Ausbau des Vereinsgeländes: Der heilige FC gegen den heiligen Adenauer

Ausbau des Vereinsgeländes : Der heilige FC gegen den heiligen Adenauer

In Köln spitzt sich der Streit um den Ausbau des Vereinsgeländes im Grüngürtel zu. Und nun steht auch noch eine Kommunalwahl an.

Friedmund Skorzenski ist FC-Fan; auf seinem Auto klebt sogar ein Sticker mit dem Geißbock drauf. Aber Skorzenski ist nun mal auch ein großer Fan des Kölner Grüngürtels, und er wünscht sich, dass der grüne Streifen, der die halbe Innenstadt umschließt, so bleibt, wie er ist. Wenn es nach Skorzenski geht, soll kein Stück des Grüngürtels Fußballplätzen oder einem Leistungszentrum weichen. „Ich kann Herz und Hirn trennen“, sagt er und schaut auf die Gleueler Wiese. Direkt am Militärring gelegen, bietet die Wiese den Kölnern ein wenig Ruhe vom Autolärm.

Auf dieser Wiese soll es bald drei große und vier kleine Fußballplätze geben. So jedenfalls plant der FC. Skorzenski ist Vorsitzender der Bürgerinitiative „Grüngürtel für alle“, die gegen den Ausbau des FC-Geländes und  für den Erhalt der Gleueler Wiese kämpft. Von hier sieht man in nicht ganz so weiter Ferne schon das Geißbockheim.

Das Clubhaus des 1. FC Köln am Decksteiner Weiher wurde am 12. September 1953 mit viel Brimborium eröffnet. Der damalige FC-Präsident Franz Kremer hielt eine feierliche Ansprache. In Berichten war später vom „modernsten Jugend- und Klubheim Europas“ die Rede. Aber das ist nun beinahe 70 Jahre her. Die Zeiten, in denen das Geißbockheim in Köln-Sülz als modern galt und der FC als wirklicher Topverein, sind lange vorbei. Der Fußball-Bundesligist möchte das wieder ändern, dauerhaft erfolgreich sein und dafür sein Trainingsgelände ausbauen und mehr als 20 Millionen Euro investieren.

Verwaltung prüft 7000 Eingaben

Ausnahmsweise bekommt der FC aber aus der Bevölkerung sehr viel Gegenwind, weil Umwelt- und Naturschutz in den letzten Jahren einen immer höheren Stellenwert einnimmt, aber auch weil der Grüngürtel nicht irgendein Park ist, sondern das Vermächtnis Konrad Adenauers. Der heilige FC gegen den heiligen Adenauer. So könnte man den seit Jahren andauernden Konflikt gut zusammenfassen.

Es geht um die Wiese hinter ihm: Friedmund Skorzenski von der Bürgerinitiative „Grüngürtel für alle“ wehrt sich dagegen, dass der FC drei Kunstrasenplätze auf die Gleueler Wiese bauen möchte. Foto: Madeleine Gullert/ZVA/Gullert, Madeleine

Derzeit muss die Verwaltung mehr als 7000 Eingaben aus der Bevölkerung prüfen, wie die Stadt Köln auf Anfrage mitteilte. Die Bürgerinitiative hatte alle Kölner dazu aufgefordert, ihre Argumente gegen den Ausbau schriftlich zu formulieren. Auch der FC forderte im August seine Mitglieder dazu auf, Eingaben für den Ausbau zu schreiben. Skorzenski glaubt, dass sich der „FC damit selbst geschadet hat, weil jede Eingabe geprüft werden muss – und das Zeit kostet“. Tatsächlich rechnet die Verwaltung laut Stadt damit, den Ratsgremien einen Beschlussvorschlag erst im zweiten Quartal 2020 vorlegen zu können.

Inzwischen sieht es aber so aus, als würden am Ende Gerichte darüber entscheiden, ob der FC sein Leistungszentrum im Grüngürtel bauen darf oder nicht. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz BUND hat Ende August angekündigt, im Zweifel klagen zu wollen. „Bedeutsame Belange im Sinne des Baugesetzbuches, wie der Umweltschutz, sind in wesentlichen Punkten nicht zutreffend ermittelt und fehlerfrei bewertet worden“, betonte Helmut Röscheisen, Vorstandsmitglied des BUND Köln.

