Aachen: Der AVV testet „grenzenlos bargeldlos“

Aachen : Der AVV testet „grenzenlos bargeldlos“

Fahrkarten für Bus und Bahn, die bargeldlos über Länder- und Verkehrsverbundgrenzen hinweg funktionieren: Das Projekt „eTicket“ unter Beteiligung des Aachener Verkehrsverbunds (AVV) hat seine erste Testphase hinter sich.

Von Oktober 2017 bis Ende März 2018 haben rund 470 Menschen aus Deutschland und den Niederlanden die Möglichkeit genutzt, sich als „Versuchsreisende“ registrieren zu lassen. Das angepeilte Fernziel für die Kunden: „grenzenlos bargeldlos“. Nie mehr Kleingeld zählen beim Fahrer, keine Schweißausbrüche etwa für Aachener, die in Maastricht oder Lüttich ratlos vor dem Fahrkartenautomaten stehen.

Nach dem ersten Testlauf gilt es für die Verantwortlichen jetzt, die Testdaten auszuwerten und für das Projekt „eTicket“ zu werben — auch nach der Pannenserie beim AVV-Partner Aseag bei der Einführung Chip-basierter Jahreskarten. Fragen und Antworten nach dem Testlauf.

Was musste man überhaupt tun, um an ein „eTicket“ zu kommen? Und wie funktioniert es?

Die Kunden — bisher die Tester — registrieren sich online auf der Seite des AVV. Es werden die persönlichen Daten sowie eine Kontoverbindung gespeichert. „Aber nicht umfangreicher, als man es vom Online-Einkauf oder ähnlichem gewohnt ist“, sagt Dominik Elsmann von der Euregionalen Koordinierungsstelle des AVV. Jeder Kunde erhält eine persönliche Identifikationsnummer.

Die Karten, in der Testphase ausschließlich Tagestickets, sind nach Erhalt sofort gültig. Bei Fahrtantritt in Bus und Bahn müssen die Karten dann vor den Validator, einen Registrierungscomputer, gehalten werden. Am Ende erhalten die Kunden eine Monatsabrechnung mit ihren erfassten Fahrten.

Wer steht hinter dem „eTicket“- Pilotversuch?

Im Rahmen des europäischen Forschungs- und Entwicklungsprogramms „Horizon 2020“ kooperieren AVV und Aseag mit Partnern aus den Niederlanden, Luxemburg und Deutschland im „European Travellers Club (ETC)“. Ziel ist die Zusammenführung der verschiedenen Länderstandards zu einem tragfähigen und kundenorientierten Konzept, betonen die Verantwortlichen.

Darüber hinaus wurde zuletzt ein Partnerschaftsabkommen zwischen dem AVV und dem Zweckverband Euregio Maas-Rhein unterzeichnet. Darin sind Verbesserungen bei Übergangstarifen zwischen Belgien, den Niederlanden und dem AVV-Gebiet oder die Ausweitung des belgischen Bahntarifs bis Aachen und Maastricht festgehalten. Auch im Rahmen des Interreg-Projektes „EMR Connect“ wird an der Verbesserung des grenzüberschreitenden Nahverkehrs gearbeitet.

Wie waren die Reaktionen aus dem Testerkreis?

„Wer sich für den Pilotversuch registriert hat, wusste um den Charakter des Testlaufs“, glaubt AVV-Geschäftsführer Hans-Peter Geulen. „Es ging vor allem darum, die Technik und den Datenaustausch zu testen.“ Für die Kunden gab es ein überschaubares Nutzungsangebot zum Start. „Von den Testern kam vor allem der Ruf nach einem erweiterten Tarifsystem. Das ist auch unser Ziel“, sagt Geulen.

Dazu gehören Zeitkarten oder ein Check-in-System für einzelne Fahrten, die beim Ein- und Aussteigen erfasst werden. Zur Einführung der neuen Zugverbindung RE18 zwischen Aachen und Maastricht im Herbst 2018 soll ein weiterer Testlauf mit erweitertem Angebot starten, so der Wunsch der AVV-Verantwortlichen.

Warum waren die Belgier beim ersten Testlauf außen vor?

Hier stößt die euregionale Kooperation noch an ihre Grenzen. Anders als in den Niederlanden mit einem bereits etablierten System von Chipkarten im Nahverkehr steht man in Belgien noch am Anfang. Der AVV gibt sich vornehm zurückhaltend: „Es gibt etliche Hürden etwa im Verkehrsrecht“, sagt Elsmann. „Wir sind zuversichtlich, dass auch dieser Nachbar demnächst eingebunden wird“. Auch mit Luxemburg sei man auf einem guten Weg.

Thema Datenschutz: Was ist auf dem „eTicket“ gespeichert?

Anders als auf den niederländischen Chipkarten sollen auf dem AVV-Ticket keine persönlichen Daten hinterlegt sein. „Die Chipkarte dient nur der Erfassung der Fahrten“, sagt Elsmann. „Die persönlichen Daten liegen allein im Unternehmen. Unsere Validatoren erkennen nur die Karte und ordnen die gebuchten Fahrten dem Datensatz des Kunden zu.“

In Aachen hatte es erhebliche Pannen bei der Einführung von 120.000 Chip-basierten Jahreskarten gegeben. Hier seien sehr wohl personenbezogene Daten auf den Tickets abgelegt, so die Kritik. Auch gab es massenhaft Beschwerden über das Abrechnungssystem. Negativschlagzeilen, die der AVV rund um das grenzüberschreitende „eTicket“ sicher nur zu gern vermeiden möchte.

Was sind die nächsten Schritte bei der Entwicklung des „eTickets“?

Die Möglichkeiten sollen erweitert werden — auch über das Tarifangebot hinaus. Von einer Ausdehnung der Gültigkeit auf den Verkehrsverbund Rhein-Sieg bis zur eBike-Miete an diversen Bahnhöfen der Dreiländerregion sprechen die Verantwortlichen. Auch eine erweiterte Smartphone-App steht auf der Agenda. Bis zur geplanten Erweiterung des Angebots wird das System übrigens aufrecht erhalten; auch weitere Testkunden werden noch aufgenommen, sagt Koordinator Elsmann.

Vorbild sind auf lange Sicht die Niederlande, speziell die nächstgelegene Provinz. „In Limburg liefen bereits vor dem Umstieg auf rein bargeldloses Zahlen im Nahverkehr 95 Prozent über die Chipkarte“, erklärt Elsmann. Im AVV-Gebiet will man vorerst am Bargeld festhalten — „natürlich werben wir um Vertrauen und wollen auch ältere und skeptische Kunden an das neue System heranführen“, verspricht Geschäftsführer Geulen. „Vertrauen schaffen“ sei die Devise.

Wie sieht das Entwicklungspotenzial über die Region hinaus aus?

Beim AVV denkt man an die Kunden und Reisenden, aber auch wirtschaftlich. Die Entwicklung des grenzüberschreitenden „eTicket“-Systems ist laut den Verantwortlichen nicht nur in der Grenzregion und — bei einer ersten Ausdehnung — in NRW von Vorteil. Man möchte das Modell zudem gewinnbringend exportieren. Ein funktionierendes, flächendeckendes und tragfähiges System für grenzüberschreitenden Nahverkehr wäre wohl weltweit einmalig. Der AVV arbeitet daran in der Dreiländerregion.

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