Bauern protestieren gegen das Agrarpaket: Die Angst vor dem Höfesterben

Bauern protestieren gegen das Agrarpaket : Die Angst vor dem Höfesterben

Mit grünen Kreuzen auf ihren Feldern protestieren Bauern gegen das geplante Agrarpaket der Regierung. Genaue Zahlen gibt es für die Protestaktion nicht, aber Hunderte Landwirte sollen sich in NRW beteiligen – so auch „Bauer Willi“ aus Rommerskirchen.

Weithin sichtbar schicken derzeit grüne Kreuze auf deutschen Feldern eine stille Mahnung in die Welt. Zwischen 10.000 und 15.000 sollen es bundesweit bereits sein, genaue Zahlen gibt es nicht. In NRW beteiligen sich Hunderte Landwirte an der Aktion, die Willi Kremer-Schillings aus Rommerskirchen, besser bekannt als „Bauer Willi“, mit initiiert hat. Auslöser ist das von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) auf den Weg gebrachte Agrarpaket. Dabei geht es, verknappt formuliert, um Auswirkungen des Umweltschutzes auf die Landwirtschaft. „Grundsätzlich finde ich es vernünftig, den Naturschutz stärker zu berücksichtigen“, sagt Kremer-Schillings, „aber was in diesem Paket zusammengetragen wurde, hat mir den Atem verschlagen. Das raubt einem Großteil der Betriebe die Lebensgrundlage.“

In dem Papier ist laut Kremer-Schillings keinerlei finanzieller Ausgleich vorgesehen für die Maßnahmen, die dem Umweltschutz zugute kommen sollen. „Umsonst funktioniert das aber nicht“, sagt er, „denn wir müssen von den Betrieben leben.“ So sieht das Paket beispielsweise vor, dass auf einem Streifen von fünf Metern entlang von Gewässern kein Ackerbau mehr betrieben werden darf. „Enteignung durch die Hintertür“ nennt dies Kremer-Schillings.

Ein stiller Protest

Außerdem sollen Landwirte rund 75 Prozent weniger Pflanzenschutzmittel nutzen und Flächen für Biodiversitätsmaßnahmen bereitstellen, um etwa Lebensraum für Insekten zu bieten. „Hinweise darauf, wie das finanziell kompensiert werden soll, finden sich nicht. Und diese Flächen stehen dann auch nicht mehr zur regionalen Lebensmittelproduktion zur Verfügung“, sagt der 65-Jährige.

Aus dem Frust über die Pläne der Regierung entwickelte Kremer-Schillings mit gleichgesinnten Bauern die Idee, sich zu wehren – mit einem stillen Protest. „Bauer Willi“ und seine Mitstreiter treffen einen Nerv, fast täglich kommt irgendwo ein grünes Kreuz dazu. Aus der Politik erhält Kremer-Schillings nach eigenem Bekunden positive Resonanz, so dass die Landwirte auf eine Nachbesserung des Agrarpakets hoffen. „Noch muss das Programm durch den Bundestag“, sagt er. Der Rheinische Landwirtschaftsverband (RLV) kündigte an, dass der Berufsstand in Kürze ein deutliches Zeichen zum Agrarpaket setzen werde: „Geht es so planlos und praxisfern weiter wie bisher, wird man nur ein Ziel erreichen: Dass die regionale Landwirtschaft verschwindet und Nahrungsmittel in Zukunft aus dem Ausland kommen. Das trifft am Ende nicht nur die Bauern, sondern schadet der gesamten Gesellschaft.“

Vor allem, weil kleinere und mittelständische Betriebe betroffen sein werden, sagt Frank Wilms, der einen Hof in Erkelenz betreibt und bei der Raiffeisen-Waren-Genossenschaft (RWG) Rheinland arbeitet. „Dabei sind es ja gerade die regionalen Anbieter, die bei der Bevölkerung gefragt sind“, sagt der 33-Jährige, der auch ein grünes Kreuz aufgestellt hat. „Aber für sie wird es imm er schwieriger, kostendeckend zu arbeiten.“

Dem Wülfrather Bauern Bernd Kneer fehlt es an Verlässlichkeit. In der Landwirtschaft würde in Generationen gedacht, erklärt er, neue Gebäude etwa über 25 bis 30 Jahre abgeschrieben. „Jüngere Menschen haben Angst zu investieren, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht, ob sie etwa auf dem elterlichen Hof eine Zukunft haben“, sagt der 52-Jährige.

Ralf Bilke, Agrarreferent beim Bund für Umwelt- und Naturschutz NRW, sieht in den grünen Kreuzen eine andere Symbolik. „Für mich stehen sie auch für Artenschwund“, sagt er. Es sei doch eine Selbstverständlichkeit, dass in Schutzgebieten nicht gespritzt werden dürfe oder Randsäume von Feldern nicht beackert würden. Dafür könne man keine finanzielle Entschädigung verlangen. Andererseits verstehe er die Landwirte. „Der Bauernverband hat notwendige Veränderungen jahrelang ausgebremst“, sagt Bilke, „jetzt stehen die Landwirte vor dem Scherbenhaufen der eigenen Verbandspolitik“. Viele würden versuchen, ihren Besitzstand zu wahren und weiterzumachen wie bisher. Diese Abwehrhaltung von einem Teil der Bauernschaft sei „aus der Zeit gefallen“. Bilke: „Klimaschutz, Naturschutz und Landwirtschaft lassen sich nur zusammen denken.“

Landwirt Kneer betont, dass er sowohl an die Landwirtschaft glaubt als auch die Notwendigkeit sieht, etwas für den Naturschutz zu tun. Auf seinen Feldern hat er freiwillig Blühstreifen angelegt. Mit einer gesetzlichen Regelung, bestimmte Flächen für den Insektenschutz vorzusehen, ohne dass der Staat den Verlust ausgleiche, sehe das aber anders aus. „Dann bekommen wir auf unseren Betrieben massive wirtschaftliche Probleme“, sagt er. Kneer hofft auf eine Lösung im aktuellen Konflikt. „Landwirtschaft auch unter ökologischen Gesichtspunkten hat eine Zukunft“, sagt er. „Nur geht das nicht von jetzt auf gleich.“