Casting für „Babylon Berlin“: Der Traum von einer Rolle als Komparse

Casting für „Babylon Berlin“ : Der Traum von einer Rolle als Komparse

Marla Johst Anderson hat es geschafft. „Puhhh“, sagt sie, atmet einmal tief durch und wickelt sich ihren gelben Schal wieder um den Hals. Dann steckt sie einen DIN-A4-Zettel in ihre Tasche, auf dem eine Nummer, ihr Alter und ihre Größe angegeben sind.

So einen Zettel werden heute noch mehr als tausend Menschen bekommen. Sie alle sind in die „Endart“-Kulturfabrik nach Düren gekommen, weil sie beim Casting für die erfolgreiche Serie „Babylon Berlin“ eine Komparsen- oder Sprecherrolle ergattern wollen – und ein bisschen Ruhm.

Marla ist die Erste, die aus dem großen Raum in der ersten Etage auf die Terrasse tritt. „Das ging alles super flott, gefühlt hat das nur zehn Sekunden gedauert“, sagt die 39- Jährige aus Grevenbroich. Schon um neun Uhr habe sie sich in die Schlange gestellt. Sie wollte auf jeden Fall dabei sein. Wenn Marla an ihre Antworten auf dem Anmeldebogen denkt, muss sie lachen. „Ich musste ankreuzen, ob ich vor der Kamera leidenschaftlich jemanden küssen würde.“ Würde sie? „Je nach Partner“, sagt sie. Auch von ihren langen, braunen Haaren würde sie sich trennen. „Aber nur für eine Sprechrolle. Und eine Glatze kann ich mir nicht vorstellen.“ Denn auch das wird explizit abgefragt und gesucht.

 Gute Chancen

 Michael Hesselink, der aus Niedersachsen angereist ist, muss sich dahingehend keine Sorgen mehr machen: „Ich habe meine Glatze extra noch mal rasiert“, sagt der 52-Jährige. „Für mich ist das eher ein Gag.“ Gute Chancen könnte er trotzdem haben, denn in der Casting-Ankündigung wurden neben Menschen mit „vom Leben gezeichneten Gesichtern und Körpern“, „Einarmigen oder -beinigen“ auch „Original-Kellner, Priester und Tischler“ ausgeschrieben. Und zufälligerweise ist Hesselink gelernter Tischler, der früher mal in einer Theatergruppe gespielt hat.

Geduld ist geragt: Lange Schlangen vor der Dürener „Endart“-Kulturfabrik beim Casting für „Babylon Berlin“. Foto: ZVA/Anna Küsters

Bereits am Samstag zuvor hatte die Agentur Eick in Bonn nach ungewöhnlichen Gesichtern und Charakteren für die in den 1920er und 30er Jahren spielende Serie gesucht. Burkhard Eick, Gesellschafter der Agentur, hatte dort mit rund zweitausend Interessierten gerechnet. Die Rechnung ging nicht ganz auf, denn „plötzlich waren um die 5000 Leute da, so viele hatten wir nicht mal bei Castings für Hollywoodfilme vor der Tür stehen“. Die Folge waren verstopfte Straßen, eine nicht enden wollende Schlange und 3000 Menschen, die wieder zurückgeschickt werden mussten, ohne, dass sie sich vorstellen konnten.

Für das Casting in Düren hatte sich die Agentur besser vorbereitet. „Wir haben extra eine Spur auf der Straße sperren lassen, acht Security-Angestellte dazu geholt und die Schlange schon aufgeteilt in Leute, die ihren Anmeldebogen bereits ausgefüllt haben und solche, die das noch machen müssen.“

 Ein Klicken, ein Blitzen, fertig

 Und tatsächlich wirkt das Casting trotz der vielen Menschen und des großen Treibens strukturiert. Aus dem Foyer rücken nach und nach neue Schauspielinteressierte in die erste Etage vor, die an zwei längs stehende Tische gewiesen werden. Hier sitzen jeweils sechs Helfer, die Anmeldebögen entgegennehmen und Castingzettel mit Nummern verteilen. Dann geht es weiter in den weitläufigen Raum, in dem in jeder Ecke ein Fotograf steht und einen nach dem anderen vor eine gut ausgeleuchtete Leinwand stellt. Ein Klicken, ein Blitzen und fertig.

