Aachen: Der Mann, der im Täter den Menschen sucht

Aachen: Der Mann, der im Täter den Menschen sucht

Gerd Nohl hat seine alten Fälle mit nach Hause genommen, in den Monaten vor seiner Pensionierung hat er sie aktentaschenweise aus seinem Büro im Gericht ins Erdgeschoss seines Einfamilienhauses im Südosten Aachens geschafft. 300 braune Umschläge stapeln sich bis zu seiner Hüfte, links die ersten Schwurgerichtsfälle, in der Mitte die letzten, rechts die umfangreichsten.

In den Umschlägen lagern 300 Kriminalfälle, viele grausam, manche kurios, fast alle erschütternd. Auf den Laschen der Umschläge stehen das Aktenzeichen des Verfahrens und der Name des Angeklagten, meist weiß Nohl noch genau, welcher Fall in welchem Umschlag steckt. Von seinen Urteilen hat Nohl sich noch nicht trennen können, wer weiß, vielleicht schreibt er ja mal ein Buch. Er weiß bloß noch nicht, was darin stehen soll.

Man sollte meinen, dass jemand wie Nohl, der 16 Jahre lang Vorsitzender Richter der Schwurgerichtskammer am Aachener Landgericht war, an der fast ausschließlich über Schwerkriminelle geurteilt wird, Mörder, Räuber, Vergewaltiger, 1000 Geschichten zu erzählen hat. So viele, er wüsste gar nicht, wo er anfangen sollte zu erzählen. Mit Gerd Nohl, 65, ist seit dem 1. September einer von Deutschlands profiliertesten und wohl auch besten Strafrichtern im Ruhestand, und man kann sagen: Für die Justiz und die Gesellschaft ist das ein großer Verlust. Nur Nohl sagt, dass er nicht unglücklich sei, dass es jetzt vorbei ist.

Wenn man die Zeitungsartikel der vergangenen Jahrzehnte überfliegt, die von Nohls Prozessen berichten, graust es einen schon nach wenigen Minuten. Es sind nicht allein die Taten, die entsetzen, sondern mehr noch die Umstände der Verbrechen, mit denen sich Nohl während all der Jahre zu befassen hatte.

Pensionierte Ingenieure, denen ihre bettlägerige Frau auf den Geist ging, und die dann zum Messer griffen. Eine Baronin, die russisches Roulette mit ihrem Liebhaber spielte. Ein junger Sanitäter, der eine Jugendliche tötete, und dem es beinahe gelang, alles wie einen Selbstmord aussehen zu lassen.

Völlig unverständliche Schwerverbrechen, die im Drogen- oder Alkoholrausch begangen wurden, ein 32 Jahre alter Feuerwehrmann, der nachts durch die Straßen zog und Häuser anzündete und danach das Bett mit seiner Mutter teilte. Eifersuchtsmorde begangen von bis dahin unbescholtenen Menschen aus gut situierten und weitgehend sorgenfreien Verhältnissen. Sich in Nohls Welt zu begeben, bedeutet, eine Welt der Abartigkeiten zu betreten, in der nichts unmöglich ist.

Der weggeworfene Wellensittich

Der Fall, der selbst aus Nohls beruflicher Laufbahn auf furchtbare Weise herausragt, ist der Fall Tom und Sonja. Ostern 2003 wurde das Geschwisterpaar aus Eschweiler, damals neun und elf Jahre alt, von Markus Lewendel und Markus Wirtz brutal ermordet, Sonja überdies noch sexuell missbraucht. Von den vielen Grausamkeiten, die Nohl hat aburteilen müssen, war dies vielleicht die schlimmste, sagt er heute.

Das Medieninteresse war gewaltig, die Stimmung in der Bevölkerung und im Gericht gereizt. Kollegen und damalige Gegner sagten und sagen, dass dieser Prozess wahrscheinlich Nohls größte Leistung gewesen sei. Weniger juristisch, dazu lag der Fall zu klar, eher menschlich.

Die Eltern der ermordeten Geschwister blieben dem Prozess fern, Nohl verzichtete darauf, sie als Zeugen aussagen zu lassen. Um den beiden Kindern vor Gericht trotzdem ein Gesicht zu geben, lud er eine Lehrerin vor, die ergreifend über Tom und Sonja sprach. Nohl befragte den Polizisten, der den Eltern erst den Tod des Sohnes und eine Woche später den der Tochter mitteilen musste. Dem erfahrenen Kriminalbeamten gelang es nur mit Mühe, die Fassung zu bewahren, selbst einem der Verteidiger standen Tränen in den Augen.

Und dann war da der Umgang mit den Tätern. Hans Holzhaider, seit 1997 Gerichtsreporter der „Süddeutschen Zeitung“, war damals Prozessbeobachter in Aachen. Niemand, der Lewendels Schilderung und den leisen Anflug von Stolz in seiner Aussage damals hörte, wird das vergessen, sagte Holzhaider vergangene Woche im Gespräch mit unserer Zeitung.

