Wegen früherer Impfungen: Die Grippe ist da. Und der Impfstoff wird knapp.

Wegen früherer Impfungen : Die Grippe ist da. Und der Impfstoff wird knapp.

Grippe-Impfstoffe werden in vielen Teilen Deutschlands knapp. „Alles, was jetzt kommt, wird nicht mehr geimpft“, sagte etwa der Geschäftsführer der Apothekenkammer des Saarlandes, Carsten Wohlfeil. Auch in anderen Bundesländern wie Sachsen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern und Hessen gibt es Lieferverzögerungen oder Engpässe.

Über die Gründe wird heftig debattiert. „Die Patienten haben in diesem Jahr möglicherweise viel früher angefangen, sich impfen zu lassen“, sagte Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts. Sie hält außerdem die große vergangene Grippewelle für einen möglichen Grund für das Interesse. Das Bundesgesundheitsministerium nennt als mögliche Ursachen für den Mangel eine verspätete Bestellung von Grippe-Impfstoffen durch Ärzte und Apotheker, zu große Vorräte in manchen Arztpraxen und Apotheken sowie Direktverträge zwischen Krankenkassen und Apothekern.

Insgesamt sind laut Ministerium in Deutschland 15,7 Millionen Dosen verfügbar. Das seien rund eine Million mehr als im vergangenen Jahr genutzt wurden. Die Berechnung erfolgt auf Basis des Vorjahresverbrauchs.

Die Pharmakonzerne können für diese Saison keinen Grippe-Impfstoff mehr herstellen. Es dauere etwa sechs Monate, um einen üblichen Impfstoff auf Hühnereibasis zu produzieren, sagte eine Sprecherin des Herstellers Sanofi. „Zur Zahl der Vorbestellungen packen wir eine gewisse Sicherheitsmarge drauf, aber wir können nicht für 80 Millionen Menschen produzieren.“

Doch für wen ist die Impfung überhaupt sinnvoll? Wie wirkt sie? Und wann ist der beste Zeitpunkt? Hier ein Faktencheck:

Behauptung: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für eine Impfung.

Stimmt. Nach Erkenntnissen der obersten deutschen Behörde für Infektionskrankheiten, des Robert Koch-Instituts (RKI), kommt es meist um den Jahreswechsel zu einer richtigen Grippewelle. Da nach einer Impfung bis zu zwei Wochen vergehen können, damit der körpereigene Schutz vollständig aufgebaut ist, empfehlen die Experten eine Impfung im Oktober oder November.

Experten gehen davon aus, dass vergangenen Winter rund neun Millionen Menschen in Deutschland wegen Grippe beim Arzt waren. Für einen ausreichenden Schutz muss jedes Jahr geimpft werden, weil sich die Art der Erreger immer wieder ändert. Die EU-Präventionsbehörde ECDC schätzt, dass jedes Jahr zwischen 5000 und 17 000 Menschen nach einer Grippeinfektion in Europa sterben.

Behauptung: Eine Impfung ist allen Menschen dringend empfohlen.

Falsch. Die Ständige Impfkommission, die entsprechende Maßnahmen nach Nutzen und Risiko einschätzt, empfiehlt Kindern und Erwachsenen nicht ausdrücklich eine Grippe-Impfung – sofern sie gesund sind. Die Kommsission rät aber auch nicht davon ab – ganz im Gegenteil: Wer will, soll die Vorsichtsmaßnahme ergreifen. Es spricht selbst nichts dagegen, dass stillende Mütter sich impfen lassen.

„Ausdrücklich empfohlen“ ist die Vorsorge bei mehreren Risikogruppen, bei denen eine Grippe schwere Komplikationen mit sich bringen kann und möglicherweise zu Lungenentzündungen, Herzinfarkten oder sogar zum Tod führt. Dazu gehören etwa Über-60-Jährige, die wegen eines schwächeren Immunsystems gefährdeter sind, sowie Schwangere und chronisch kranke Menschen. Zudem wird der Schritt Mitarbeitern im Gesundheitswesen empfohlen, damit sie keine Patienten anstecken.

Behauptung: Die meisten Menschen lassen sich impfen.

Falsch. Das RKI sieht schon lange einen Rückgang der Impfquoten in Deutschland. Hat vor neun Jahren noch etwa jeder zweite Maßnahmen gegen die Grippe ergriffen, liegt heutzutage die Zahl bei rund 35 Prozent. Selbst bei Klinikpersonal geben bei einer Umfrage im Herbst 2017 nur 40 Prozent an, in der vorangegangenen Saison gegen Influenza geimpft gewesen zu sein. Das Ziel der Europäischen Union, dass die Mitgliedsstaaten zumindest bei den Risikogruppen eine Rate von 75 Prozent erreichen, wird in Deutschland weit verfehlt.

Behauptung: Mit Grippeimpfung kann man sich nicht mehr erkälten

Falsch. Zu unterscheiden ist zwischen einer Grippe und harmloseren Infekten wie Erkältungen oder sogenannten grippalen Infekten. Letztere sind völlig andere Krankheiten. Vor ihnen schützt die Impfung nicht. So ist es auch zu erklären, dass manche Menschen nach einer Impfung krank werden. Das hat aber mit der Wirksamkeit der Spritze nichts zu tun.

Behauptung: Die Impfung wirkt nicht.

Ungenau. Zwar gibt es tatsächlich keinen 100-prozentigen Schutz, zum Beispiel wenn sich Patienten kurz zuvor oder danach mit Grippe-Viren anstecken – also wenn die Impfwirkung noch nicht vollständig eingesetzt hat. Zudem wird der Impfstoff jedes Jahr neu angepasst und wirkt je nach Jahr mehr oder weniger gut. Doch wird nach RKI-Angaben das Risiko zu erkranken in jedem Fall deutlich gesenkt – um rund die Hälfte etwa bei älteren Menschen mit weniger Abwehrkräften. Zudem hätten Studien belegt, dass bei Patienten, die trotz Impfung erkranken, die Grippe sanfter verläuft.

Behauptung: Die Grippeimpfung übernimmt immer die Krankenkasse.

Falsch. Nicht alle Krankenkassen zahlen für jeden. Nur für diejenigen Patienten, für welche die Ständige Impfkommission eine Grippeimpfung „ausdrücklich empfiehlt“, müssen sie die Kosten übernehmen. Einige Krankenkassen bezahlen aber auch für andere Menschen die Leistung.

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