Aachen: Der Sommer der Gemeinen Wespe: Ein Lagebericht

Aachen : Der Sommer der Gemeinen Wespe: Ein Lagebericht

Axel Schreier kommt mit einem Eimer voller Nervengift, der Blick entschlossen, die Schritte schnell, auf dem Weg nach oben nimmt er immer zwei Stufen auf einmal. Schreier muss zum Speicher, dort wird das Nervengift zum Einsatz kommen. Der Mann hat einen Auftrag.

Schreier, 46, schwarze Handwerkerhose, runde Brillengläser, ist Schädlingsbekämpfer. An diesem Morgen geht es um ein Wespennest, mal wieder. Schreier wird gerade zu sehr vielen Wespennestern gerufen, sie strukturieren seine Tage wie ein Stundenplan. Er möchte nicht genau sagen, wie viele es in diesem Sommer bislang gewesen sind. Er wolle nicht Killer genannt werden, sagt er. Nur so viel: Pro Tag ist es ein deutlich zweistelliger Wert. Und insgesamt sind es rund ein Drittel mehr Einsätze als in anderen Jahren.

Das ist Axel Schreier. Er hat in diesem Sommer viel mit Wespen um die Ohren. Foto: Christoph Classen

Auf dem Speicher gibt es eine Menge zu sehen, leere Kartons, Regale, Aktenordner. Was fehlt, sind die Wespen. Heidi Auner schaut, als sei ihr das ein bisschen unangenehm. Sie ist Hauswirtschaftsleiterin im Zentrum für soziale Arbeit in Aachen-Burtscheid, und das hat sich an Schreier gewandt, weil es auf dem Speicher ein Wespennest geben soll.

Auner hat das Mobilteil ihres Telefons in der Hand und versucht jetzt, jemanden im Haus zu erreichen, der vielleicht sagen kann, wo genau das Wespennest ist. Schreier läuft auf dem Speicher umher, er leuchtet mit der Taschenlampe, schaut hier in eine Ecke und da hinter ein Regal. Schwer zu finden sind Wespen in diesem Sommer eigentlich nicht.

Dass es gerade besonders viele von ihnen gibt, bestätigen nicht nur Schädlingsbekämpfer, sondern auch Biologen. Ludger Wirooks, Insektenkundler mit Lehrauftrag an der RWTH Aachen, sagt, dass die lange Trockenheit in diesem Sommer den Nestbau der Wespen beflügelt habe. Schreier sagt, dass der Winter mild war und besonders viele Königinnen ihn überlebt haben.

Wahrscheinlich ist, dass beides stimmt. Es gibt mehr Wespen als sonst, so viele, dass die Pressestelle der Städteregion Aachen in der vergangenen Woche vorsichtshalber eine Mitteilung verschickte, in der das Gesundheitsamt Tipps zum sicheren Umgang mit den Insekten gibt. Auf dem Speicher in Burtscheid wird das Thema jetzt aktuell.

Schreier hat das Nest gefunden, er fragt: „Frau Auner, dürfen wir die Rigips-Platte abmachen?“ Auner nickt, es knackt und knirscht. Schreier sagt: „Da ziehe ich mir jetzt doch besser etwas an.“ Auner sagt: „Ich bin unten.“ Dann geht sie. Schreiers Handy klingelt. Er nimmt den Anruf an und sagt: „Schreier Schädlingsbekämpfung, guten Tag, können Sie mich später noch mal anrufen, ich bin gerade vor einem Wespennest.“

Schreier legt auf, zieht einen weißen Imkerhut an, der ihn aussehen lässt wie einen Degenfechter, dazu Schutzjacke und Handschuhe, die auch mal weiß gewesen sind. Er kniet sich vor das Nest und zieht den Eimer zu sich, in dem die Sprühflaschen mit dem Nervengift stehen. Dann sprüht Schreier drauf los. Er tut dies im Einklang mit dem Gesetz.

In Abgrenzung zu Bienen, Hummeln und Hornissen fällt die Wespe nicht unter die Bundesartenschutzverordnung, zumindest nicht eine der weit verbreitetsten Arten, die sogenannte Gemeine Wespe. Da, wo sie dem Menschen gefährlich werden kann, darf er sie bekämpfen. Wobei das natürlich ein weites Feld ist, im Grunde genommen muss der Mensch die Wespe nur in der freien Natur in Ruhe lassen, wobei dieser Nichtangriffspakt nur einseitig gültig zu sein scheint.

Kein Vergleich zu den braven Bienen

Grundsätzlich ist die Beziehung zwischen Wespen und Menschen seit jeher keine einfache, was auch daran liegt, dass beide in etwa das gleiche Beuteschema haben. Biologe Wirooks formuliert es so: „Im Gegensatz zu den Bienen, die schön brav zu den Blümchen fliegen, sind Wespen ja räuberisch.“ Sie nehmen sich, was sie bekommen können, notfalls mit Gewalt, und besonders begehrt sind in Wespenkreisen Fleisch und vergärende Früchte. Das erklärt, warum sie auch an Bier interessiert sind: Beides enthält Alkohol.

Auch von Süßem fühlen sich Wespen angezogen, weswegen die Mitarbeiter von Michael Nobis besonders unter ihnen leiden. In jedem Sommer ist das so, aber in diesem noch ein bisschen mehr.

