Düsseldorf: Deutsche ins All? Julia Christ will nach den Sternen greifen

Düsseldorf : Deutsche ins All? Julia Christ will nach den Sternen greifen

Einen Raumanzug hat sie schon — wenn auch nur als Karnevalskostüm. Doch im Jahr 2020 könnte sie einen richtigen brauchen, denn Julia Christ möchte als erste deutsche Frau den Weltraum erobern.

Die 30-jährige Düsseldorferin hat sich für eine zehntägige Mission auf der Internationalen Raumstation (ISS) beworben. Am Montag erfährt sie, ob sie es in die nächste Runde geschafft hat. Im Gespräch mit Katharina Menne erzählt die junge Ärztin, was sie am Weltall so fasziniert, warum sie beim Gedanken daran ins Philosophieren kommt und welche Hürden sie auf dem Weg zum Ziel noch nehmen muss.

Sie könnten doch auch einfach nach Bali oder Hawaii fliegen. Warum zieht es Sie direkt ins Weltall?

Christ: Wie viele andere Menschen begeistere ich mich sehr für die Astronomie. Eine Reise zur ISS lädt zu etwas Unabsehbarem ein, zu einem echten Abenteuer. Während unser Leben hier auf der Erde eher in geregelten Bahnen verläuft, ist das Universum unüberschaubar — das bringt einen an die Grenzen des Verstehens. Sicher ist es auf der Erde wunderschön. Ich bin sehr gerne hier und ich bereise auch gerne unseren Planeten, aber die Bedingungen der Schwerelosigkeit und die Weite des Kosmos sind einfach reizvoll.

Seit wann interessieren Sie sich für Astronomie? Hätte es für Sie als Kind schon diese tolle Astronauten-Bettwäsche geben müssen?

Christ: (lacht) Als Kind habe ich noch nicht darüber nachgedacht, einmal als Astronautin ins Weltall zu fliegen. Mein Interesse an Astronomie habe ich eigentlich erst während meines Medizinstudiums in Aachen entdeckt. Damals habe ich ein Radio-Interview mit Alex­ander Gerst gehört, nachdem er aus über 8000 Bewerbern für die ESA als Astronaut ausgewählt wurde. Das hat mich sehr fasziniert. Ich habe dann angefangen, mich ein bisschen mit Fachliteratur zu beschäftigen. Außerdem habe ich seine Mission die ganze Zeit mitverfolgt — bis ich dann im Frühjahr dieses Jahres einen Artikel über die Ausschreibung der privaten Initiative „Die Astronautin“ gelesen und gedacht habe: Mensch, die suchen mich!

Wodurch heben Sie sich von den anderen Bewerberinnen ab?

Christ: Aus meinem medizinischen Alltag im Krankenhaus nehme ich mit, dass man auch unter stressigen Bedingungen gute Arbeit abliefern muss. Dort muss ich oft schnell Entscheidungen treffen und Probleme lösen. Sicher haben Physikerinnen, Ingenieurinnen oder Eurojet-Pilo­tinnen im technischen Bereich Vorteile, aber da ich bin zuversichtlich.

Bei der Mission soll es auch um medizinische Experimente gehen. Da haben Sie als Ärztin doch sicherlich Vorteile …

Christ: Klar, mich als Medizinerin interessiert es sehr, was mit dem Körper unter kosmischen Bedingungen passiert. Welchen Einfluss hat die Schwerelosigkeit auf die Sinne und wie wirkt sich das wiederum auf die Psyche und auf das Nervensystem aus? Außerdem ist spannend, wie man mit besonderen emotionalen Belastungssituationen umgeht — auf der ISS leben schließlich viele Menschen auf engstem Raum. Es gibt noch ganz andere Aspekte, die untersucht werden: Auswirkungen auf das Immunsystem, auf die Hautalterung, auf die Knochen. Da ist von medizinischer Seite viel zu erforschen.

Welche Aspekte interessieren Sie besonders?

