Aachen: Die „Aachener Nachrichten“ feiern 70. Geburtstag

Aachen: Die „Aachener Nachrichten“ feiern 70. Geburtstag

Dass die Arbeit für eine Zeitung oder Zeitschrift lebensgefährlich sein kann, das haben die Terroranschläge in Paris erst kürzlich wieder auf barbarische Weise deutlich gemacht. Vor 70 Jahren war das schon einmal so — wenn auch aus anderen Gründen.

„Die Arbeit der Leute, die damals die ,Nachrichten‘ machten, war lebensgefährlich“, erinnert sich Kaspar Vallot an die Anfangszeit der Zeitung, die schon bald seine Zeitung werden sollte: Die „Aachener Nachrichten“, deren erste Ausgabe heute vor genau 70 Jahren erschien. Am 24. Januar 1945, einer Zeit, in der nur ein paar Kilometer weiter östlich der Zweite Weltkrieg noch tobte. „Der damalige Aachener Oberbürgermeister Franz Oppenhoff ist noch vor Kriegsende von einem Nazi-Kommando erschossen worden“, verdeutlicht Vallot die Verhältnisse, unter denen die ersten Ausgaben zustande kamen. Aber sie kamen zustande, für den 89-jährigen Kaspar Vallot, der 1947 zu den „Nachrichten“ kam und sie von 1973 bis 1983 als Chefredakteur leitete, war das „ein Wunder, überhaupt Zeitung machen zu können“.

Und offenbar nicht nur für ihn. Denn die 12 000 Exemplare der vierseitigen ersten Ausgabe, die für 20 Pfennig verkauft wurden, gingen weg wie die vielzitierten warmen Semmeln. Von der zweiten Ausgabe, die sieben Tage später am 31. Januar 1945 erschien, gab es bereits 18909 Exemplare — und das in einer Stadt, in der in den letzten Kriegsmonaten nur noch knapp 10000 Menschen lebten. So ausgehungert waren die Überlebenden in der Stadt, die im Oktober 1944 als erste deutsche Großstadt durch amerikanische Truppen vom Nationalsozialismus befreit wurde, nach Neuigkeiten. Und die „Nachrichten“ lieferten sie ihnen.

Damit wurden die „Aachener Nachrichten“ zur ersten deutschen Zeitung im befreiten Deutschland überhaupt. Am 27. Juni 1945 bekam Herausgeber Heinrich Hollands schließlich hochoffiziell die Lizenz Nr. 1 überreicht.

Das alles ist jetzt sieben Jahrzehnte her. Viel ist seitdem geschehen: Die Bundesrepublik wurde gegründet und Aachen entwickelte sich darin zu einer prosperierenden Stadt mit den Markenzeichen Hochschule, Karlspreis, CHIO, Printen und Karneval. Anderes kam und ging, tauchte auf und verschwand wieder. Doch immer noch da sind die „Nachrichten“, die heute täglich von mehr als 100 000 Menschen zwischen Heinsberg und Monschau, zwischen Aachen und Düren gelesen werden.

Auch im Journalismus hat sich in dieser Zeit viel getan. Fotos waren in Kaspar Vallots Anfangstagen noch eine Seltenheit, Farbe gab es überhaupt nicht. „Wir haben noch wie Gutenberg gearbeitet“, sagt Vallot schmunzelnd. Dennoch durften die „AN“ ihre vielleicht berühmteste Überschrift schon früh in ihrer Geschichte drucken. Denn am 8. Mai 1945 titelten die „Nachrichten“ als einzige deutsche Zeitung überhaupt: „Der Krieg ist aus“. Geschrieben hatte sie der inzwischen verstorbene Otto Pesch. Tagelang hatte er in der Redaktion auf das Kriegsende gewartet, erinnerte er sich zum 60-jährigen Bestehen der „Nachrichten“ an die Geschichte hinter der Überschrift. Als er schließlich nach Hause ging, empfing ihn seine Frau mit den berühmten Worten. Folglich gebühre Alma Pesch der Ruhm für die Schlagzeile vom Kriegsende, verriet Pesch vor zehn Jahren.