Zwischen aufgeregtem Geplapper, Anweisungen und erstaunten „Ach, das war’s schon?“-Fragen läuft Dorothea Popovic zielstrebig hin und her. Immer mal wieder schnappt sie sich energisch jemanden aus der Masse, der ihr direkt ins Auge springt und fotografiert zusätzlich noch mit ihrem Smartphone. Als zweite Regieassistentin trifft sie für die Kollegen in Berlin für NRW eine Vorauswahl. „Wir suchen 400 bis 450 Komparsen. Im Vorhinein werden für die einzelnen Motive in der Serie verschiedene Komparsengruppen festgelegt, so dass ich meine Vorschläge nach dem Casting schon in die einzelnen Gruppen sortiere. Das erleichtert dann die endgültige Auswahl.“

Casting für „Babylon Berlin“ in Düren

Spätestens bis zum 18. Februar erfahre dann jeder, ob er dabei sei oder nicht. Die Kostümprobe beginne zwar schon zwei Wochen vorher, aber es könne immer mal sein, dass ein Komparse abspringe oder das Kostüm einfach nicht passe.

Ins Auge fällt auch Carsten Koch aus Niederzier. Der 42-Jährige verlor bei einem Autounfall seinen rechten Arm und die Finger seiner linken Hand. Außerdem erlitt er schwere Verbrennungen im Gesicht. „Ich dachte mir, die Suche nach ,vom Leben gezeichnet‘ passt ganz gut“, sagt er. Während er seinen Zettel in die Tasche seines blauen Kapuzenpullis steckt, erzählt er, dass er keine bevorzugte Rolle habe. „Ich bin da wirklich komplett offen und habe mich auch in keiner Weise auf das Casting vorbereitet.“

Der 22-jährige Timo Jakob sieht aus, als wäre er direkt einsatzbereit. Er ist sogar im Stil der 1920er gekleidet. Aber nicht nur für den heutigen Tag, sondern auch im Alltag. „Mein Anzug ist original aus den 20er Jahren und mein Hut aus den 30ern“, sagt der Bergmann. Nur der bodenlange, schwarze Mantel mit seinen beiden weit auseinanderliegenden Knopfreihen sei aus den 50er Jahren.

Gegen halb eins wird es in der „Endart“-Kulturfabrik langsam ruhiger. Mittlerweile trudeln die Menschen nur noch vereinzelt ein. Für Gregor Weber – neben Burkhart Eick ebenfalls Gesellschafter der Agentur – Zeit, Schokolade an die Helfer zu verteilen. „Wir haben für heute noch vierzig Leute dabei, die uns bei der Organisation helfen.“ Er selbst ruft immer wieder zu Regieassistentin Dorothea Popovic rüber: „Schau mal“ und schickt weitere, eventuell passende Komparsen zu ihr.

Auch auf der Terrasse werden die aufgeregten Gespräche über den Castingablauf allmählich weniger. Völlig unbeeindruckt davon, wie viele Menschen um sie herum sind, scheint die dreieinhalbjährige Quincy zu sein. Auf Schienbeinhöhe wuselt sie ihrem Herrchen Christian Lutterbeck um die Beine und lässt sich von dessen Töchtern Eva und Hannah mit Leckerchen füttern. „Wir haben gelesen, dass auch Hunde gesucht werden und Quincy ist sehr lieb, da haben wir sie einfach mitgenommen“, sagt die 17-jährige Eva. „Sie kann auch Tricks, für Futter würde sie alles machen.“

 Selbsternannter Rausschmeißer

Wenn die Gecasteten bei Markus Funk vorbeikommen, ist alles auch schon vorbei. Er ist Security-Beauftragter und selbsternannter „Rausschmeißer“. „Alles, was die Kollegen am Eingang verbocken, muss ich wieder ausbügeln“, sagt er und winkt zwei Männer, die den Ausgang mit dem Eingang verwechselt haben wieder nach vorne vor das Gebäude. Ob er sich auch habe casten lassen? „Nein“, sagt er und lacht laut auf, „Ich habe schon drei Nebenjobs, ein vierter geht wirklich nicht.“

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