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Fastenbrechen online: Der Ramadan während der Corona-Krise

Fastenbrechen online : Der Ramadan während der Corona-Krise

Bald beginnt der Ramadan – eine gemeinschaftliche Zeit für Muslime. Doch die Corona-Krise fordert Distanz und damit Kreativität. Soziale Medien können helfen – zumindest bei jungen Muslimen.

Auf dem Esstisch des Ehepaares Şimşek in Bochum stehen während des Ramadans zum Fastenbrechen normalerweise mehrere Teller neben den traditionellen Datteln. Rabia und Yusuf Şimşek erwarten dann meist Familienmitglieder und Freunde. Diesen Ramadan ist vieles anders. Wegen der Corona-Maßnahmen stehen diesmal nur zwei Teller und ein Schälchen Datteln für das Ehepaar bereit, daneben wird ein Laptop platziert.

Auch diesmal soll das Fasten gemeinschaftlich gebrochen werden – per Livestream. „Wir dürfen wegen der Corona-Pandemie nicht zusammenkommen, aber das hindert uns nicht daran, beisammen zu sein“, sagt der 31 Jahre alte Yusuf Şimşek.

Der Fastenmonat Ramadan beginnt am 24. April und dauert 30 Tage. Gemeinsame Mahlzeiten zum Fastenbrechen nach Sonnenuntergang im Kreise der Familie und Freunden sind Tradition. Für die Familie Şimşek sei das „elementar für Ramadan“, wie die 30 Jahre alte Studentin Rabia Şimşek erklärt.

Im vergangenen Jahr habe das Ehepaar nur zwei oder drei Mal zu zweit das Fasten gebrochen. Sonst seien sie entweder bei Freunden eingeladen gewesen oder hätten selbst eingeladen. „Letzten Ramadan führten wir einen Kalender, um einen Überblick zu haben, wann wir wo eingeladen waren oder wen wir wann eingeladen haben“, erinnert sich Rabia Şimşek. Planen müsse sie auch dieses Jahr – selbst über das Internet brauche man im Ramadan feste Termine. Der Unterschied sei, dass das heimische Esszimmer nicht mehr verlassen werde.

Vergangenen Mittwoch hatten sich Bund und Länder darauf verständigt, das wegen des Coronavirus verhängte Versammlungsverbot in Gotteshäusern bis auf Weiteres beizubehalten. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime (ZMD), Aiman Mazyek, betonte zuvor, dass Gesundheitsschutz und der Schutz von Menschenleben in dieser Pandemie für gläubige Muslime die allerhöchste Priorität haben. „So schwer es uns fällt, unsere Moscheen im Heiligen Monat Ramadan weiter geschlossen zu halten, so ist es unsere religiöse und bürgerliche Verantwortung, in der aktuellen Phase genau das zu tun“, sagte Mazyek der Deutschen Presse-Agentur.

Für das Ehepaar Şimşek sei das Fernbleiben von der Moschee während des Ramadans „eine traurige Vorstellung“. Vor allem zum Ende des Fastenmonats. Dann werde das Ramadanfest gefeiert, bei dem zunächst gläubige Muslime gemeinsam beten und sich dann mit einem Händeschlag und Umarmungen beglückwünschen. In Zeiten der Coronavirus-Pandemie unvorstellbar.

„Wir wollen trotzdem am Geiste des Ramadans festhalten“, sagt Frau Şimşek. Den Ramadan sehe sie als Zeit des bewussten Lebens und des Innehaltens. Sie könne sich vorstellen, sich nun stärker ihrer Spiritualität zu widmen: „Ich bin echt gespannt, mit welchen Gefühlen ich aus dem Ramadan raus gehen werde.“

„Nach jeder Erschwernis kommt die Erleichterung, so glauben wir daran“, sagt Eyüp Kalyon. Auch der Religionsbeauftragte der Türkisch-Islamischen Union (Ditib) findet es „traurig“, dass so vieles ausfallen müsse. „Denn die Zusammenkünfte im Ramadan stärken unsere geistige Haltung, unsere Spiritualität. Dies wird leider dieses Jahr nur im engeren Kreis möglich sein“, sagt Kalyon.

Üblicherweise kämen an Ramadanabenden etwa 500 bis 1000 Menschen abends in die große Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld. Auch die Ditib setze in diesen ungewöhnlichen Zeiten auf soziale Medien. So werden Freitagspredigten und deutschsprachige Vorträge für Jugendlichen in den sozialen Medien live übertragen. Zudem solle es im Ramadan eine Live-Übertragung aus der Kölner Moschee auf einem türkischsprachigen Sender mit dem Titel „Ramadan in Europa“ geben.

Rabia und Yusuf Şimşek machen sich vor allem Sorgen um die älteren Muslime. Yusufs Eltern seien schon über 70. Für sie ändere sich der Ramadan grundlegend. Üblicherweise würden sie, anders als das junge Paar, die meiste Zeit im Ramadan in der Moschee verbringen. Ihnen fiele der Umgang mit sozialen Medien schwer. Einen über das Internet gemeinsam gelebten Ramadan, wie es das Ehepaar Şimşek plane, könnten sich die Eltern nicht vorstellen. „Wir sehen Alternativen, meine Eltern sehen nur die Einsamkeit“, sagt Yusuf Şimşek.

(dpa)