„Nohl ließ sich zu keiner Empörung hinreißen, aber er war unerbittlich in seiner Fragestellung, er ersparte den Angeklagten und sich selbst nichts, man spürte, dass er unbedingt die Wahrheit wissen wollte“, sagt Holzhaider. „Und trotzdem hatte ich immer den Eindruck, dass er nie vergaß, dass ihm zwei Menschen gegenübersitzen, richtige Menschen, nicht nur Täter.“ Das, sagt Holzhaider, unterscheide Nohl von vielen anderen Richtern. „Er verachtet keinen, er macht keinen fertig, er verabscheut die Tat, aber er bewahrt in jeder Sekunde die Achtung der Menschenwürde des Täters.“

Wenn ein Angeklagter nicht von seinem Recht auf Verweigerung der Aussage Gebrauch macht und offen seine Lebensgeschichte erzählt, entweder dem Richter während des Gerichtsverfahrens oder einem psychiatrischen Gutachter vor dem Prozess, kann sich ein Bild eines Menschen formen, der einmal ein Kind war und ein Jugendlicher, ein Mensch mit Eltern und Geschwistern, Freunden, Bekannten. Oft bildet sich bei Zuhörern dann so etwas wie ein zumindest rudimentäres Verstehen auch der grausamsten Tat, und so war es auch im Fall von Lewendel.

Nohl lud den Berliner Psychiater Hans Ludwig Kröber vor, der Lewendel damals zu begutachten hatte. Kröber berichtete, wie Lewendel, als das Gutachten eigentlich schon abgeschlossen war, ihn noch einmal um ein Gespräch gebeten habe. Er habe vergessen, etwas Wichtiges zu sagen. Lewendel erzählte Kröber dann, er habe als Kind einmal einen Wellensittich gehabt, den er sehr geliebt habe.

Eines Tages sei er unabsichtlich auf den Vogel getreten, der auf dem Boden herumhüpfte. Seine Mutter habe den toten Wellensittich aufgekehrt und einfach in den Mülleimer geworfen. Eiskalt sei sie gewesen. Sie habe nichts gesagt, ihn nicht getröstet, gar nichts. Als Kröber das vor Nohls Schwurgerichtskammer erzählte, konnten Beobachter wie Holzhaider deutlich sehen, wie Lewendel schluckte, um nicht weinen zu müssen.

Die Episode ist nicht einmal im Ansatz dazu geeignet, Verständnis für die Taten zu wecken und erst recht ist sie kein Rechtfertigungsgrund. Aber sie vermittelt doch eine Ahnung davon, wo Lewendels Kälte und Grausamkeit wahrscheinlich ihre Wurzeln haben.

So sehr Nohl es sich zum Prinzip machte, jedem Angeklagten seine Menschenwürde zu lassen, so unnachgiebig war er meist in seinen Urteilen. Ein Aachener Strafverteidiger, der seinen Namen in diesem Zusammenhang nicht unbedingt in der Zeitung lesen mag, sagt, „dass viele Angeklagte sich von Nohls, ruhiger, sachlicher, ja leiser Art haben täuschen lassen“, glaubten, sie hätten einen gnädigen Richter vor sich. „Die haben ihn schlichtweg unterschätzt“, sagt der Rechtsanwalt. „Wenn diese Angeklagten dann Nohls Urteil hörten, waren sie oft völlig überrascht.“ Es kam nicht nur ein Mal vor, dass Nohl eine Strafe verhängte, die höher war als die von der Staatsanwaltschaft beantragte, was eher ungewöhnlich ist.

Genau so war es auch im Urteil gegen Wirtz und Lewendel. Nohl war es weitgehend gelungen, den Prozess auf einer sachlichen Ebene zu halten, das emotionalisierte Publikum zu mäßigen und die Verteidiger, die wie die Angeklagten Morddrohungen erhalten hatten, auf seine Linie zu bringen. In den Plädoyers akzeptierten die Verteidiger die Höchststrafe, noch bevor Nohl überhaupt das Urteil gesprochen hatte.

Normalerweise verliest ein Strafrichter am letzten Prozesstag wesentliche Teile des Urteils, das im Anschluss schriftlich ausgefertigt wird und zu den Prozessakten kommt. Nohl hingegen schrieb immer zwei Urteile: das offizielle für die Akten und eines, das er in der mündlichen Urteilsbegründung vortrug. Diese seitenlangen, mit Bleistift geschriebenen Urteilsbegründungen wichen zwar nicht in der Sache, aber in den Formulierungen stark vom offiziellen Urteil ab: kein Juristendeutsch, kaum Paragrafen, nur für jeden nachvollziehbarer Klartext.

