Region: Der Gehilfe des Christkinds

Region: Der Gehilfe des Christkinds

Michael Mendreu parkt seinen Lieferwagen, er zieht ein Paket aus einem Regal. Scannt den Barcode, los geht’s. Das Paket ist grün-rot, darauf sind Rentiere, Tannenbäume und Weihnachtsmänner zu sehen. Mendreu schaut auf die Absenderadresse. „Das kommt aus Ostdeutschland. Da ist bestimmt ein Christstollen drin“, sagt er.

Mendreu ist Zusteller bei DHL, dem Paketdienst der Deutschen Post. Er sagt, dass man mit der Zeit ein Gefühl dafür bekomme, was in den Paketen drin sein könnte.

Aber eigentlich hat er kurz vor dem Weihnachtsfest gar keine Zeit, sich über so etwas Gedanken zu machen. Denn sein Fahrzeug ist proppenvoll. Das wurde ihm schon beim Sortieren der Sendungen am Morgen klar. 242 Pakete müssen in seinem Bezirk ausgeliefert werden. „Das ist schon enorm“, sagt Mendreu. An einem normalen Tag im Sommer seien es im Schnitt gerade einmal 140 Pakete pro Tag. Deshalb bekommt er Hilfe: Sein Bezirk wird verkleinert, ein zusätzlicher Fahrer nimmt ihm 40 Pakete ab. Also fährt er mit 202 Paketen nach Aachen hinein. Südstraße, Schillerstraße, Mattschö-Moll-Weg und Umgebung, dort liefert er aus.

Mendreu fährt immer nur ein kurzes Stück, dann muss er wieder anhalten, er schnappt sich zwei, drei Pakete, klingelt, lässt sich eine Unterschrift geben und ist wieder unterwegs.

Die Weihnachtszeit ist nicht nur für Michael Mendreu „die stressigste Zeit des Jahres“, sie bedeutet für das gesamte Unternehmen Ausnahmezustand. Bundesweit beschäftigt DHL etwa 10.000 zusätzlich Mitarbeiter, es sind 8500 Fahrzeuge mehr als im restlichen Jahr im Einsatz, und an den Wochenenden fahren 62 zusätzliche Sonderzüge mit DHL-Fracht. Das Unternehmen rechnet laut Sprecher Dieter Pietruck an Spitzentagen mit acht Millionen Paketen pro Tag. In den beiden Zustellbasen in Würselen und Aachen erhöht sich die Anzahl der Pakete auf mehr als 15.000 pro Tag.

32 Jahre Erfahrung

Schocken lässt sich Mendreu davon nicht. „Ich bin seit 32 Jahren dabei, da weiß man, was auf einen zukommt“, sagt der 49-Jährige. Er habe einmal ausgerechnet, dass er in dieser Zeit mehr als eine Million Pakete zugestellt hat. 1982 hat er seine Ausbildung bei der Post begonnen, seinen Auslieferungsbezirk hat er schon seit 15 Jahren. Er kennt also jede Straße, jede Adresse und auch die meisten Menschen, die sich dahinter verbergen. „Wenn ich die Tour plane, sehe ich schon die Gesichter vor mir“, sagt er.

Diese Planung sei sehr wichtig, sagt Mendreu. „Es würde viel zu viel Zeit kosten, wenn man zwischendurch noch mal zurückfahren müsste, weil man ein Paket vergessen hat“, sagt er. Und obwohl er den Weg perfekt planen kann, legt er trotzdem eine lange Strecke zurück: 18 000 Schritte, 17 Kilometer, dank Schrittzähler kann er diese Zahlen genau ablesen. „Der Kreislauf kommt bei der Arbeit schon in Wallung“, sagt er.

Im Studentenwohnheim am Mattschö-Moll-Weg klingelt Mendreu an einer Tür, es öffnet ein junger Mann, der anscheinend gerade aus dem Bad kommt. Er trägt ein Jeans, der Gürtel ist noch offen, der Oberkörper frei. So etwas sehe man ab und zu, sagt Mendreu. Ihm habe mal eine „fast entkleidete Frau“ die Tür geöffnet. „Die hat auf ihren Mann gewartet, der kam ein paar Schritte nach mir ins Haus“, sagt er. Aber peinliche Situationen gebe es kaum. „Wenn Kollegen davon erzählen, ist das meistens Prahlerei.“

Mendreu findet, dass die Leute in seinem Bezirk sehr freundlich sind, obwohl die Zeit vor Weihnachten für viele Menschen statt mit Besinnlichkeit mit einer Menge Stress verbunden ist. Dass sie sich über den kurzen Besuch des Paketboten freuen, liege in der Natur der Sache: „Die Leute sind froh, wenn ihr Paket rechtzeitig ankommt“, sagt er. Denn Zeit spare man mit einer Bestellung zum Beispiel im Internet nur, wenn der Bote das Paket auch beim Empfänger oder einem Nachbarn abgeben kann. „Wenn niemand das Paket annehmen kann, muss der Empfänger es bei der Post abholen. Dann hätte man auch gleich in die Stadt fahren und im Geschäft einkaufen können“, sagt er. Kindern erklärt Mendreu das auf seine eigene Weise: In diesen Tagen seien er und seine Kollegen die wichtigsten Gehilfen des Christkinds.

Bis zum Mittag musste Mendreu an diesem Tag noch kein Paket wieder mitnehmen. Und die Regale in seinem Liederwagen werden mit jedem Stopp leerer. Manchmal ist es für Mendreu aber gar nicht so einfach, einen Platz zum Anhalten zu finden. Seit der Privatisierung der Post müssen sich die DHL-Paketfahrer reguläre Parkplätze suchen. Vorher hatten sie Sonderrechte. „Manchmal geht es nicht anders. Wenn es einfach keinen Parkplatz gibt, muss man in zweiter Reihe parken“, sagt Mendreu. Dann drücke das Ordnungsamt auch mal ein Auge zu. Aber wenn die Müllabfuhr unterwegs sei, müsse man sich schon genau an die Parkregeln halten — ebenso auf Straßen, auf denen Busse fahren. Doch solange der Lieferwagen kein Verkehrschaos verursache, seien die anderen Autofahrer auch tolerant. Da werde selten gemotzt.

36 auf einen Streich

An seiner nächsten Station hat Mendreu kein Problem, einen Parkplatz zu finden. Er fährt auf ein Firmengelände. AachenMünchener Versicherung. Dort lässt er sich erst einmal ein Wägelchen geben. 36 Pakete muss er abliefern. Also muss er 36 Barcodes scannen. „Jede Sendung muss dokumentiert werden“, sagt Mendreu. So ist sie nachverfolgbar.

Jetzt ist die Zahl der Pakete in seinem Lieferwagen überschaubar. Ein paar Mal muss er noch anhalten, klingeln, sich eine Unterschrift geben lassen. Dann ist sein Arbeitstag beendet. Es gibt aber auch Tage, an denen er es nicht schafft, alle Pakete auszuliefern. Die gesetzlich vorgeschriebene Maximallenkzeit von 10:40 Stunden darf er nicht überschreiten.

Wenn er an diese Grenze stößt, dann muss er genau schauen, welche Pakete er noch im Wagen hat. 40 bis 50 Prozent der Sendungen kommen vom Online-Versandhändler Amazon. Und einige dieser Sendungen sind priorisiert. Mendreu: „Sie müssen wir dann in jedem Fall ausliefern, auf Biegen und Brechen.“

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