Aachen: „Dicke Party”: Die große Facebook-Sause fällt ins Wasser

Aachen: „Dicke Party”: Die große Facebook-Sause fällt ins Wasser

Enttäuschung war schon zu spüren bei André aus Eilendorf und Onur aus Brand, beide 17 Jahre alt, als sie am Freitag gegen 19 Uhr nicht in den mit Gittern abgesperrten Elisengarten gehen konnten und in der Rotunde der Dinge warteten, die noch kommen sollten: „Wir hatten uns auf die Party gefreut.”

Und auf die Frage, was sie denn nun machen würden, gaben sie eine vielleicht für diese Generation typische Antwort: „Mal gucken, was die Masse macht!”

Die machte am Freitag nicht mehr viel: Als die Polizei und Mitarbeiter des Ordnungsamtes gegen 19.15 Uhr begannen, die Rotunde des Elisenbrunnens, einen der wenigen trockenen Orte zu dieser Zeit des Dauerregens, freundlich, aber bestimmt zu räumen, kamen die meisten Internetnutzer dem auch mehr oder minder schnell nach. In der Spitze waren es rund 500 Feierwillige auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz.

Während die einen schon gingen, kamen andere noch mit dem Bus an, verließen den Ort des Geschehens aber auch nach relativ kurzer Zeit. Den Rest gab wohl das Konzert der Bigband der städtischen Musikschule, das ordnungsgemäß angemeldet war und um 20 Uhr im rechten Flügel des Elisenbrunnens begann. Die Musik traf wohl nicht so ganz den Geschmack der Partygänger. So hatte der Tag sich entwickelt:

10.30 Uhr: Ein gewöhnlicher Freitag Vormittag in der Aachener Innenstadt. Touristen, Rentner, Eltern mit Kindern und Studenten bevölkern den Elisengarten. Sie sind auf der Suche nach einem ruhigen Fleckchen. Die Mitarbeiter der Stadt beginnen, den Garten abzusperren.

12 Uhr: Rund um den Garten steht ein Metallzaun von einem Meter Höhe. Ein Polizeifahrzeug parkt in der Ursulinenstraße. Es herrscht völlige Ruhe.

13 Uhr: Viele ältere Menschen schauen sich erstaunt um. Die Absperrung scheint sie zu verwirren. Einige jüngere Passanten schmunzeln beim Anblick der Metall-Barrieren. Auf dem Rasen des Gartens beginnt eine Touristen-Gruppe mit einem ausführlichen Picknick.

14 Uhr: Die Interesse wächst. Immer mehr Passanten diskutieren und gestikulieren. „Ich finde es richtig, dass die Stadt den Garten sperrt”, sagt Iyssu Amanuel (50), der häufiger im Rücken des Elisenbrunnens ausspannt. „Das hier ist ein Park, in dem die Menschen Ruhe suchen.” Einen anderen Aspekt führt Jürgen Winands (38) an. „Wer übernimmt die Kosten für so etwas”, fragt er. Irgendwie sei die Idee ja nett. „Aber was kommt als Nächstes? Und warum kann der Veranstalter nicht vorher mit der Stadt Kontakt aufnehmen?” Lena Sofuoglu (29) aus Köln war in Aachen zu Besuch. „Ich kann die Stadt und die Polizei verstehen. Da kann ja nicht einfach jeder kommen und in der Stadt eine große Party veranstalten.”

Ein Aspekt hat alle gleichermaßen interessiert. Es ist die Frage, ob es wirklich funktionieren kann, dass ein anonymer Aufruf tausende Menschen auf den Plan bringt. „Die Idee ist interessant”, sagt Monika Schmitz-Wirtz (50). „Menschen, die sich nur über das Internet kennen, treffen sich in der Realität.” Aber wenn sie sich träfen, dann doch bitte organisiert und gesittet. Darauf bestanden am Freitag alle Befragten. Auch Valerisa di Rita (17). „Ich würde teilnehmen. Aber ich habe keine Zeit”, teilt die junge Aachenerin mit. Und ein wenig mehr Kooperation seitens der Stadt wünscht sie sich auch. „So eine Absperrung hält die Leute nicht ab. Im Gegenteil.”

