Aachen: Der Bischof sucht das neue Wir-Gefühl

Aachen : Der Bischof sucht das neue Wir-Gefühl

Religion und Kirche haben gesellschaftliche Bedeutung verloren, die Zahl der Kirchenmitglieder und Gottesdienstbesucher geht kontinuierlich zurück, es gibt immer weniger Priester. Um sich diesen seit langem anhaltenden Trends entgegenzustellen und nicht noch mehr Relevanz zu verlieren, hat sich Aachens Bischof Helmut Dieser ein ambitioniertes Projekt vorgenommen.

Bis 2021 soll darüber in vielerlei Gesprächsrunden diskutiert und beraten werden. Dann will Dieser so weit sein, die Ergebnisse dieses Prozesses umzusetzen.

Was will der Bischof?

Bei einer Pressekonferenz beschrieb er am Montag vier sogenannte Handlungsfelder, „um den heutigen Menschen die Freude des Evangeliums zu erschließen“. Über dessen Botschaft und die Glaubensvermittlung werde zunächst diskutiert. Es gehe zweitens um die Diakonie (Nothilfe und soziale Dienste) in den Pfarreien, der Caritas und anderen Bereichen.

„Die Kirche ist immer diakonisch; das haben wir in der Flüchtlingsfrage bewiesen“, sagt Dieser. „Einer Gemeinde, die nicht diakonisch ist, fehlt ein maßgebliches Element der Kirchlichkeit.“ Im dritten Handlungsfeld solle über die Orte der Evangelisierung gesprochen werden: Kindergärten, Schulen, Bildungseinrichtungen und andere. Erst der vierte und letzte Teil des Prozesses befasst sich dann mit den Strukturen: Wie sieht die Pfarrgemeinde in Zukunft aus, wie wird sie geleitet, und was geschieht mit dem Vermögen der bisherigen Pfarrgemeinden?

Wer kann und soll mitdiskutieren?

„Alle, die wollen, können sich beteiligen“, sagt Generalvikar Andreas Frick. Es werde mindestens 13 Gesprächskreise geben, die zu den vier Handlungsfeldern Ideen entwickeln sollen. Ab Ostern kann sich jede(r) Interessierte bewerben — auf der Homepage www.heutebeidir.de, die ab Ende Januar zu erreichen ist. „Es wird einen Run geben“, sagt Frick.

Lutz Braunöhler, Vorsitzender des Diözesanrates der Katholiken, äußert sich dazu auf Anfrage unserer Zeitung skeptisch: „Eine breite Beteiligung wird es nicht geben, weil das Interesse nicht sehr groß ist. Wie will er Christinnen und Christen erreichen, die nicht schon in kirchlichen Gremien und Verbänden aktiv sind? Mir ist das schleierhaft.“ Man werde Menschen dafür nur gewinnen, wenn sie die Chance sähen, dass ihre Ideen umgesetzt werden.

Braunöhler hätte sich von Anfang an die Beteiligung der Räte gewünscht. „Insofern hatte der Prozess keinen guten Start.“ Der Diözesanrat werde sich aber einbringen, wenn der Bischof bereit sei, „auf Kritik einzugehen und zielführende Änderungsvorschläge aufzugreifen und umzusetzen“.

Warum hat der Bischof die gewählten Räte im Vorfeld nicht beteiligt?

Dieser will den Gesprächs- und Veränderungsprozess ausdrücklich quer zu den bestehenden Zuständigkeiten organisieren; „es wird kein Prozess ausschließlich von Fachleuten sein oder Haupt- und Ehrenamtlichen“. Es sei „ein Prozess des Bischofs mit dem Bistum“. Dass er vorab nicht eingebunden wurde, ist auch im Priesterrat auf Kritik gestoßen. „Zu gegebener Zeit werde ich die Gremien mit den Teilergebnissen befassen“, sagte Dieser am Montag.

Wie wird der Gesprächsprozess organisiert?

Der entscheidende Mann ist der Bischof; daran lässt Dieser keinen Zweifel. Er hat das Konzept mit seinen engsten Beratern (Weihbischöfe und die fünf führenden Männer aus dem Generalvikariat) entwickelt. Eine sogenannte Lenkungsgruppe wird den Prozess organisieren und nach Aussage von Frick dem Bischof empfehlen, wer von den Bewerbern für die Gesprächskreise berufen werden sollte.

Wie sind die Reaktionen?

Gerade in kleinen Pfarren auf dem Land mit aktivem Gemeindeleben und bislang funktionierenden Seelsorge-Strukturen gibt es die große Sorge, künftig in der Anonymität einer Großpfarrei unterzugehen. „Die Sorge ist da; das weiß ich“, sagt Dieser und sieht sich im Spagat, solche alten Pfarrstrukturen zu würdigen, andererseits „plurale pastorale Formate“ zu schaffen, um angesichts des Priestermangels handlungsfähig zu bleiben. „Dass nicht von vornherein Großpfarreien geschaffen werden, wie das in manchen anderen Bistürmern der Fall ist“, nennt Braunhöhler positiv. Wenn es gelinge, „wegzukommen vom hergebrachten priesterzentrierten Kirchenbild, sehe ich eine große Chance für eine zukunftsfähige und nachhaltige Pastoral.“