Aachener saß 31 Jahre in Haft: Der lange Weg des Mörders Michael Sch.

Aachener saß 31 Jahre in Haft : Der lange Weg des Mörders Michael Sch.

Vier Mal klingelten die Polizisten, bevor sie die Wohnungstür einschlugen, auf Videoaufnahmen sieht man, wie Michael Sch. sich vor Angst hinter seinem Schreibtisch verkoch und sich duckte.

Mehrere Beamten eines Spezialeinsatzkommandos stürmten schwer bewaffnet und gepanzert auf Michael Sch. zu, sie schrien: „Polizei, leg Dich hin!“ Und dann noch mal: „Leg Dich hin!“ Sie knieten sich auf ihn und fesselten seine Hände auf dem Rücken, Michael Sch. wimmerte, fast ohne Unterlass: „Ist ja gut, ist ja gut.“

Die Polizisten wussten, mit wem sie es zu tun hatten, sie überließen nichts dem Zufall. Michael Sch., 50 Jahre alt und zumindest zeitweise in Aachen aufgewachsen, hatte 32 Jahre seines Lebens in verschiedenen Gefängnissen verbracht, zuletzt 28 Jahre wegen Mordes an Gertrud R., da war er erst 21 Jahre alt. Als er vergangenen Sonntag in Schwerte festgenommen wurde, während er einen Livestream aus seiner Wohnung auf Facebook übertrug, da sah es so aus, als würde sich Geschichte wiederholen. Seine Geschichte, und die seiner Opfer.

Mit dem Vater auf Diebestour

Michael Sch. war in einigermaßen chaotischen Verhältnissen aufgewachsen, sein Vater, so geht aus Urteilen und Gerichtsakten hervor, war offenbar ein Gewohnheitskrimineller. Schon als Jugendlicher ging Michael Sch. mit seinem Vater regelmäßig auf Diebestour in Aachen, sie stahlen dies und jenes oder brachen in Häuser ein. In den 80er Jahren wurde Michael Sch. wegen 39 nachgewiesener Diebstähle, versuchter Diebstähle und Einbrüche zu einer Jugendstrafe von vier Jahren Haft verurteilt, eine harte Strafe, die darauf schließen lässt, dass Sch. schon vor dieser Verurteilung straffällig geworden war.

Am 5. Juni 1990, einem Dienstag, hatte Michael Sch. seine Jugendstrafe abgesessen und wurde aus dem Gefängnis entlassen. Es dauerte nur sechs Tage, da beging er seinen ersten Mord.

Am Abend des 11. Juni 1990 fanden Spaziergänger den herrenlosen Tibet-Terrier Danny von Gertrud R. an einem Spazierweg an der Wurm, nicht weit von der Jülicher Straße in Aachen entfernt. Und kurze Zeit später fanden sie auch die Leiche der 59-Jährigen, die in der Wurm lag. Ob sie erwürgt oder ertränkt worden war, konnten die Pathologen in der Gerichtsmedizin des Aachener Klinikums damals nicht mehr feststellen. Doch es gab Spuren, die darauf hindeuteten, dass jemand versucht hatte, sie zu vergewaltigen.

Theo Steinröx war in jenem Sommer Mitglied der Mordkommission, die den Fall R. aufzuklären hatte. Die Sicherung und Auswertung von DNA-Spuren, sagt Steinröx (70) heute, mehr als 28 Jahre später, „hat damals noch in den Kinderschuhen gesteckt“. Die Beamten der Mordkommission befragten Spaziergänger, Nachbarn, Bekannte und verteilten mehr als 2000 Flugblätter in der Gegend, in der der Tatort lag. Ein gewaltiger Aufwand. Die Zahl potenzieller Zeugen war riesig, weil damals noch mehr als 1000 Menschen in größeren Industriebetrieben an der Jülicher Straße arbeiteten. Der Spazierweg an der Wurm war besonders bei Hundebesitzern sehr beliebt und stark frequentiert.

Danny, der Hund von Gertrud R. Foto: ZVA/Wolfgang Plitzner

In mühsamer Kleinarbeit gingen Steinröx und die anderen Beamten mehr als 70 Hinweisen nach, die im Laufe der nächsten Wochen eingingen, am Ende konnten Phantombilder von zwei verdächtigen Männern erstellt werden.

