nachrichtendiensten und Justizbehörden genutzt wird. Der Ermittlungsleiter hat Erfahrung mit vielschichtigen Sachverhalten. Unter anderem vertrat er seine Behörde im Prozess gegen die früheren Chefs der Privatbank Sal. Oppenheim.

Der Hauptgutachter

Drei Universitätsprofessoren aus Aachen und Siegen sind für die Staatsanwaltschaft als Gutachter tätig. Sie arbeiten in unterschiedlichen Fachgebieten wie Baukonstruktion, Geotechnik und Grundwasser-Hydraulik. Als wohl wichtigster Sachverständiger gilt indes der Hamburger Geo-Ingenieur Prof. Hans-Georg Kempfert, den das Landgericht für den bevorstehenden Rechtsstreit über den Schadensersatz als Gutachter bestellt hat. Kempfert hat ebenso wie seine von der Staatsanwaltschaft beauftragten Kollegen die Angeklagten belastet.

Die Angeklagten

Der Hauptangeklagte , der ehemalige Polier Rolf K. , wird sich wohl nicht mehr verantworten müssen. Der 64-Jährige, der den Baupfusch verschleiert haben soll, ist aufgrund einer schweren Erkrankung verhandlungsunfähig. Im Juli wurde sein Verfahren abgetrennt. Sollte sich der Zustand des früheren Kolonnenführers des Konzerns Bilfinger Berger bessern, müsste der Prozess gegen ihn von vorne beginnen. Ob in dem Fall bis zum Ablauf der zehnjährigen Verjährungsfrist am 2. März 2019 ein Urteil gesprochen werden könnte, gilt als unwahrscheinlich.

Die verbleibenden Angeklagten haben sich höchst unterschiedlich verhalten. Im Gegensatz zu den Bauleitern der privaten Unternehmen, die sich vor allem bei technischen Grundsatzfragen auskunftsbereit zeigten, schweigen die KVB-Beschäftigten bis zuletzt. Dass Manfred A. vorige Woche über seinen Anwalt erklären ließ, er wolle nun doch noch etwas sagen, verdeutlicht wohl am ehesten seine Angst vor dem Urteil. Fahrlässige Tötung kann mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Katastrophe von Köln: Der Einsturz des Stadtarchivs

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