Oft enthielten seine mündlichen Urteilsbegründungen eine persönliche Einschätzung der Tat, des Täters oder seines Verhaltens vor Gericht. „Im Folgenden will ich versuchen, Ihnen unser Urteil näherzubringen“, so leitete Nohl, zum Publikum gewandt, die Urteilsbegründungen so gut wie immer ein.

Das Verlesen des Urteils gegen Wirtz und Lewendel dauerte 30 Minuten. Wolfram Strauch, damals einer der Verteidiger, erklärte später, dies sei die brillanteste Urteilsbegründung gewesen, die er in seiner langen Laufbahn gehört habe. Andere Richter, die im Publikum saßen, um zuzuhören, empfanden das ähnlich.

Die Helden des Emotionsgewerbes

Ein Richter ist zwar derjenige, der im einzelnen Fall über Recht und Unrecht entscheidet, aber auf einer höheren Ebene ist ein Richter eigentlich derjenige, der den Rechtsstaat konkretisiert. Gesetze sind nur wenig wert, wenn sie nicht angewendet und nach dem Willen des Gesetzgebers ausgelegt werden.

Dem Strafrichter kommt dabei insofern eine besondere Bedeutung zu, als viele Menschen mit Recht zunächst einmal Strafrecht verbinden, weil es, zumal in einer Gesellschaft, die sich sonntagabends gern vorm „Tatort“ versammelt, erheblich leichter nachzuvollziehen ist als Zivil- oder gar Verfassungsrecht. Strafprozesse erschüttern, rütteln auf oder sorgen für Schadenfreude. In jedem Fall emotionalisieren sie, und Emotionen garantieren Aufmerksamkeit.

Im Gegensatz zu anderen Feldern, in denen mit Emotionen gehandelt wird, Sport, Politik oder Showbusiness, entsprechen Strafrichter nur selten dem Heldenbild des Emotionsgewerbes, und das muss auch so sein. Wer eine Tat und einen Täter verstehen will, wer sich trotz des Zeitdrucks der stetig wachsenden Flut von Verfahren doch die Zeit nimmt, das herauszufinden, was man als die Wahrheit bezeichnen könnte, oder zumindest einer Wahrheit nahezukommen, der ist in aller Regel kein von sich selbst eingenommener Lautsprecher.

Niemand, der das Urteil schon vorformuliert im Schreibtisch liegen hat, bevor der Prozess überhaupt begonnen hat, der alles sowieso schon weiß. Wer ein guter Strafrichter sein will, sagt Stefan Weismann, Präsident des Aachener Landgerichts, muss zuhören können, neugierig und selbstkritisch sein, der muss immer wieder prüfen, ob er unbefangen ist. Der muss sensibel sein, aber nicht gefühlsduselig, selbstsicher, aber nicht egozentrisch, fähig zur Empathie. Der muss in der Lage sein, auch im brutalsten Täter den Menschen zu suchen. Insofern können vermeintliche Schwächen manchmal zu Stärken werden.

Denn wenn man Nohls Aachener Richterkollegen Holger Brantin nach einer Schwäche von Gerd Nohl fragt, sagt er nach kurzem Überlegen: nichts. Nach längerem Überlegen dann: „Vielleicht ist Nohl ein bisschen zurückhaltend.“ Und Albert Balke, als Staatsanwalt Dutzende Mal Nohls Kontrahent vor Gericht, sagt: „Vielleicht wollte Nohl es manchmal zu genau wissen.“

Was macht einer, der mehr als 34 Jahre lang große gesellschaftliche Verantwortung trug, der Menschen in die Seele blickte, Abgründe sah, was macht so einer, wenn er pensioniert wird? „Mal sehen“, sagt Nohl, aber das bedeutet nicht, dass er‘s nicht weiß. Es könnte auch bedeuten, dass er nur nicht drüber sprechen will und zu höflich ist, das so zu sagen.

Nohl kommt aus einem Dorf mit sieben Häusern in der Gemeinde Marienheide nördlich von Gummersbach, das in jeder Beziehung das Gegenteil der Welt ist, die Nohl als Richter später kennenlernte. In dem Bach, der durch das Dorf fließt, fing Nohl Fische, auf einem See fuhr er Schlittschuh. Als Schüler begann er mit der Segelfliegerei. Vor ein paar Tagen hat ihn noch mal eine Freundin aus Kindertagen angerufen. Sie hat ihm gesagt, dass sich die wenigen Kinder, die damals in den 50ern zusammen in dem Dorf aufwuchsen, bald alle dort noch einmal treffen, und ob er nicht auch kommen wolle. Nohl sagte zu.

Ob er sich darauf freut? „Ja“, sagt Nohl leise, nickt, und dem so beherrschten Strafrichter, dem vor Gericht nie jemand ansah, was er dachte oder fühlte, steigen Tränen der Rührung in die Augen.

Mehr von Aachener Nachrichten