Nobis, Inhaber der gleichnamigen Bäckerei mit Filialen in der Städteregion Aachen, Düren und Jülich, sagt, dass die zusätzlichen Fallen, die in den Geschäften aufgestellt worden sind, so funktionierten, dass sie die Wespen am Leben ließen. Zudem versuche man von vorneherein, sie von der Auslage fernzuhalten, indem die Türen von manchen Filialen so gut es eben geht geschlossen gehalten werden. Weil das alles keine Garantie dafür ist, nicht gestochen zu werden, liege für die Mitarbeiter in den Filialen immer eine entsprechende Salbe bereit.

Gestochen worden ist auch Schreier schon. Drei, vier Mal in diesem Jahr, aber weil er in dieser Zeit mit 600 bis 700 Nestern zu tun hatte, stimmt die Bilanz ihn zufrieden. Von dem Nest, das er auf dem Speicher gefunden hat, geht keine Gefahr mehr aus. Schreier holt es aus der Ecke des Dachbodens und legt es in eine raschelnde, rote Plastiktüte. Er zieht den Imkerhut ab, kniet sich vor das Nest, und schaut auf die Wespen, die jetzt nur noch langsam umherkriechen können. Auch das nicht mehr lange.

Schreier sieht jetzt nachdenklich aus, mit dem Finger zeigt er die Königin, er sagt, dass das Nest wohl das Zuhause von 2000 bis 3000 Wespen gewesen ist, und bei der Größe, die es jetzt erreicht habe, sei wohl schon seit März daran gebaut worden. Als Material verwenden Wespen Holz, das sie überall da abschaben, wo sie es finden können.

Schreier sagt: „Ein Wespennest ist ein beeindruckendes Kunstwerk, es führt vor Augen, was die Natur zu leisten im Stande ist.“

Er mag Schädlingsbekämpfer sein, aber Schreier sieht keinen Widerspruch darin, sich gleichzeitig als Naturschützer zu bezeichnen. Nur wenige Menschen beschäftigen sich so intensiv mit Tieren und ihrem Verhalten, und wahrscheinlich ist es unmöglich, dabei keine Beziehung zu ihnen aufzubauen.

Und ihren Nutzen hätten die Wespen ja durchaus auch, sogar für den Menschen. Schreier spricht von 300 Gramm Kleininsekten, die eine Wespenkolonie pro Tage fange und vertilge. Fehlen die Wespen, fallen die Kleininsekten den Menschen auf die Nerven.

Im Endeffekt wird der Wespe zum Verhängnis, dass sie in vielen Fällen einen Lebensraum beansprucht, den der Mensch bereits zu seinem deklariert hat. Da beide Spezies zur Verteidigung ihrer Territorien neigen, gelingt eine friedliche Koexistenz nur selten.

Es ist nicht so, dass die Wespen den Fortbestand menschlicher Zivilisation bedrohen, noch nicht mal in diesem Sommer, aber eine potenziell tödliche Gefahr sind sie für jeden, der auf ihre Stiche allergisch reagiert.

Es gibt sogenannte Autoinjektoren, die einen adrenalinähnlichen Stoff enthalten, und deren Anwendung sofort nach einem Stich lebensgefährliche allergische Reaktionen wie das Zuschwellen der Atemwege verhindern kann. Bei Gabriele Neumann fragen Kunden gerade häufiger als sonst nach den Geräten.

Neumann ist Inhaberin einer Apotheke in Aachen, und sie spricht als Vorsitzende des Apothekerverbands Aachen für 250 Apotheken in der Region. Viele von ihnen haben keine Autoinjektoren mehr, und die Hersteller können gerade auch nicht nachliefern. „Ich denke, bei denen hat man mit so vielen Wespen nicht gerechnet“, sagt Neumann. Und die Produktion dauere ihre Zeit, für Ende des Jahres seien neue Lieferungen angekündigt. Für echte Allergiker sei das ein großes Problem. „Die können nach einem Stich nur den Notarzt rufen“, sagt Neumann.

Die wiederhergestellte Sicherheit

In Burtscheid sind sie davon gerade weit entfernt, Schreier kommt die Treppe hinunter, und unten schauen ihn Heidi Auner und eine Kollegin an, wie Menschen, die sich jetzt wieder etwas sicherer fühlen. Kurze Verabschiedung, Schreier wirft die rote Tüte mit dem Wespennest raschelnd in das Innere seines Kleintransporters. Dann fährt er los, Richtung Aachener Innenstadt.

15 Jahre ist Schreier jetzt Schädlingsbekämpfer und wenn er sich eins wünschen darf, dann einen Mitarbeiter. Bis vor kurzem hatte er noch einen, aber dem wurde es zu viel. Vielleicht haben die Wespen ihn geschafft. „Ist ein schöner Job, die Leute sind immer dankbar. Man wird ein bisschen als Retter gesehen“, wirbt Schreier.

Er manövriert den Kleintransporter rückwärts in eine Parklücke und steigt aus. Schellen, fünfte Etage, Wespennest Nummer zwei. Der Arbeitstag ist gerade eine Stunde alt. Und Axel Schreiers Handy klingelt auch schon wieder.

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