Bei der Stadt sind derweil die Vorbereitungen weit gediehen. Für große Teile des Ordnungsamtes ist Einsatz oder zumindest Rufbereitschaft angeordnet - die Begeisterung hält sich verständlicherweise in engen Grenzen. Der Eintrag auf Facebook, in dem in den Elisengarten eingeladen wurde, ist noch am Donnerstag gelöscht worden. Die Aachener Polizei versichert, damit nichts zu tun zu haben. Sprecher Paul Kemen: „Ich vermute, dass die das selber gelöscht haben.” Die Fahnder könnten auch gar nicht so einfach auf Facebook zugreifen: „Erst wenn eine Straftat begangen wurde, kann man an Facebook rangehen. So einfach ist das nicht.”

Nachmittags erhält die Stadt Nachrichten, dass im Internet Ausweichstandorte gehandelt werden. Eine Julia K. lädt für 20 bis 23 Uhr in den Park am Hangeweiher ein, zur „größten Party Aachens.” Schnell kommen an die 500 Zusagen zusammen. Stadtsprecher Hans Poth: „Dagegen hätten wir nichts gehabt.” Doch auch am Hangeweiher ist ein größerer Andrang nicht zu sehen. Viel Aufregung um einen Internet-Aufruf, der einige Dutzend Mitarbeiter von Polizei, Ordnungsamt und Feuerwehr auf Trab gehalten hat.

Facebook-Party in Wuppertal eskaliert

In Wuppertal ist am Freitagabend eine spontane Facebook-Straßenparty mit 800 Teilnehmern völlig aus dem Ruder gelaufen. Als aus der Menge Flaschen geworfen und bengalische Feuer angezündet wurden, löste ein Großaufgebot die Polizei die Feier auf. 41 junge Leute kamen vorübergehend in Polizeigewahrsam, gegen drei von ihnen erging Strafanzeige wegen Körperverletzung, Landfriedensbruchs und Widerstands gegen die Staatsgewalt.

Unter die Feiernden hätten sich Ultra-Fans des Wuppertaler SV gemischt, „um unter dem Deckmantel der Anonymität Randale zu machen”, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Samstag im WDR-Hörfunk. Diese Gruppe habe die bis dahin friedliche Veranstaltung zum Kippen gebracht, sagte ein Sprecher der Wuppertaler Polizei. Der Großteil der Festgesetzten, die am Samstag wieder auf freiem Fuß waren, komme aus diesem Kreis.

Um die Lage in den Griff zu bekommen, musste die Polizei Beamte aus Duisburg, Köln und Dortmund nach Wuppertal holen. Insgesamt waren mehr als 100 Polizisten im Einsatz. Gegen die Randalierer setzen die Beamten Pfefferspray ein. Verletzt wurden 16 Personen, 13 von ihnen mussten wegen Reizungen der Augen behandelt werden. Die Party hatte gegen 19.30 Uhr begonnen, der Einsatz der Polizei dauerte bis gegen 2 Uhr am Samstagmorgen.

Zur Teilnahme an der Party war unter einem Pseudonym über das soziale Netzwerk Facebook aufgerufen worden. Das sei für die Polizei und die Kommunen ein großes Problem, sagte Jäger. Bei solchen spontanen Veranstaltungen mit hunderten oder tausenden Teilnehmern „weiß man nie, wer da kommt”.

Spontanfeiern sorgten in den vergangenen Wochen wiederholt für Einsätze der Polizei. Anfang Juni hatte ein Mädchen in Hamburg auf Facebook seinen 16. Geburtstag gepostet und dabei ungewollt massenweise fremde Leute zu ihrer Party gelockt. Rund 1600 Feiernde zogen vor ihr Elternhaus, es gab Schlägereien, demolierte Autos, Verletzte und Festnahmen.

Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Erich Rettinghaus beklagte, es entstehe eine neue Veranstaltungsform, die für die Polizei „weder planbar noch steuerbar ist”. Das Personal, das kurzfristig herangezogen werden müsse, um bei einer ausgeuferten Facebook-Party einzuschreiten, fehle dann woanders.

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