Deutscher Wetterdienst misst Rekordwerte

Hitzerekord jagt Hitzerekord : Der kurze Ruhm von Geilenkirchen

Die Wetterlage ist ernst. Hitzerekord jagt Hitzerekord. Und mittendrin die Stadt Geilenkirchen, die einen Tag lag bundesweit Schlagzeilen macht. Alles tierisch ernst nehmen darf man aber nicht. Obwohl es ernste Konsequenzen gibt.

„Sic transit gloria mundi“ (So vergeht der Ruhm der Welt). Diese Einsicht, die auf Thomas von Kempen zurückgeht, betraf im 16. Jahrhundert nicht nur den gewählten Papst, sondern gilt seit Donnerstagnachmittag auch dem Bürgermeister von Geilenkirchen. Denn für ein paar Stunden lang sonnte sich Georg Schmitz im wahrsten Sinne des Wortes in dem Ruhm, „der heißeste Bürgermeister Deutschlands“ zu sein. Schließlich wurde in seiner Kommune am Tag zuvor die höchste jemals in Deutschland gemessene Temperatur registriert: 40,5 Grad. Einen Tag später ist alles vorbei: erst 40,7 Grad in einem östlichen Bonner Stadtteil und dann um 17 Uhr 42,6 Grad im niedersächsischen Lingen.


Was ist geschehen?

Die Eilmeldung der Deutschen Presse-Agentur (DPA) erreichte unsere Zeitung am Donnerstag um 12:52 Uhr: „Deutscher Hitzerekord in Geilenkirchen offiziell anerkannt“. Und weiter berichtete die DPA: „Der Deutsche Wetterdienst hat den neuen deutschen Hitzerekord von 40,5 Grad in Geilenkirchen in Nordrhein-Westfalen vom Mittwoch bestätigt. Damit ist die bisherige Höchstmarke von 40,3 Grad im unterfränkischen Kitzingen aus dem Jahr 2015 offiziell überboten, wie ein Sprecher am Donnerstag in Offenbach mitteilte.“


Was bedeutet das?

Geilenkirchens 40,5 Grad ist – Stand Donnerstagmittag – laut Deutschem Wetterdienst (DWD) seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880 die höchste in Deutschland gemessene Temperatur – „ein absoluter Rekord, ein Allzeit-Spitzenwert“, wie Thomas Gerwin vom DWD am Donnerstagmittag noch sagte. Gemessen wurde er von einer Nato-Messstation auf der Awacs-Airbase. Weil diese Messstelle nicht zum DWD-Netz gehört, konnte der Wert erst im Laufe des Donnerstagvormittags von den Offenbacher Experten überprüft und dann offiziell bestätigt werden.

Damit hat niemand gerechnet: die Wetterwarte des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Lingen. Foto: dpa/Martin Remmers


Hat das die Geilenkirchener glücklich gemacht?

Dazu gibt es keine offizielle oder repräsentative Aussage. Womöglich hätten manche auf den kurzzeitigen Rekord gerne verzichtet, wenn es stattdessen nicht so heiß wäre. Bürgermeister Georg Schmitz hingegen ist glücklich und am Donnerstag ein viel gefragter Interview-Partner zahlreicher Medien. Der Trubel macht ihm als oberster Rekord-Repräsentant für kurze Zeit sichtlich Spaß: „Ich bin schon ein wenig stolz darauf, dass Geilenkirchen den Hitzerekord geknackt hat“, sagt er, „dadurch entsteht schließlich ein gewisser Ruhm für unsere Stadt. Ich bin nun gespannt, wie es weitergeht, denn es soll ja noch heißer werden.“


Wie ist der aktuelle Stand der Rekordjagd?

Dass sich Schmitz nicht allzu viel Hoffnung machen sollte, hat DWD-Experte Gerwin da schon längst angedeutet. Er sieht die Favoriten am Donnerstag schon ziemlich früh im östlichen Ruhrgebiet sowie am Rhein. Und im Laufe des Nachmittags ist es mit Geilenkirchens bundesweiter Popularität vorbei. Zwar weiß man hier um den eher zweifelhaften Genuss von roher Leber – aber Bonn-Roleber? Ausgerechnet Bonn-Roleber! Doch die Experten des DWD sind unerbittlich. In Roleber hat man vor lauter Hitze den neuen Ruhm kaum registriert, ist er schon wieder passé. Der DWD meldet aus Lingen: 42,6 Grad.


Herrscht in Geilenkirchen jetzt Depression?

Keineswegs. Schließlich hat Schmitz in seinem Privatgarten bereits am Mittwoch 47,5 Grad gemessen. Der Wert hat allerdings keine Chance, vom DWD offiziell anerkannt zu werden. Der Bürgermeister wird sich davon, wie man ihn kennt, nicht beirren lassen. Zumal nach DWD-Angaben eine erneute Überraschung aus Geilenkirchen nicht auszuschließen ist. Weil am Donnerstag auf der Awacs-Basis eine Übung stattgefunden hat, liegen von der dortigen Messstation vorerst noch gar keine Angaben vor. Das wird sich am Freitagvormittag ändern . . .


