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Missbrauchsvorwurf: Der „teils bestätigte“ Verdacht gegen den früheren „Ober-Sternsinger“

Missbrauchsvorwurf : Der „teils bestätigte“ Verdacht gegen den früheren „Ober-Sternsinger“

Der Missbrauchsvorwurf gegen den früheren Präsidenten des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“ Winfried Pilz wiegt schwer. Er war ein bekanntes Gesicht der katholischen Kirche.

Seit Jahren wird die katholische Kirche von Missbrauchsskandalen erschüttert. Doch die Vorwürfe gegen den Priester Winfried Pilz wiegen besonders schwer: Er war ein bekanntes Gesicht der katholischen Kirche in Deutschland: Winfried Pilz im Bundeskanzleramt, Winfried Pilz im Brüsseler EU-Parlament. Als charismatischer Präsident des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“ (2000-2010) in Aachen begegnete Pilz – als Monsignore päpstlicher Ehrenkaplan – hohen Tieren wie Bundespräsident Horst Köhler oder Kanzlerin Angela Merkel. Damals wurde er häufig „Ober-Sternsinger“ genannt. Sich selbst bezeichnete er gern als „Oberkamel in der Karawane“ der Hilfe. Doch nun, nach seinem Tod 2019 mit 78 Jahren, offenbart sich ein anderer Blick auf das Lebenswerk des gebürtigen Sudetendeutschen.

Am Mittwoch teilte das Erzbistum Köln mit, es prüfe Missbrauchsvorwürfe gegen Pilz. Im Jahr 2012 bereits hatte sich eine Person mit Vorwürfen gegen Pilz beim Erzbistum gemeldet, wie es hieß. Man habe bei der Untersuchung aufgrund fehlender Erinnerung der betroffenen Person nicht abschließend klären können, ob sie zum Tatzeitpunkt das 18. Lebensjahr bereits vollendet habe. „Da die Person aber im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses für P. tätig war, handelte es sich in jedem Falle um einen schutzbedürftigen Erwachsenen“, so die Erzdiözese.

Der Verdacht habe sich bei einer Untersuchung „teils bestätigt“. Daraufhin erteilte der damalige Kölner Kardinal Joachim Meisner dem Ruheständler 2014 einen Verweis, legte ihm eine Geldstrafe auf und verbot dem damals schon im Ruhestand lebenden Geistlichen den Kontakt zu Minderjährigen. 2018 sei der Fall der Staatsanwaltschaft nachgemeldet worden, die wegen Verjährung keine Ermittlungen aufgenommen habe. Der Fall wird auch im Missbrauchsgutachten der Kanzlei Gercke Wollschläger für das Erzbistum Köln behandelt. Danach hatte der als Sekretär für Pilz tätige Betroffene zum Zeitpunkt des sexuellen Kontakts das 18. Lebensjahr vollendet. Pilz habe darauf verwiesen, dass der Sex einvernehmlich stattgefunden habe.

2021 ergaben sich laut Erzbistum Hinweise auf mögliche weitere Betroffene. Da der Geistliche zu diesem Zeitpunkt bereits gestorben war und seine Tätigkeit sich weit über das Erzbistum Köln hinaus erstreckte, hätten sich die folgenden Recherchen als sehr komplex erwiesen. Nun erfolgten vom 2. bis 10. Juli an allen ehemaligen Einsatzorten des Priesters Aufrufe an mögliche und bisher unbekannte Betroffene.

Vielen war Pilz bislang als charismatischer Gestalter, als Macher im Gedächtnis. Als Jugendseelsorger textete Pilz Anfang der 1970er Jahre die deutsche Version eines italienischen Gitarren-Ohrwurms. Das Lied „Laudato si“, eine Adaption des Sonnengesangs des heiligen Franziskus (1181/82-1226), wurde in Deutschland ein großer Erfolg, der vor allem von Kindern und Jugendlichen bis heute oft gesungen wird.

Pilz war zwar seit 1966 Priester des Erzbistums Köln. Geboren aber wurde er 1940 in Warnsdorf im Sudetenland, im Böhmischen Niederland. Im Zuge des Zweiten Weltkriegs vertrieben, landete die Familie 1952 in Köln. Ab 1972 war Pilz Diözesanjugendseelsorger und für knapp 18 Jahre Rektor der Jugendbildungsstätte Haus Altenberg im Bergischen Land. In dieser Zeit knüpfte er zahlreiche Kontakte, auch über den Eisernen Vorhang hinweg; so in die Lausitz und nach Tschechien.

Er schrieb neben „Laudato si“ zahlreiche Liedtexte und geistliche Texte, auch als freier Autor der Katholischen Nachrichten-Agentur, für die er geistliche Impulse zum Kirchenjahr verfasste. An alltäglichen Begebenheiten erklärte er schwierig zu erklärende Feste: Kreuzerhöhung, Epiphanie, Fronleichnam, Christkönig.

Nach einer Zeit als Pfarrer in Kaarst am Niederrhein (1990-2000) und den Sternsinger-Jahren in Aachen übernahm Pilz kurzzeitig bis 2012 die Leitung der deutschsprachigen Gemeinde in Prag, die ihn bei seinem Tod als „klugen, kraftvollen und kreativen Seelsorger“ würdigte. Im Jahr der ersten Missbrauchsvorwürfe, 2012, ging er in Ruhestand und verbrachte ihn in dem kleinen grenznahen 4000-Einwohner-Ort Leutersdorf, sechs Kilometer entfernt von seinem böhmischen Geburtsort. In beiden Orten nahm er laut dortigem Bistum auch Vertretungsdienste als Seelsorger wahr. Er starb im Mai 2019 in Görlitz und wurde im Warnsdorfer Ortsteil Studanka beigesetzt.

(kna)