Am 16. Juli 1990, also knapp fünf Wochen nach Gertrud R.s Ermordung und versuchter Vergewaltigung, überfiel Michael Sch. in der Aachener Innenstadt in der Nähe des damaligen Kaufhauses Horten eine 50 Jahre alte Verkäuferin in einem Geschäft. Er stellte ihr bis auf die Toilette nach, verlangte Geld, schlug sie und versuchte, auch sie zu vergewaltigen. Die Verkäuferin kam mit dem Leben davon, und es gelang ihr, eine gute Personenbeschreibung abzugeben. Die Beschreibung der Frau erreichte auch Steinröx’ Mordkommission, und einem der Polizisten fiel auf, dass die Personenbeschreibung zu einem der beiden Phantombilder im Fall R. passte. Am 20. Juli 1990, Steinröx war gerade in den Urlaub gefahren, nahmen die Ermittler Michael Sch. fest. Es dauerte nicht lange, da gestand er beide Taten. Ein Richter erließ Haftbefehl.

Ein Versäumnis?

Am 8. März 1991 verurteilte die Schwurgerichtskammer des Aachener Landgerichts unter Vorsitz von Richter Peter Schulz den 22 Jahre alten Michael Sch. wegen Mordes, sexueller Nötigung und versuchten Raubes zu lebenslanger Haft. Steinröx sagt, dass die Aufklärung dieses Falles ohne das vorbildlich gute Zusammenwirken verschiedener Kommissariate im Aachener Polizeipräsidium nicht denkbar gewesen wäre.

Bis 2004 saß Michael Sch. in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aachen, danach wurde er nach Schwerte verlegt. An der Gerichtsverhandlung 1991 hatte zwar der psychiatrische Sachverständige Prof. Dr. Dr. Willi Schumacher aus Gießen teilgenommen, der Michael Sch. trotz einer „dissozialen Persönlichkeitsstörung“, wie es im Urteil der Schwurgerichtskammer hieß, für uneingeschränkt schuldfähig erklärt hatte. Die Frage aber, ob Michael Sch. generell gemeingefährlich sein könnte, so dass eine Sicherungsverwahrung in Betracht hätte kommen können, war nicht erörtert worden. Ein Versäumnis?

2015 stellte ein Sachverständiger in der JVA Gießen ein günstiges Prognosegutachten aus, in dem angeregt wurde, Michael Sch.s Strafvollzug zu lockern. in der Folge wurde Sch. mehrfach ausgeführt, er durfte also die JVA in Begleitung zeitweise verlassen. Wie der Sprecher des zuständigen Landgerichts Hagen, Bernhard Kuchler, gestern auf Anfrage unserer Zeitung erklärte, sei ein 2017 von einem Psychiater erstelltes Gefährlichkeitsgutachten günstig ausgefallen. Am 2. Oktober 2018 wurde Michael Sch. nach mehr als 28 Jahren aus der Haft entlassen.

Theo Steinröx, der Polizist, der später Bürgermeister seiner Heimatstadt Monschau wurde, steht diesen Gutachten skeptisch gegenüber. Erfahrungssache. „Weil ich so oft erlebt habe, dass die Gutachter falsch lagen.“ Steinröx sagt: „Auch der beste Psychiater schaut den Menschen nur vor den Kopf.“

Vergangene Woche Mittwoch, am 9. Januar, etwa 14 Wochen nach Michael Sch.s Entlassung aus der Haft, löste am frühen Morgen der Rauchmelder im Haus einer 72 Jahre alten Frau in Schwerte aus. Nachbarn riefen die Feuerwehr, die Einsatzkräfte fanden später die stark verbrannte Leiche der Frau im Inneren des Hauses. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Frau getötet wurde.

Ob das Feuer zur Verdeckung eines vorher begangenen Mordes gelegt worden war oder ob die Frau durch das Feuer starb, ist bislang noch nicht bekanntgegeben worden. Es dauerte nur vier Tage, bis Michael Sch. am 13. Januar festgenommen wurde. Er steht unter dem dringenden Verdacht, die 72 Jahre alte Frau aus Schwerte am 9. Januar ermordet zu haben, so steht es im Haftbefehl.

Wie der Verdacht der Ermittler auf Michael Sch. fiel, wollte die Staatsanwaltschaft Hagen gestern nicht mitteilen. Es hieß, Michael Sch. habe die Tat bislang nicht gestanden.

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