Essen: Der neue starke Mann an der Spitze der RAG-Stiftung im Ruhrpott

Essen : Der neue starke Mann an der Spitze der RAG-Stiftung im Ruhrpott

Bergleute gehen früh in den Ruhestand. Nicht so Bernd Tönjes. Der 62-Jährige Chef des Zechenkonzerns RAG beginnt Ende Mai sogar ein neues Kapitel in seiner Karriere. Dann wird er Chef der mächtigen RAG-Stiftung, die das Milliarden-Vermögen zur Finanzierung der Ewigkeitslasten im Bergbau verwaltet.

Am Mittwoch bestellte das Kuratorium, das die Stiftung kontrolliert, Tönjes einstimmig und für fünf Jahre zum neuen Hüter der Milliarden.

Tönjes hätte darauf gerne verzichtet, denn eigentlich wollte sein langjähriger Förderer Werner Müller noch lange die Geschicke der Stiftung lenken. Doch Müller ist schwer erkrankt und legt zum 24. Mai alle Ämter nieder, wie er im Februar angekündigt hatte. Tönjes ist Müllers Wunsch-Nachfolger, dieser hatte ihn einst schon an der Spitze des Zechenkonzerns beerbt. Tönjes zählte auch zu der handverlesenen Gästegruppe, die dabei waren, als Müller unlängst den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen erhielt.

Abgesehen von den tragischen Umständen kann Tönjes als eine Idealbesetzung angesehen werden: Er wurde 1955 in Dorsten geboren, als die Kommune am nördlichen Rand des Ruhrgebiets noch eine stolze Zechenstadt war. „Mein Vater und meine Großväter waren Bergleute. Ich habe als Steiger im Bergwerk Lippe angefangen“, hat Tönjes einmal erzählt. Er hat selbst über Jahre die harte Arbeit und die besondere Kameradschaft unter Tage erlebt. Er studierte Bergbau an der RWTH Aachen und finanzierte sich das Studium über die Arbeit auf dem Pütt. Tönjes war auf vielen Zechen im Ruhrgebiet tätig: Fürst Leopold, Schlägel & Eisen, Ewald. Alle sind mittlerweile geschlossen.

Als 2008 das große RAG-Imperium nach Müllers kühnem Plan aufgeteilt wurde in einen weißen Bereich, aus dem der Chemiekonzern Evonik hervorging, und einen schwarzen Bereich, der zum Zechenkonzern RAG wurde, stieg Tönjes auf zum Bergwerksdirektor der Nation. Mit ruhiger Hand und einem Blick für Belegschaft und Region führte er das Unternehmen durch den Schrumpfungsprozess. 2008 hatte die RAG noch 20.000 Mitarbeiter, nun sind es noch wenige Tausend. Und auch für die ist absehbar Schicht im Schacht.

Wenn am 21. Dezember mit Prosper Haniel die letzte deutsche Zeche schließt, wird man in Bottrop viele Bergleute weinen sehen. Zusammen mit Spitzenpolitikern aus Bund und Land, Unternehmenslenkern und Gewerkschaftschefs wird Tönjes die letzte Schicht am Förderkorb in Empfang nehmen. Auch für ihn wird das ein harter Tag. „Mit dem Bergbau endet auch für meine Familie eine Ära“, sagte er.

Als Chef der RAG-Stiftung geht die Arbeit für ihn aber weiter. Gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen muss er das Vermögen der Stiftung wahren und mehren, aus dem das ewige Abpumpen des Grubenwassers bezahlt wird. Ohne Pumpen ständen Teile von Essen längst unter Wasser.

Dazu gehören auch wesentliche Anlageentscheidungen. Bislang ist das Vermögen der RAG-Stiftung zu einem großen Teil in Evonik-Aktien gebunden, 68 Prozent beträgt der Anteil. Die Evonik liefert Jahr für Jahr auch gute Dividenden ab. Dennoch ist Evonik für die Stiftung ein Klumpenrisiko, das sie auf Dauer auf gut 25 Prozent reduzieren will. Nur ist die Frage, wann und wo man das Kapital in Zeiten von Minizinsen alternativ anlegt. Auch für die Sanierung von Bergschäden und die Förderung von Kultur und Wissenschaft in den Bergbauländern NRW und Saarland wird die Stiftung auf Dauer zuständig sein. Zugleich geht es bei der RAG-Stiftung immer auch darum, die Posten und Milliarden vor dem Zugriff der Politik zu schützen. Der Bergmann Tönjes wird zum wachsamen Bewahrer von Müllers Erbe werden.

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