Stolberg/Aachen: Der Rockerkrieg ist eskaliert

Stolberg/Aachen : Der Rockerkrieg ist eskaliert

Am Mittwoch vor genau einem Monat ist der Aachener Polizeipräsident vor die Presse getreten: „Wir stehen den Rockern auf den Füßen“, kündigte Dirk Weinspach damals an, „ und wir werden alles tun, um eine weitere Eskalation zu verhindern.“ Offenbar ist das der Polizei im Rockerkrieg im Raum Aachen nicht gelungen.

Ganz im Gegenteil: Nachdem in Stolberg 30 gewaltsam auftretende Menschen in der Nacht zu Dienstag ein Internetcafé in der Altstadt auseinandergenommen haben, sprach die Polizei von einem möglichen „Warnschuss“. „Das brodelt“, sagte der Sprecher der Aachener Polizei, Paul Kemen, am Dienstag. „Es ist davon auszugehen, dass da noch weitere Aktionen folgen werden.“

In der Tat ist der Abstand zwischen einzelnen Ereignissen in Zusammenhang mit dem Auftritt von Rockern immer kürzer. Die Akteure kommen dabei auch aus weit entfernten Gegenden: Aus dem Ruhrgebiet bis hin zum hessischen Gießen würde Verstärkung geholt, sagte Kemen. Im Raum Aachen gibt es nach Erkenntnissen der Polizei etwa 20 bis 40 Anhänger der beiden Rockerclubs.

„Die Besetzung wechselt ständig.“ Aachen ist Schauplatz der Machtdemons­tration, weil dort nach dem Verbot des örtlichen Bandidos-Chapters im April 2012 ein Vakuum entstand, in das nun andere stoßen wollen.

Nach einer verhältnismäßig ruhigen Phase eskaliert die Lage seit Anfang August mehr und mehr. Am 2. August tauchten 50 Bandidos wie aus dem Nichts im Aachener Ostviertel auf — dem Revier der Hells Angels Turkey Nomads. Eine Machtdemonstration auf fremdem Hoheitsgebiet, die die Hells-Angels-Anhänger sofort auf den Plan rief. Weil Anwohner, die eine Massenschlägerei fürchteten, die Polizei alarmierten, war der Spuk schnell beendet.

Am 6. September dann kam es an einer Tankstelle nicht weit entfernt vom ersten Tatort zur Schlägerei, Messer wurden gezückt, zwei Bandidos verletzt, einer der Hells Angels wurde kurz darauf mit einer Stichverletzung in ein Krankenhaus eingeliefert. Ein Zusammenhang ist naheliegend. Seitdem kommt es immer wieder zum offenen Schaulaufen der beiden Rockerclubs an gleicher Stelle.

Handgreiflich wurde es erstmals wieder am Montagnachmittag, als auf der Aachener Automeile — unweit des Ostviertels — zwei Anhänger der Hells Angels Turkey Nomads von sieben Bandidos attackiert wurden. Die zwei Attackierten trugen Gesichtsverletzungen davon. Einer musste ins Krankenhaus gebracht werden.

Die acht Stunden später folgende Tat um Mitternacht in Stolberg wirkt wie ein Racheakt der Turkey Nomads, die auf der Automeile unterlegen waren: Das Internetcafé gilt als Treffpunkt der Bandidos. Ob das tatsächlich so ist, werden wohl auch die Ermittlungen kaum ergeben: „Wir stoßen auf eine Mauer des Schweigens“, sagte Kemen.

Offensichtlich ist, dass die Schaufensterscheiben des Cafés eingeschlagen und Teile der Einrichtung demoliert wurden. Außerdem wurden laut Polizei Gaskartuschen bei der Verwüstung eingesetzt — vermutlich Tränengas. Die Angst unter Anwohnern und Gewerbetreibenden in diesem Viertel wächst.

„Wir bewegen uns inzwischen auf der nächst höheren Eskalationsstufe“, sagte der Polizeisprecher. Es werde massiv Gewalt angewendet, Menschen würden niedergeknüppelt und ein ganzes Lokal auseinandergenommen. Ehrliche Besorgnis klingt mit, wenn er sagt: „Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es Schwerverletzte oder sogar Tote gibt.“

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