An einem Sommertag Ende August laden Skorzenski und seine Bürgerinitiative zu einem Spaziergang ein. Treffpunkt: das Geißbockheim. Trotz besten Biergartenwetters sind rund 40 Menschen gekommen, um sich über die Pläne des Fußballvereins zu informieren. Denn längst sind die Fronten verhärtet. Wie bei anderen Themen auch beschimpfen sich in Internet-Foren und Sozialen Netzwerken die gegnerischen Seiten. Die „wahren FC-Fans“ gegen die „Ökos“ – so liest sich das dann.

Zu dem Spaziergang sind interessierte Menschen gekommen, die sich in diesem Streit um die Deutungshoheit ihre eigene Meinung bilden wollen. Eine Teilnehmerin äußert ihre Sorgen: „Unsere Kinder und Kindeskinder werden den Grüngürtel, so wie wir ihn kennen, nie mehr kennenlernen.“ Das fürchtet die Bürgerinitiative auch. Ulla Theisling leitet den Spaziergang an diesem Tag. „Wir sind eigentlich nette Leute, aber in diesem Punkt sind wir Fundamentalisten. Wir wollen keinen Zentimeter vom Grüngürtel abtreten. Aber bilden Sie sich bitte Ihre eigene Meinung!“

Theisling zeigt, dass sich der Verein jetzt schon breit macht. Auf dem Parkplatz vor dem Geißbockheim sind seit einiger Zeit Schranken, überall sind Banner des FC, wo einst eine tolle Freitreppe am Geißbockheim war, steht seit 2008 ein Bürogebäude. „Man kann schon den Eindruck gewinnen, das Gelände werde immer weiter privatisiert“, sagt Theisling. Tatsächlich mietet der Verein das Gelände nur von der Stadt. Ein Passant bleibt kurz bei der Gruppe stehen und klinkt sich ein. „Ich war in den 70ern Spieler beim FC. Da war das Gelände frei zugänglich. Jetzt wird das immer mehr zu einer No-Go-Area“, sagt er verärgert, schwingt sich auf sein Rad und fährt weiter. Theisling zeigt ja sogar Verständnis dafür, dass der FC sich modernisieren will.

Lange Zeit sah es so aus, als dürfe und könne „dä Effzeh“, wie die Kölner ihren Verein etwas schlonzig nennen, alles in dieser Stadt. „Der Verein ist so mächtig, dass sich noch kein Prominenter gegen das Projekt gestellt hat“, sagt Skorzenski. Das stimme ihn auch als Demokrat nachdenklich. Außerdem würde immer suggeriert, ein kleiner Sportverein baue hier. „Aber hier will ein großes Unternehmen bauen.“

Immerhin hat sich inzwischen ein Enkel Konrad Adenauers kritisch geäußert. Der Boden dürfe nicht „verseucht und misshandelt“ werden. Konrad Adenauer junior, Enkel des ersten Bundeskanzlers, sagte auch: „Nach der Vorstellung meines Großvaters sollte der Grüngürtel der Erholung und dem Breitensport dienen, nicht kommerziellen Zwecken. Entschuldigung, aber so ist es!“

OB Reker ändert ihre Haltung

Konrad Adenauer war von 1917 bis 1933 Oberbürgermeister in Köln und prägte mit seiner Idee des Grüngürtels die Stadt bis heute. Seine Partei, die CDU, spricht sich bislang aber für den Ausbau des Geißbockheims aus. Auch die FDP und die SPD in Köln sind dafür. Die Grünen sind dagegen. Im Moment ist der Zeitgeist aber eher grün, insbesondere in Sülz, dem Viertel, in dem das Geißbockheim steht. Insgesamt lehnen laut einer aktuellen YouGov-Umfrage im Auftrag der Bürgerinitiative 64,3 Prozent der Kölner die Ausbaupläne des 1. FC Köln im Grüngürtel ab. Nur 25,3 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus. Rund zehn Prozent sind unentschlossen.

Im kommenden Jahr findet in Köln wieder eine Kommunalwahl statt, und Henriette Reker möchte erneut Bürgermeisterin werden. „Ich würde mir wünschen, dass wir im Einvernehmen mit dem FC einen anderen Platz finden“, sagte Reker Ende August. Das hat die Verantwortlichen beim Verein kalt erwischt und die Diskussion in der Stadt noch angeheizt.

