Versicherung zahlt nicht: Der tragische Unfall eines Au-Pair-Mädchens

Versicherung zahlt nicht : Der tragische Unfall eines Au-Pair-Mädchens

Die 21-jährige Anastasia Iwanow* wollte nur ihre Arbeit machen und den neunjährigen Jungen, um den sie sich als Au-Pair-Mädchen in Aachen kümmerte, von einem Dach holen. Dabei ist die junge Russin schwer verunglückt. Einen Monat später wäre sie zurück in ihre Heimat geflogen. Doch stattdessen liegt sie seit Ende Oktober auf der Intensivstation des Aachener Klinikums.

Sie kann kaum reden, kaum essen, ist halbseitig gelähmt und benötigt nach ärztlicher Aussage in Kürze eine spezielle Reha, um zukünftig zumindest ein eigenbestimmtes Leben führen zu können.

Die neurologische Frührehabilitation muss stationär sein und würde mindestens drei Monate dauern. Kosten: mehrere Zehntausend Euro. Da die Versicherung über den Au-Pair-Vertrag jedoch nur für eine maximal 20-tägige ambulante Reha aufkommen würde, und der Versicherungsschutz in diesen Tagen ausgelaufen ist, versuchen die ehemaligen Gasteltern nun große Teile der Kosten über Spenden zu finanzieren (siehe Infobox).

„Die motorischen Schäden wie die halbseitige Lähmung sind jetzt noch reversibel. Aber dafür muss Anastasia so schnell wie möglich behandelt werden“, betont Gabriele Hanke. Sie ist die Stiefoma des Jungen, auf den das Au-Pair-Mädchen aufgepasst hat. Und sie ist zufällig Krankenschwester am Aachener Klinikum, betreut die verunglückte junge Frau täglich. Die 21-Jährige lag zehn Tage im künstlichen Koma und erlitt eine Hirnhautentzündung.

Visum verlängert

Für die bestmögliche Heilung sei eine stetige Nachkontrolle der Kopfverletzungen „in Deutschland extrem wichtig“, betont Gabriele Hanke. Die ehemaligen Gasteltern und ein Anwalt, der Anastasia Iwanow vertritt, weil die angereiste Mutter kein Deutsch spricht, versuchen alles, damit die junge Frau für ihre Genesung eine stationäre Reha in Deutschland erhält. Das Visum, das zunächst nur bis zum Donnerstag lief, wurde unter den gegebenen Umständen bereits bis zum 8. April verlängert.

Der Anwalt teilt auf Anfrage mit, dass nach Gesprächen mit dem Klinikum bei Anastasia Iwanow „sehr gute Heilungschancen aufgrund ihres Alters bestehen und man positiv überrascht vom Genesungsverlauf“ sei. Gerade in den vergangenen zwei Wochen soll sie „erhebliche medizinische Fortschritte“ gemacht haben.

Die junge Frau hatte großes Glück, dass sie ihren Sturz aus gut sechs Metern Höhe auf den Kopf am 24. Oktober überhaupt überlebte. Der Neunjährige war auf das Dach einer ehemaligen Lagerhalle und heutigen Galerie geklettert, das einen halben Meter unterhalb vom Fenster des Kinderzimmers liegt. Das Dach dient auch als Flucht- und Rettungsweg für die schlauchförmige Mietwohnung, es ist aus Metallplatten und tragend. Der Junge lief bis zu einem Vorsprung. Sein Au-Pair-Mädchen folgte ihm. Dabei trat die 21-Jährige nach einigen Metern auf eine etwa 50 mal 80 Zentimeter große durchsichtige Wellplatte aus Kunststoff, von denen es nur wenige auf dem Dach gibt, damit Tageslicht in die Galerie strömt. Diese Platte brach ein, die junge Frau stürzte in die Tiefe.

Bis auf ein schweres Schädelhirntrauma blieb sie jedoch unverletzt. Dass sie noch lebt, hat sie der schnellen Notoperation zu verdanken, und gleiche einem Wunder, sagt die Krankenschwester Gabriele Hanke. Die Operation erfolgte etwa eine Stunde nach dem Unfall – und ein Ersthelfer hatte bereits wichtige Maßnahmen ergriffen, die für eine Ersthilfe normalerweise nicht üblich sind. Der Mann war Sanitäter und ebenfalls ein Bekannter der Familie. Für Anastasia Iwanow wohl der größte Glücksfall dieser tragischen Geschichte.

*alle Namen in dem Artikel sind anonymisiert, um vor allem den Sohn der Gasteltern zu schützen.

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