Aachen: Dialogtagung des Bistums: Wo bleibt bei künstlicher Intelligenz die Ethik?

Aachen : Dialogtagung des Bistums: Wo bleibt bei künstlicher Intelligenz die Ethik?

Ohne geht es offensichtlich nicht mehr: „Künstliche Intelligenz ist die neue Elektrizität“, sagt Jonas Kölzer. Der 25-Jährige hat sein Master-Examen an der RWTH Aachen bereits hinter sich und mit seinem Freund Patrick Neubert vor einem Jahr das Unternehmen Polarstern Education gegründet, das seine Basis in der sogenannten Digital Church — der früheren Pfarrkirche St. Elisabeth — am Aachener Blücherplatz hat.

Dorthin lud das Bistum Aachen jetzt zu seiner vierten Dialogtagung „Kirche und Wirtschaft“, um über Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz (KI) zu diskutieren.

Kölzer und Neubert wollen mit Polarstern Education die Bildung aus der analogen Welt in die digitale übertragen, das eine aber nicht durch das andere ersetzen. „Bildung wird nicht rein digital funktionieren; die soziale Interaktion ist und bleibt notwendig“, sagt Kölzer. Er und Neubert arbeiten mit der RWTH zusammen und entwickeln digitale Bildungsprogramme, die auf unterschiedliche Fähigkeiten, Interessen und Wissensstufen einer Lerngruppe eingehen können. Schon Kinder könnten ihr eigenes Lernen selbst gestalten.

Mit Polarstern Education tun die beiden jungen Aachener Forscher das, was Stefan Wrobel fordert: Deutschland und Europa müssten aufpassen, im Wettbewerb nicht zurückzufallen. „Wir müssen mit KI aktiv werden und dürfen uns nicht von längerfristigen Fragen zurückhalten lassen.“ Der Professor für Informatik an der Universität Bonn und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Intelligente Analyse- und Informationssysteme meint ethische Fragen; wobei Wrobel jedoch deutlich betont, dass diese sehr wohl zu berücksichtigen seien.

Lässt sich KI mit ethischen Normen in Einklang bringen?

Lässt sich KI mit ethischen Normen in Einklang bringen? Darum ging es in der Digital Church. Wrobel gab einen Überblick über den Entwicklungsstand von KI: Systeme und Maschinen, die besser Schach spielen als Menschen, die manche medizinische Diagnose schon besser stellen als Fachärzte, die sich aufgrund von Erfahrung verbessern, die Juristen beim Aktenstudium ersetzen, die Musikstücke komponieren, die Texte, Töne und Bilder verstehen — wenn auch (noch) nicht so gut wie Menschen.

„Künstliche Intelligenz ist nichts Sensationelles mehr, sondern Teil unserer Umgebung, unseres Alltags“, sagt Wrobel. KI werde flächendeckend in allen Branchen eingesetzt werden und die Arbeitswelt völlig verändern. „Wir sind heute viel mehr bereit, blind zu glauben, was Technik tut“, sagt Wrobel und sieht darin Chance wie Risiko.

Was wird aus dem Datenschutz, wenn sich die ethnische Herkunft eines Nutzers zu 95 Prozent aus dessen Facebook-Daten ermitteln lässt. KI scannt den Menschen nach Kriterien — Wohnort, Alter, Geschlecht, Nationalität, sozialer Status, Auto und mehr — und kommt so zu Einteilungen, die über Chancen und Risiken eines Lebens entscheiden können.

Die Auffassung, dass KI nicht kreativ sein kann, hält Wrobel für falsch und fragt zugleich, was das für die menschliche Identität bedeute. Der Informatiker formuliert Bedenken: „Bleiben wir selbstkritisch, wenn man sich mehr und mehr der KI überlässt?“ Wrobel beschreibt eine starke Tendenz, den eigenen Verstand und das eigene Reflexionsvermögen abzuschalten, wenn KI gut funktioniert.

Generalvikar Andreas Frick bezweifelt, dass sich Konzerne am Gemeinwohl orientieren, und fordert ein Korrektiv gegen die Interessen jener, die die Schwachen nicht im Blick haben. Oliver Grün, Vorstandschef des Digital-HUB Aachen fragt nach den Gefahren digitaler Kriegsführung und von Drohnen, die selbst entscheiden, ob sie schießen. Joachim Söder, Philosoph an der Katholischen Hochschule NRW, legt Wert auf die Unterscheidung von Intelligenz — ob künstlich oder nicht — und Weisheit. „Was ist lebenswert? Was gibt unserem Leben Gewicht?“, fragt er und fügt hinzu: „Es ist eine kontinentaleuropäische Eigenart, solche ethischen Fragen intensiv zu diskutieren.“

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