Aachen: Der große Frust in der Geburtshilfe

Aachen : Der große Frust in der Geburtshilfe

Sie werden gesucht, hofiert, gelobt. Der Respekt, die ihnen entgegengebracht wird, ist riesig. Und doch ist der Beruf der Hebamme seit Jahren in der Krise, der Mangel virulent. Denn was bringt die Wertschätzung, wenn sie sich letztlich — und nicht nur finanziell — nicht auszahlt?

Dass die Beleghebammen am Krankenhaus Sankt Brigida in Simmerath ihren Rufdienstvertrag mit dem Haus gekündigt haben und nun die Schließung der Abteilung droht, wirft exemplarisch ein Licht auf die seit Jahren bekannten Probleme, die sowohl freie als auch fest angestellte Hebammen belasten.

Der Mangel ist programmiert

So beklagt der Hebammenverband NRW, dass seit Herbst knapp 30 Kreißsaalteams den Berufsverband um Unterstützung gebeten hätten. Die Gründe seien immer wieder gleich, sagt die Vorsitzende Barbara Blomeier: unterbesetzte Schichten, Überlastung und miese Arbeitsbedingungen, die Hebammen zwischen Kreißsaal, Wochenbettstation und OP hin und her hetzen ließen. Bei einer Umfrage des Deutschen Hebammenverbands (DHV) gab knapp die Hälfte der Befragten an, sich schon mal um bis zu drei Gebärende gleichzeitig kümmern zu müssen.

Nach Einschätzung von Fachleuten steckt vor allem das Kreißsaalsterben im Land dahinter: Nur noch rund 150 geburtshilfliche Abteilungen in NRW schultern die steigende Geburtenrate, berichtet Nicola Bauer, Hebammenwissenschaftlerin an der Bochumer Hochschule für Gesundheit (HSG). Zwischen 2008 und 2017 wurden laut NRW-Gesundheitsministerium 42 Geburtshilfen geschlossen. Davon ist auch unsere Region betroffen. So wurden die Geburtsstationen des Eschweiler St. Antonius- und des Bethlehem-Krankenhauses in Stolberg zusammengelegt — in Stolberg.

Auch das Medizinische Zentrum der Städteregion Aachen in Würselen wollte seine Geburtsstation schließen. Der Plan scheiterte letztlich am Widerstand der Bezirksregierung Köln. Der Grund, warum so viele Geburtsstationen schließen, ist fast überall gleich: Kreißsäle sind nicht gut fürs Geschäft der Krankenhäuser. Eine Geburtsstation kostet viel, vor allem Personal, bringt aber nur wenig Erträge. Die Folge dieser Entwicklung seien überarbeitete Hebammen, die frustriert den Job an den Nagel hängten, sagt Bauer — im Schnitt bleiben Hebammen in Deutschland nur vier bis sieben Jahren im Beruf. Der Mangel ist programmiert.

Laut Statistischen Bundesamt leisteten 2016 insgesamt 11 077 Hebammen und Entbindungspfleger Geburtshilfe in deutschen Krankenhäusern. Davon waren 9301 fest angestellte Kräfte sowie 1776 Belegkräfte. Anfang 2018 waren mehr als 13 000 Hebammen freiberuflich tätig; teilweise sind sie auch parallel in Angestelltenverhältnissen. Davon sind 2590 in der Geburtshilfe tätig, der andere Teil in der Vor- und Nachsorge.

Laut einer Studie des DHV haben 25 Prozent der freiberuflich tätigen Hebammen von 2008 bis 2010 die Geburtshilfe aufgegeben. Ein wesentlicher Grund dafür sind Versicherungskosten, um geburtshilfliche Schäden zu regulieren. Die sind aus verschiedenen Gründen drastisch angestiegen. Die Versicherungen legen diese Kosten auf die Geburtshelferinnen durch erhöhte Beiträge um: 2002 lag die Prämie bei 453 Euro jährlich, 2017 waren es schon 7639 Euro, für 2020 sind 9098 Euro veranschlagt.

Allerdings gibt es seit 2015 einen sogenannten Sicherstellungszuschlag der Kassen von etwa 1400 Euro pro Quartal, der einen Ausgleich schaffen soll. Besonders betroffen von dieser Entwicklung sind neben den Hebammen, die Hausgeburtshilfe anbieten oder in Geburtshäusern arbeiten, auch die Beleghebammen. Die Folge: Wenn immer weniger freiberufliche Hebammen Geburtshilfe anbieten, verlieren Frauen ihr Recht auf Wahlfreiheit des Geburtsortes, so der DHV. Zudem fallen Angebote der Hebammen für Nachsorge-Betreuung oder Geburtsvorbereitungskurse weg.

Reform der Ausbildung

Und jetzt steht auch noch eine Neuordnung der Ausbildung bevor: Eine EU-Verordnung will, dass der Beruf im Studium und nicht mehr über eine Ausbildung erlernt wird. Deutschland ist da innerhalb der EU ziemliches Schlusslicht. Der DHV setzt sich seit Jahren dafür ein; er verspricht sich eine Aufwertung des Berufes. Die Finanzierung ist in den Bundesländern laut Verband aber ungesichert. Bisher wurden die Plätze über die Krankenhäuser als Träger der Ausbildungsstätten über einen Fonds finanziert. Wenn die Ausbildung aber an Hochschulen angegliedert ist, wäre dieser Ausbildungsfonds nicht mehr zuständig, sondern das Land. Auch das Hebammengesetz muss novelliert werden. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe beschäftigt sich derzeit mit all diesen Fragen. Antworten gibt es noch nicht.

(hjd/dpa/kna)
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