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Die Zukunft des Verkehrs: Die Drohne, Fluch und ganz viel Segen

Die Zukunft des Verkehrs : Die Drohne, Fluch und ganz viel Segen

Der Leiter des RWTH-Instituts für Flugsystemdynamik Dieter Moormann gibt am Dienstag im Aachener Rathaus Einblicke über sich wandelnde Verkehrsströme. Unser Redakteur Christoph Pauli traf sich vorab mit ihm.

Am Dienstagabend ist Dieter Moormann Gast bei der „Uni im Rathaus“. Im Aachener Krönungssaal wird der Leiter des Instituts für Flugsystemdynamik der RWTH Aachen ein bisschen in die Zukunft des Verkehrs schauen. „Von Rettungsdrohne bis Flugtaxi – die Revolution der urbanen Mobilität?“ ist das Thema der Runde. Moormann ist ein führender Forscher für automatisiertes Fliegen.

Herr Professor, Revolution ist ein großes Wort. Ist der Begriff gerechtfertigt?

Dieter Moormann: Definitiv, wir müssen Mobilität neu denken. Dazu gehören dann auch Flugsysteme, die Menschen retten können. Rettungsdrohnen und Flugtaxis stehen zwar nicht alleine für die Revolution – deswegen steht da ein Fragezeichen. Sie belegen eine Nische, aber eine sehr wichtige. Sie werden unsere Verkehrsprobleme am Boden nicht lösen, aber sie verändern unsere Mobilität.

Drohnen bedeuten Fluch und Segen. Reden wir erst einmal über den Segen, für den Sie forschen: Feuerwehren setzen schon auf Kameras an fliegenden Drohnen, um sich im Katastrophenfall orientieren zu können. Auch die Bergwacht oder Seenotretter suchen so Menschen in schwer zugänglichen Gebieten. In welchen Branchen ist der Siegeszug der Drohne absehbar?

Moormann: Sie kann im Umweltmonitoring eingesetzt werden. Vogelschützer an der Nordsee zählen mit unbemannten Luftfahrzeugen Vögel, ohne dass sie in die Brutgebiete eindringen müssen. Gebäude und Brücken lassen sich so überwachen. In Indonesien werden Ananas-Plantagen abgeflogen, um zu sehen, ob nachgedüngt werden muss. In Deutschland wird auf Feldern der Reifegrad von Weizen so überprüft. Es gibt viele Einsatzgebiete. Stromleitungen lassen sich mit Drohnen effizient, ressourcen- und umweltschonend kontrollieren, weil kein teurer Hubschrauber eingesetzt werden muss. Der Aspekt der Umweltschonung wird immer wichtiger. Deswegen fliegen wir bei all unseren Projekten nur elektrisch. Unsere Tendenz geht dahin, dass wir irgendwann tatsächlich C02-neutral unterwegs sein können.

Feuerwehren wie in Dortmund arbeiten bereits in Kooperation mit Ihrem Institut mit Drohnen. Was können sie?

Moormann: Der Feuerwehrkopter findet selbständig zum Beispiel eine vermisste Person in einem Areal, für das er nur die ungefähren Koordinaten erhalten hat. Mit ihm gewinne ich auf jeden Fall Zeit, er ist vor den Hilfskräften am Ziel. Im nächsten Frühjahr ist übrigens im Rahmen eines Forschungsprojektes der grenzüberschreitenden Urban-Air-Mobility-Initiative eine Demonstration an der deutsch-niederländischen Grenze im Norden Aachens geplant.

Was können diese Flugobjekte sensorisch: Lässt sich zum Beispiel Kohlenmonoxid messen?

Moormann: Ja, so ein Projekt haben wir begleitet. Die Drohnen haben sogar feine Radioaktivitätsmengen messen können.

Reden wir über den Fluch: Über NRW-Gefängnissen sind in diesem Jahr bereits zehn Drohnenflüge registriert worden. Die fliegenden Boten könnten Waffen, Handys, Werkzeug transportieren.

Moormann: Es ist gesetzlich verboten, über Kasernen oder Gefängnisse zu fliegen, ebenso wie über Menschenansammlungen, Flughäfen, Industriegebieten, Wohngrundstücken und Naturschutzgebieten. Regulatorisch ist das geklärt. Das Problem ist der Vollzug, wie kann ich diese illegalen Flüge verhindern?

Im Jahr 2013 ist eine Drohne bei einer Veranstaltung in Dresden vor die Füße der Kanzlerin gestürzt. Es steckte keine kriminelle Absicht dahinter, aber muss man sich nicht darauf einstellen, dass Drohnen zum Beispiel Sprengstoff über Menschenmengen abwerfen können?

