Maastricht/Aachen: Der „German Run“ auf die Universität Maastricht

Maastricht/Aachen : Der „German Run“ auf die Universität Maastricht

Maastricht ist kleiner als Aachen. 122.400 Einwohner zählte die für ihre epochalen Europa-Verträge bekannte Stadt am Fluss 2016, für Aachen listen die Statistiker mehr als doppelt so viele Menschen auf. Ähnlich ist das Verhältnis der beiden großen Unis. Etwa 17.500 Studierende sind an der Maastricht University eingeschrieben, 44.500 an der Excellenz-Uni RWTH.

Und obwohl für das Streben nach Bachelor oder Master in Maastricht rund 2000 Euro pro Studienjahr anfallen und der Wohnraum noch knapper und teurer ist als in Aachen, zieht es Tausende junge Leuten aus Aachen, NRW, der Bundesrepublik und der ganzen Welt zum Studieren nach Maastricht. Mehr als die Hälfte der Studenten dort sind Ausländer, von ihnen wiederum stellen die Deutschen etwa 42 Prozent, eher mehr junge Frauen als Männer, viele auch in den naturwissenschaftlichen Fächern — im Unterschied zur Technischen Hochschule in Aachen.

LH Job: Maastricht University, Martin Paul 02.10.17. Foto: Leah Hautermans

Zum neuen akademischen Jahr 2017/18 wurden fünf Prozent mehr Studierende in Maastricht aufgenommen, und die obligaten Rankings weisen der noch vergleichsweise jungen Bildungseinrichtung an der Maas immer wieder hervorragende Noten zu. Woran liegt das?

Gescheiter Grundgedanke

Das Zauberwort heißt „Employability“, übersetzt etwa Beschäftigungsfähigkeit. Bedeutet etwa: Von dem, was der junge Mensch lernt, soll er auch leben können: „Das ist eine relevante Frage für Studierende“, sagt Prof. Martin Paul, Präsident der Maastricht University. Natürlich ist die „Employability“ nicht in Maastricht erfunden worden, sie steckt auch als gescheiter Grundgedanke hinter dem Bologna-Prozess, der europaweiten, harmonisierenden Hochschulreform, der in Deutschland vielerorts der Makel der Verschulung anhaftet.

Zwar sind beide Unis in den 30 Kilometer voneinander entfernten Städten auch die größten Arbeitgeber vor Ort, aber natürlich können sie nicht allen Absolventen Anschlussverwendungen anbieten. Paul formuliert es so: „Nur die wenigsten unserer Studenten bleiben doch als Forscher an der Uni.“ Er wehrt sich deshalb dagegen, dass die Hinführung zum Job unakademisch sei: „Es ist kein Widerspruch, ein gutes akademisches Profil zu erwerben und damit einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Schließlich werden wir von der Gesellschaft finanziert.“

In Maastricht gelingt der Transfer in den allgemeinen Arbeitsmarkt offenbar besser als an vielen anderen renommierten Bildungsstätten. „93 Prozent unserer Graduierten haben nach einem Jahr in ihrem Studienfach oder einer verwandten Disziplin Arbeit gefunden“, sagt Paul in seinem edlen Büro am Minderbroedersberg im Herzen von Maastricht.

Der Pharmakologe Paul ist seit 2011 der erste ausländische (nämlich deutsche) Präsident einer niederländischen Universität, bis 2008 war er Dekan der Charité in Berlin. Der Verwaltungssitz der Uni und sein Büro befinden sich im Kirchenschiff eines ehemaligen Franziskanerklosters, Anfang des 17. Jahrhunderts errichtet. Das historische Gebäude mit dem Auge Gottes über dem Eingang ist eine von vielen Dependancen der europäischen Top-Universität in einer der ältesten Städte der Niederlande. Die Neubauten mit der medizinischen und psychologischen Fakultät finden sich vorwiegend im Stadtteil Randwyck.

Diese Kleinteiligkeit ist ein weiteres Puzzlestück, das zum Erfolg beiträgt. Problemorientiert gelehrt und gelernt wird in Maastricht nämlich in überschaubaren Gruppen, gerade zwölf bis 15 Köpfe stark. Das setzt dem Größerwerden Grenzen: „Wir können nur wachsen, wenn die Kapazität an Unterrichtsräumen mithält. Deshalb wachsen wir mit Bedacht“, sagt Professor Paul.

Die Neulinge werden intensiv auf ihren Wissensstand abgeklopft, wissenschaftliches und selbstständiges Lernen stehen vom ersten Tag des Studiums an im Mittelpunkt. „Bei uns meistert jeder Bachelorstudent in einem halben Jahr seiner drei Jahre ein Forschungsprojekt, das mit einer Bachelorarbeit endet“, erläutert Paul. Die Hochschulen in den Niederlanden seien staatsferner und autonomer, sagt der 59-Jährige, der das Bildungswesen beider Nachbarländer von innen kennt.