„In jedem Fall wird der FC-Ausbau zum Wahlkampfthema, das steht fest“, sagt Jochen Ott. Er war 2015 im Kommunalwahlkampf für die SPD als OB-Kandidat gegen Henriette Reker angetreten und hält die Diskussion für verlogen. „Auch Henriette Reker hat mit mir damals auf der FC-Podiumsdiskussion gesessen und gesagt, dass man den Ausbau machen werde und für den FC sei“, sagt Ott. „Jetzt knickt sie vor den Grünen ein, um wieder aufgestellt zu werden.“ Die spannende Frage für ihn sei nun, wie sich die CDU in den kommenden Monaten positioniere. CDU-Fraktionschef Bernd Petelkau betonte in einem Interview im September, dass es „bei unserer Unterstützung für den 1. FC Köln“ bleibt. Petelkau ist Kandidat in Lindenthal und muss sich vor seinen Wählern, die von dem Ausbau direkt betroffen sind, verantworten. Die SPD werde jedenfalls nicht einknicken, sagt Ott, der seit 2010 im Landtag sitzt. Und das alles wegen einer Wiese – so sehen das viele Ausbau-Befürworter.

Die Gleueler Wiese werde doch ohnehin fast nur von Hundebesitzern frequentiert, heißt es dann. Spaziergänger würden doch lieber den Weg ein paar Meter weiter am Decksteiner Weiher nutzen. Und überhaupt werde der FC die drei kleinen Fußballfelder der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.

Skorzenski hält dagegen: „Jetzt kann jeder jederzeit auf der Wiese Fußballspielen, in Zukunft wird das nur zu bestimmten Zeiten eine kleine Gruppe können.“ Außerdem werde das Denkmal Grüngürtel durch die Bauten zerstört. Die Bürgerinitiative fürchtet ein Verkehrschaos, weil Zufahrtsstraßen überlastet sein könnten, und rücksichtloses Wildparken. Die Wiese helfe, die Luft abzukühlen. Nach Berechnungen der Ausbau-Gegner könnte die Temperatur in dem Bereich und in den angrenzenden Vierteln nach dem Ausbau um drei Grad steigen. Weil sich unter der Wiese archäologische Funde aus der Keltenzeit befinden, darf zudem nicht zu tief gebaut werden. Es könnte deshalb notwendig sein, dass die Fußballfelder auf einem erhöhten Plateau angelegt werden müssen. „Umstrittene Kunstrasenplätze und Flutlicht, das besonders hell sein muss, weil die A-Jugend des FC in der Bundesliga spielt, führen zu einer Umwelt- und Lichtverschmutzung“, sagt Skorzenski. Besonders vor dem Hintergrund, dass eine beleuchtete Strecke für Läufer rund um den nahe gelegenen Adenauerweiher 2015 abgelehnt wurde, findet Skorzenski die Pläne absurd. „Das kann man der Natur und den Tieren nicht zumuten, hieß es damals in der Begründung.“ Man wolle den FC ja gar nicht aus dem Grüngürtel verbannen, sagen die Vertreter der Bürgerinitiative. Aber man könne doch die Profis und die Jugend an unterschiedlichen Standorten trainieren lassen – so wie es bei vielen anderen Bundesliga-Vereinen auch der Fall ist.

Oder doch nach Marsdorf?

Ein Alternativstandort, der immer wieder genannt wird, ist Marsdorf. Das kommt für den FC allerdings nicht in Frage. „Kinder auf eine Brache an der Autobahn zu vertreiben – das wäre ein fatales Signal“, findet Alexander Wehrle, FC-Geschäftsführer. Der Grüngürtel, das sei die Heimat des Vereins. Die Baupläne des Vereins respektierten die Philosophie des Grünstreifens in der Stadt. Und überhaupt würden die ökologischen Ausgleichsmaßnahmen das, was an Fläche versiegelt wird, bei weitem übertreffen, teilte Wehrle mit. Der Verein habe außerdem stets auf Transparenz gesetzt und sei kompromissbereit. Den von der Stadt Köln ausgerufenen Klimanotstand als Grund gegen den Ausbau des Vereins zu nutzen, sei doch nur vorgeschoben. Wehrle betont weiter: „Eine Verschlechterung des Klimas wird in einem Planungsgutachten klar verneint.“

Die Teilnehmer des Spaziergangs rund um den Grüngürtel sind da skeptischer. Auch wenn man die Wiese gut kennt, wird einem die Dimension dessen, was alles an grüner Fläche verschwinden soll, doch erst bei einem bewussten Spaziergang richtig klar. Ein älterer Herr kann sich nur einen Ausweg aus diesem Streit vorstellen: „Wir brauchen Greta.“