Moormann: Wir müssen das als sehr reale Gefahr erkennen. Die Herausforderung ist es nun, Lösungen zu entwickeln, um Menschen und Infrastruktur angemessen zu schützen.

In den Niederlanden gibt es ausgebildete Adler, die sich Drohnen im gesperrten Luftraum krallen. Für einen begeisterten Ingenieur wie Sie ist das vermutlich nicht die perspektivische Lösung?

Moormann: Eher nicht, Ingenieure arbeiten zum Beispiel an Abwehrsystemen mit elektromagnetischen Feldern. Unser wissenschaftliches Augenmerk hier in Aachen liegt aber auf sicheren Luftfahrzeugen. Wir wollen zuverlässig unterwegs sein, um beispielsweise die feindliche Übernahme der Fluggeräte zu verhindern. Die wichtigen Rettungssysteme sollen störsicher sein und immer ihre Orientierung behalten. Die dafür erforderliche Intelligenz und Elektronik macht sie dann leider aber auch teuer.

Drohnen kann man konstruktiv einsetzen. Sie werden aber auch militärisch genutzt, um Personen zu töten oder Gebäude zu vernichten. Braucht es aus Ihrer Sicht eine Drohnen-Ethik?

Moormann: Wir brauchen sie unbedingt, nicht nur für Fluggeräte, sondern für alle funktionierenden, militärischen Geräte. Militärische Waffeneinsätze dürfen meiner Meinung nach niemals automatisch erfolgen. Es ist eine politische Aufgabe, hier weltweit ethische Standards festzulegen. Die Versuche dafür gibt es bereits.

Sie haben schon vor Jahren im Auftrag der DHL einen Paketkopter entwickelt, der die acht Kilometer lange Flugdistanz zwischen Reit im Winkl und der Winklmoosalm und eine Höhendifferenz von knapp 500 Metern kameralos bewältigt hat. Was bedeuten solche Pilotprojekte für den Alltag?

Moormann: Der Paketkopter war das erste Flugsystem in Deutschland, das regelmäßig selbständig auch außerhalb der Sichtweite eines Steuerers unterwegs war. Solche Forschungsprojekte schaffen technische Standards, Sicherheitsvorschriften und Gesetze. Für den logistischen Alltag im Paketversand sind solche Flugsysteme derzeit allerdings noch zu teuer.

In Berlin wird der Pizzakopter, in Friesland der Bierfasstransporter, in Freiburg der Dönertransport durch Drohnen erprobt. Was wird sich durchsetzen?

Moormann: Für mich ist das alles Unfug. Ich sehe den Transport mit unbemannten Luftfahrzeugen als Nische nur für wichtige und zeitkritische Güter.

Woran arbeiten Sie im Institut?

Moormann: Es geht aktuell darum, automatisierte Rettungseinsätze weiter zu professionalisieren. Bislang gibt es nur einzelne Insellösungen, nun müssen wir zusätzlich die Luftraumintegration vorantreiben, damit sich immer mehr unbemannte mit bemannten Luftfahrzeugen „vertragen“. Das andere große Thema sind die Lufttaxis. Wir unterstützen das Aachener Silent Air Taxi, und wir beraten derzeit mit Partnern die Transportbehörde in Dubai intensiv, dort werden die ersten Lufttaxis unterwegs sein. Wir forschen hier an Flugsystemen, die vertikal starten und landen können und gleichzeitig sehr effizient große Flugstrecken zurücklegen können. Das erfordert sehr viele Vorarbeiten zur Automatisierung bis hin zu einer künstlichen Intelligenz, um die Flugsysteme auch in Fehlerfällen immer sicherer zu machen.

Rettungsdrohne im Test hoch über Aachens Dächern

Wenn Sie in fünf Jahren wieder zu einem Vortrag ins Rathaus eingeladen werden: Wie weit wäre die angekündigte Revolution bis dahin vollzogen?

Moormann: Wir werden dann regelmäßig Rettungseinsätze erleben, Organe und Blutproben werden zwischen den Krankenhäusern autark und ressourcensparend transportiert. Spätestens innerhalb der nächsten zehn Jahre werden wir auch verletzte Patienten mit unbemannten Flugsystemen zwischen Krankenhäusern bewegen. Wir werden in diesem Zeitfenster auch erste Lufttaxis auf ausgewählten Strecken sehen, die Menschen zum Beispiel von Aachen zum Köln-Bonner Flughafen in deutlich unter 30 Minuten transportieren können.