Der niederländische Staat stellt die Budgets zur Verfügung, der Aufsichtsrat, dem er als Präsident Verantwortung gegenüber ablegen muss, kümmert sich um die Strategie und deren Umsetzung: „Die Aufgaben werden hier streng getrennt.“ Und: Die Gelder für Forschung und Lehre werden ebenfalls unabhängig voneinander ausgewiesen, sie richten sich unter anderem danach, wie viele Absolventen in der Regelstudienzeit (plus einem Jahr) einen Abschluss erzielen.

Das führt dazu, dass jeder Lehrende ein eigenes Interesse an der Studierbarkeit hat, im Extrem- und Versagensfall können nämlich Hochschullehrern Mittel für die Lehre entzogen werden: „Das geschieht nicht oft, aber es geschieht.“ 1992 hat die 1976 gegründete Rijksuniversiteit Limburg sich in Maastricht University umbenannt und somit international ausgerichtet. Bis zu 75 Prozent der Studiengänge, zum Beispiel International Business, Naturwissenschaften und Europäisches Recht, werden seitdem auf Englisch unterrichtet, ein Auslandssemester ist in vielen Disziplinen Pflicht — oft in Übersee.

Lernen, unabhängig zu sein

Alles zusammen führt zu besten Einstufungen für die junge Uni in den unterschiedlichen Bewertungssystemen und die wiederum zu dem großen Andrang junger Menschen, auch aus Deutschland. Paul: „Studenten müssen lernen, unabhängig zu arbeiten. Sie bekommen hier eine Ausbildung, die für den internationalen Arbeitsmarkt viel attraktiver erscheint als die in Deutschland.“ Wobei es nach dem Anstieg der deutschen Einschreibungen zu einem Phänomen kam, das in Maastricht als „German Run“ Bekanntheit erwarb: Die Plätze in den Bibliotheken waren massenweise schon morgens belegt und Schlange stehen wie in Aachen war angesagt — das Handtuch auf dem Liegestuhl ließ grüßen. Die Uni löste das Problem durch die Aufstockung der Lernplätze.

Überhaupt hat Paul seine Uni aus der Elite-Ecke herausgeholt, zwischen Kommune und Uni gab es lange Zeit wenig Kontakte. Das hat sich gründlich geändert: Als es galt, 700 Flüchtlinge in Maastricht zu integrieren, war die University beispielsweise zur Stelle. Studenten gehen in Seniorenheime und lehren den Umgang mit dem Laptop und lernen dafür die Sprache, auch mit den Museen oder dem Sinfonieorchester arbeitet die Alma Mater zusammen. „In vielen Ländern, auch in Deutschland, hat man zu lange gewartet, sich in Richtung Gesellschaft zu öffnen. Davon muss man sich wegbewegen.“ Und auch mit den umliegenden Hochschulen in Eindhoven, Hasselt, Aachen oder Lüttich ist die Uni inzwischen intensive Kooperationen eingegangen: „Man hat jahrelang nebeneinander her gelebt.“

Die zahlreichen guten Bewertungen — mit Plätzen unter den ersten 100 der weltweit 17 000 Universitäten — machen Paul nicht übermütig (unter anderem besitzt die School of Business and Economics seit 2007 die sogenannte Triple Crown, die nur 77 Hochschulen weltweit verliehen wird). Er stuft sie pragmatisch ein, die Rankings würden vornehmlich zum Marketing und zur Qualitätskontrolle genutzt: „Ein guter Platz in den Rankings ist für uns nicht das Ziel, er muss vielmehr Resultat der institutionellen Strategie sein.“

Das wachsende Renommee hat, ebenso wie bei der RWTH Aachen, aber auch einen nützlichen Nebeneffekt für die gesamte Umgebung. Der Süden der Niederlande wurde von der wirtschaftlich starken Randstad (mit Amsterdam, Den Haag, Utrecht und Rotterdam) aus immer ein wenig herablassend betrachtet, besonders nach dem Niedergang der Steinkohle. So kam es kaum vor, dass es einmal einen Professor aus Amsterdam nach Maastricht verschlug. Auch die meisten Absolventen aus Maastricht zog es nach dem Studienabschluss wegen der mangelnden Arbeitsplätze rasch weg aus Limburg.

Innovative Arbeitsplätze

Beides hat sich inzwischen geändert. Auch Wissenschaftler aus der Randstad oder Deutschland, Europa oder den USA docken inzwischen bei der Maastricht University an, unter anderem wegen des Brightlands-Konzepts, das die Universität zusammen mit der Limburger Provinzregierung erstellt hat. Beim Schaffen von innovativen Arbeitsplätzen für die Region mischt die Uni Maastricht hier kräftig mit. Untersuchungen haben ergeben, dass sich das (kostspielige) Bereitstellen von Studienplätzen für Nicht-Niederländer durchaus rechnet. Wenn nur acht Prozent der Absolventen im Lande bleiben und Steuern zahlen, hat man die Kosten bald wieder heraus. Momentan liegt die Quote schon bei 20 Prozent. Paul: „Langfristig gesehen ist das also eine gute Investition.“

Martin Paul, verheiratet mit einer Amerikanerin, fühlt sich jedenfalls wohl an der Maas: „Ich habe die Möglichkeit, bis zur Rente zu bleiben. Es gefällt mir hier auch sehr gut.“

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