Wie sieht das Feld hinter dem Spitzenreiter aus?

Der DWD registriert am Donnerstag hinter Lingen noch drei weitere Orte mit mehr als 41 Grad – alle in Nordrhein-Westfalen: Duisburg-Baerl, Tönisvorst und Köln-Stammheim. In Aachen registrierte die Messstation des Geographischen Instituts der RWTH auf der Hörn 40 Grad. Das ist immerhin die höchste jemals in Aachen gemessene Temperatur. Laut Institutsmitarbeiter Gunnar Ketzler ist dieser Donnerstag damit der achte sogenannte heiße Tag in Aachen mit mehr als 30 Grad; normal seien drei bis vier Tage pro Jahr.


Wie lässt sich die Hitze aushalten? Gibt es noch Stehplätze in Freibädern und Seen?

Ja – sogar noch Platz zum Schwimmen. Der Aachener Hangeweiher ist allerdings sehr voll; am Donnerstag waren schon um 8:30 Uhr alle Liegen belegt. Das Freibad öffnet aber dienstags bis freitags schon um 6:30 Uhr. Wer früh kommt, ist eher erfrischt und kann sein Badelaken dessen eigentlicher Bestimmung zuführen. Klaus Schüller, Leiter des Dürener Badesees, gibt sich trotz Hitze völlig entspannt: „Hier finden Sie immer ein lauschiges Plätzchen. Die Wassertemperatur liegt derzeit bei 25 Grad – immer noch erfrischend.“ Schüller rät auf jeden Fall zu Sonnenschirm, Kopfbedeckung und dazu, „diese schönen Tage am See einfach zu genießen“.

Darum dreht es sich: die Temperaturmessstation auf der Awacs-Basis in Geilenkirchen. Foto: Simone Thelen. Foto: ZVA/Simone Thelen


Welche Möglichkeiten gibt es sonst, sich abzukühlen?

Das Notwendige lässt sich mit Inspiration verbinden. Dazu eignen sich besonders Museen und Kirchen, die in der Regel kühler sind. Man tut etwas für Körper, Geist und Seele und macht auch noch jene glücklich, die in Kirchen und Museen Verantwortung tragen; die sind immer froh, wenn Leute kommen.


Lohnt sich bei diesen Temperaturen eine Reise nach Erfurt?

Womöglich stellt sich diese Frage nicht unbedingt jedem, aber sie zu beantworten, lohnt sich mit Blick auf Kommunalpolitiker und -beamte trotzdem. Denn in der Erfurter Fachhochschule ist ab 6. August eine besondere Ausstellung zu sehen: „Eine Stadt kühlt runter – Gemeinsam für mehr Lebensqualität im Sommer“.


Und wie kommt man bei der Hitze am besten nach Erfurt?

Mit dem Auto ist es sicherlich kein großes Vergnügen. Wer mit der Bahn fahren will, sollte aber aufpassen: Die ersten Störungen wurden am Donnerstag schon wieder gemeldet. Wenn es dermaßen heiß ist, gehen die Zugtüren zudem manchmal erst im Winter wieder auf. Und dann ist die Ausstellung in Erfurt schon vorbei.


Für wen sind die hohen Temperaturen besonders schlimm?

Für die Fans fair gehandelter Schokolade und zahlungskräftige Wagnerianer. Zahlreiche Fairtrade-Einzelhändler in NRW müssen sich in den kommenden Tagen auf Schokoladen-Engpässe einstellen, weil sie und die sogenannten Weltläden wegen der Hitze vorerst nicht weiter beliefert werden können, wie der Fairtrade-Großhandel Gepa der Deutschen Presse-Agentur mitgeteilt hat. Das Unternehmen beliefert in NRW fast 170 Weltläden.

Zu Bayreuth: Wer ausreichend Geld hat, um Karten für die Wagner-Festspiele zu kaufen, oder wie sonst auch immer eingeladen wird, ließ sich gestern zur Eröffnungspremiere auf dem Grünen Hügel von zahlreichen Journalisten, Kameraleuten und Schaulustigen bedauern. Im Festspielhaus gibt es keine Klimaanlage.


Das Besondere zum Schluss: Was klaut man bei Hitze am besten?

Auch diese Frage erscheint zunächst eigenartig, ist aber für eine bestimmte Berufsgruppe durchaus relevant. Denn die Temperaturen beeinträchtigen offensichtlich die Hirnleistungen unter den Mitgliedern des Diebegewerbes: In Altena im Sauerland haben Unbekannte laut Polizei jetzt zwei Plastikkisten mit Skibekleidung geklaut, die vor einer Kellertür abgestellt waren. Jetzt sitzen die Gauner auf Skihosen, Halstüchern, Schals und Mützen und schwitzen.

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