Der Journalist Otto Pesch und Herausgeber Heinrich Hollands waren die Männer der ersten Stunde. Ausgewählt wurden sie von der sogenannten Psychological Warfare Division (PWD), einer anglo-amerikanischen Einheit, die das besiegte deutsche Volk zur Demokratie hin umerziehen sollte. Das sollte zunächst in Schulen und Hochschulen, aber natürlich auch mit Hilfe der Presse geschehen.

Gute Startbedingungen

Die Startbedingungen dafür waren in Aachen verhältnismäßig günstig. Zum einen waren Hollands und Pesch vom Nationalsozialismus unbelastet und kannten sich zudem im Zeitungswesen aus: Hollands war Drucker, Pesch Journalist. Außerdem hatte im Verlagshaus des ehemaligen „Aachener Anzeiger — Politisches Tageblatt“ eine Druckmaschine und ausreichend Papier den Krieg unversehrt überstanden. So wurde dieses Haus an der heutigen Theaterstraße in Aachen zum Labor für die deutsche Nachkriegspresse. Dort arbeiteten die Laboranten Hollands und Pesch unter Anleitung eines dreiköpfigen PWD-Presseteams.

Diese Zusammenarbeit sah zu Beginn natürlich eine strenge Zensur vor, zeitweise mussten die Einverständnisse von sechs verschiedenen Militärbehörden eingeholt werden und selbst die Zeitungsboten benötigten Begleitschutz, ansonsten drohte ihnen die Verhaftung. Zudem wurden die Namen von Otto Pesch und Heinrich Hollands zunächst noch geheim gehalten, da die PWD Attentate von Nationalsozialisten befürchtete. Schließlich war Aachen zu dieser Zeit noch eine befreite Insel im „Dritten Reich“ und das Arbeiten für die Siegermächte auf dieser Insel wie schon erwähnt „lebensgefährlich“.

Doch Pesch und Hollands schwammen sich frei. Schrittweise wurde die Vorzensur durch eine Nachzensur ersetzt. Doch auch Kaspar Vallot bekam die Zensur noch am eigenen Leib zu spüren. „Ich habe mir mal eine Glosse erlaubt, die der Militärregierung nicht genehm war“, erinnert er sich, „da hieß es: ,Vallot, Sie haben 14 Tage Schreibverbot.‘“

Schreibverbot hin, Zensur her, nach der Lizenz Nummer 1 „übernahmen“ britische Truppen die „Nachrichten“, als Deutschland in vier Besatzungszonen eingeteilt wurde. Und die stülpten den Zeitungen in ihrer Besetzungszone auch das Prinzip der Parteirichtungspresse über. Die „Nachrichten“ erschienen ab dem 1. März 1946 folglich als „SPD-nahe Zeitung“.

Und das hatte Folgen: Da nämlich wegen der Papierknappheit die Auflagenhöhe nun nach den Wahlergebnissen berechnet wurde, verloren die „Nachrichten“ ihre Vormachtstellung in Aachen an die CDU-nahe „Aachener Volkszeitung“, die heutige „Aachener Zeitung“. Nachdem die Briten das Prinzip der Parteirichtungspresse 1949 aufgaben, traten die „Nachrichten“ übrigens aus dem Verbund der sozialdemokratischen Blätter wieder aus.

Heute erscheinen „Aachener Nachrichten“ und „Aachener Zeitung“ in einem Verlag, die Inhalte beider Zeitungen werden von einer Redaktion erarbeitet und geschrieben — und das nicht nur auf Papier, sondern auch im Internet und in der digitalen Abendzeitung. Die „Nachrichten“ sind also gut aufgestellt: für die nächsten 70 Jahre.

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