Christ: Spannend fände ich auf jeden Fall Untersuchungen am Auge, solche zur Veränderung des Blutvolumens und zur Ausdehnung der Bänder im Rücken in der Schwerelosigkeit. Auch interessant finde ich die Auswirkungen der Schwerelosigkeit und der künstlichen Luft auf das Immunsystem. Ach, eigentlich finde ich es insgesamt unheimlich spannend, wie der menschliche Organismus auf die veränderten Bedingungen reagiert (lacht).

Welche Tests mussten Sie bereits durchlaufen und was wird noch auf Sie zukommen?

Christ: Es ging los mit einer ganz normalen Bewerbung samt Video. Dann folgte ein Skype-Interview mit standardisiertem Fragenprotokoll. Außerdem musste ich unzählige medizinische Fragebögen ausfüllen und viele Formalien einreichen: von einem fliegerärztlichen Tauglichkeitszeugnis über mein polizeiliches Führungszeugnis hin zu einem Auszug aus dem Fahreignungsregister.

Gegen wie viele Bewerberinnen müssen Sie sich noch durchsetzen und worin?

Christ: Anfangs waren es etwa 400 Bewerberinnen, jetzt sind noch knapp über 80 übrig. Wenn ich die psychologischen Tests bestanden habe, für die ich vor Kurzem nach Hamburg gefahren bin, folgen im Januar die medizinischen Tests. Ab dann wird’s richtig spannend. Zwei Auserwählte dürfen eine eineinhalbjährige Astronautenausbildung machen und eine am Ende die Reise zur ISS antreten.

Ich stelle mir so eine Reise nicht ganz unproblematisch vor. Wovor haben Sie besonderen Respekt, oder wo könnten Sie vielleicht an eigene Grenzen stoßen?

Christ: Ich habe großen Respekt vor der ganzen Mission, aber ich habe keine Angst — sonst hätte ich mich nicht bewerben dürfen. Natürlich ist die Reise risikoreich und die wahnsinnige Beschleunigung beim Raketenstart, der man ausgesetzt ist, bringt einen sicherlich an körperliche Grenzen. Aber nicht an Grenzen des Machbaren — das hat die bemannte Raumfahrt ja schon zur Genüge gezeigt.

Wie waren die Reaktionen im Freundeskreis und in der Familie?

Christ: Natürlich wissen die von meinem Interesse an Astronomie und unterstützen mich deshalb auch. Manche waren zu Beginn etwas erstaunt, aber alle ehrlich interessiert. Meine Eltern hatten und haben eventuell ein paar Sicherheitsbedenken, aber ich denke, es kann auch nicht schaden, mal nach den Sternen zu greifen (lacht).

Wenn Sie einen persönlichen Gegenstand mitnehmen dürften: Was würden Sie mitnehmen?

Christ: Ich würde ein Foto von meiner Familie und meinen Freunden mitnehmen. Auch wenn es nur zehn Tage sind, möchte ich sie gerne dabeihaben.

Würden Sie die Erdenbewohner an Ihrer Mission teilhaben lassen oder machen Sie das nur für sich?

Christ: Nein, auf jeden Fall würde ich die Welt daran teilhaben lassen. Bei der Initiative geht es auch darum, junge Frauen für die MINT-Fächer zu begeistern. Ich glaube, es gibt viel mehr Frauen als man denkt, die sich für Naturwissenschaften begeistern, aber sich von Konventionen oder Vorurteilen abhalten lassen. Ich möchte meine Faszination gerne weitergeben.

Welche Erfahrungen, glauben Sie, können Sie wieder mit nach unten auf die Erde nehmen?

Christ: Die Astronomie schafft es, den Menschen an seinen Platz zu verweisen und ihm zu zeigen, dass er sich nicht so wichtig nehmen sollte, wie er es manchmal tut. Für den Alltag auf der Erde kann man sicher eine Portion Zufriedenheit und Gelassenheit mitnehmen, weil man sich eines größeren Schöpfungszusammenhanges bewusst wird. Fragen nach unserem Ursprung drängen sich unweigerlich auf. Aus 400 Kilometern Höhe auf die Erde zu schauen und zu erkennen, wie zerbrechlich dieser kleine, blaue Planet ist, muss eine beeindruckende Erfahrung sein.