Die Bedeutung der Braunkohle für NRW

Die Bedeutung der Braunkohle für NRW : „Wandernde Löcher“ und viel Strom

NRW bleibt Kohleland - auch wenn Ende des Jahres die letzte Steinkohlezeche geschlossen wird. Wie lange noch Braunkohle gefördert wird, darüber wird heftig gestritten. Noch ist sie die Nummer eins bei der Stromerzeugung in Nordrhein-Westfalen.

Im Städtedreieck zwischen Aachen, Köln und Mönchengladbach trifft man auf „wandernde Löcher“ - die Braunkohletagebaue. Riesige Schaufelradbagger tragen die oberen Erdschichten ab, um die Kohleflöze freizulegen. Mit dem Abraum werden die ausgekohlten Flächen wieder verfüllt und am Ende entstehen künstliche Seen. Mehrere Zehntausend Menschen mussten den Baggern weichen und wurden umgesiedelt. Ein Blick auf die Rolle der Braunkohle in Nordrhein-Westfalen.

Der Strom:

Gut jede vierte in Deutschland erzeugte Kilowattstunde stammte 2016 aus NRW. Dabei wurden mehr als 70 Prozent des NRW-Stroms mit Braun- und Steinkohle produziert. Wind, Sonne, Wasserkraft und Biomasse steuerten lediglich 10 Prozent bei. Im Jahr 2015, neuere Zahlen liegen noch nicht vor, wurden in NRW gut 165 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert und knapp 120 Milliarden Kilowattstunden verbraucht.

Während die Bedeutung der Steinkohle für die Stromerzeugung in NRW parallel zum Rückgang der Kohleförderung in den Ruhrgebietszechen seit 1990 deutlich gesunken ist, blieb der Anteil der Braunkohle weitgehend stabil. Aus Braunkohle stammten 2016 etwa 75 Milliarden Kilowattstunden Strom, aus Steinkohle gut 45 Milliarden Kilowattstunden.

Die Umwelt:

Gut 286 Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid sind in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2016 freigesetzt worden. Mit 150 Millionen Tonnen stammten davon mehr als die Hälfte aus der Energiewirtschaft, wie das Landesumweltamt ermittelt hat. Auf die vier großen RWE-Braunkohlekraftwerke Frimmersdorf, Neurath, Weisweiler und Niederaußem entfielen 2016 wie 2017 knapp 80 Millionen Tonnen CO2, davon stammten 32 Millionen Tonnen aus dem Kraftwerk Neurath.

Seit dem vergangenen Jahr hat RWE vier ältere Kraftwerksblöcke vom Netz genommen. Sie sind in eine Sicherheitsbereitschaft gegangen und werden nach vier Jahren endgültig stillgelegt. RWE erhält dafür eine Entschädigung. Der Konzern will so bis 2020 etwa 15 Prozent weniger CO2 emittieren. Bis etwa 2030 soll es unter anderem durch das Ende des Tagebaus Inden und die damit verbundene Schließung des Kraftwerks Weisweiler eine CO2-Minderung von 40 bis 50 Prozent geben.

Das Unternehmen:

Für RWE ist die Braunkohleverstromung ein berechenbares Geschäft. Der Konzern fördert die Kohle in den Tagebauen und verfeuert sie zum Selbstkostenpreis in den eigenen Kraftwerken. „Braunkohle ist billig“, hat RWE-Chef Rolf Martin Schmitz jüngst gesagt.

Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die RWE-Sparte Braunkohle und Kernenergie, auf die 52 Prozent der Stromerzeugung entfielen, ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern und Abschreibungen von 670 Millionen Euro. Der Bereich Stromerzeugung aus Gas, Steinkohle und erneuerbaren Energien steuerte 463 Millionen Euro bei. Genauere Angaben macht das Unternehmen nicht.

Die Arbeitsplätze:

Im rheinischen Revier waren Ende vergangenen Jahres rund 9700 Menschen in den Tagebauen und den angeschlossenen Kraftwerken beschäftigt. Laut RWE hängen in der Region rund 20 000 Arbeitsplätze direkt und indirekt von der Braunkohle ab. Einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI zufolge beträgt der Anteil der Beschäftigten in der Braunkohle gut ein Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Region, in der Lausitz ist er doppelt so hoch. Schon seit langem werden Arbeitsplätze abgebaut. Vor 30 Jahren waren in den rheinischen Tagebauen ohne die Kraftwerke noch gut 15 000 Menschen beschäftigt.

Die Region:

Laut RWI ist die wirtschaftliche Entwicklung der rheinischen Braunkohleregion mit ihren rund 2,5 Millionen Einwohnern etwas besser als im NRW-Durchschnitt. Die Forscher weisen aber auch auf Schwachstellen hin. So stelle sich etwa die Lage beim Zukunftsthema Forschung und Entwicklung „tendenziell ungünstig“ dar. Insgesamt habe die Region aber gute Chancen, bei einem schrittweisen Ausstieg aus der Braunkohleverstromung den Strukturwandel zu bewältigen.

Rund um die Braunkohlekraftwerke gibt es viele energieintensive Unternehmen, etwa aus der Chemie- und der Aluminiumindustrie. Einer der größten Stromverbraucher in Deutschland ist die Aluminiumhütte in Neuss, auf die laut einer Studie für die Industrie- und Handelskammern der Region 0,5 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland entfallen. Von RWE beliefert wird die Hütte allerdings nicht. Der norwegische Besitzer Norsk Hydro hat einen langfristigen Liefervertrag mit einem Schweizer Energiehändler geschlossen, der auch selbst Strom erzeugt.

(dpa)
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