Psychische Erkrankungen: Depression und Selbstmordversuch überlebt: Viktor Staudt kämpft gegen das Tabu

Psychische Erkrankungen : Depression und Selbstmordversuch überlebt: Viktor Staudt kämpft gegen das Tabu

„Das wird schon wieder!“ Wie schnell ist das gesagt. Für Menschen, die sich mit Suizidgedanken an ihr Gegenüber wenden, ist es wohl der schlimmste Satz. Sich danach noch einmal zu öffnen, kostet mindestens doppelt so viel Energie.

Viktor Staudt erkennt in der Floskel aber auch Ohnmacht: „Der Angesprochene will den anderen aufbauen, aber weiß gar nicht wie. Mit Kopfschmerzen und Beinbrüchen kennt man sich aus, mit Depressionen nicht.“ Viktor Staudt hat das Buch „Die Geschichte meines Selbstmordes“ geschrieben und liest am Donnerstag, 20. September, auf Einladung des Fördervereins der Telefonseelsorge Aachen-Eifel um 18 Uhr in der Aachener Citykirche, An der Nikolauskirche 3, daraus.

2011 hat Staudt sein Buch geschrieben; zwölf Jahre nach seinem Suizidversuch. 1999 springt der Niederländer im Alter von 30 Jahren vor einen Schnellzug und verliert dabei beide Beine. Zu bedrängend und zermürbend waren die Angstzustände und Panikattacken, die sein Leben seit Kindertagen begleiteten. „Ich konnte kein normales Leben führen, mich mit Freunden auf einen Kaffee treffen, in den Supermarkt gehen. Immer waren da fürchterliche Schweißausbrüche, das Gefühl sterben zu müssen“, berichtet er. Vor dem Entschluss, seinem Leben ein Ende zu setzen, sucht er Ärzte auf, die die dahinterliegende Depression aber nicht erkennen.

Er selbst führt seinen Zustand auch nicht auf diese Krankheit zurück. „In meiner damaligen Vorstellung konnten Menschen mit Depressionen gar nicht mehr aufstehen und haben nichts auf die Reihe bekommen. So war es bei mir ja nicht“, sagt Staudt, der Jura studiert hat und erfolgreich bei einer niederländischen Fluglinie arbeitete. „Und wann immer mir jemand sagte, ‚das wird schon wieder, mach mehr Sport, reduziere den Stress‘, habe ich genau das versucht. Ich war froh, mich nicht genauer mit den Ursachen beschäftigen zu müssen. Zugleich wurde die Verzweiflung immer größer, weil das eben nicht geholfen hat.“ Erst fünf Jahre nach seinem Sprung vor den Zug, verschreibt ihm eine Ärztin endlich das Medikament, das ihn heute sagen lässt: „Ich bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit bekommen habe, das Leben, wie es sein sollte, kennenzulernen“: ein Antidepressivum.

Wenn es nach ihm ginge, würde man über Depressionen so selbstverständlich reden wie über Diabetes und über die Einnahme von Antidepressiva so selbstverständlich wie über die Verabreichung von Insulin. Tatsächlich ist es aber auch fast 20 Jahre nach Staudts Suizidversuch noch nicht selbstverständlich, über Depressionen zu reden — obwohl die Deutsche Stiftung Depressionshilfe von 100.000 Suizidversuchen pro Jahr in Deutschland ausgeht. 10.000 nehmen sich tatsächlich das Leben. Zurück bleiben Menschen — Freunde udn Angehärige —, die um Verständnis ringen und sich nicht selten fragen, ob sie es hätten verhindern können, dass sich der Freund, die Kollegin, der Partner oder das Kind das Leben nimmt. Auch sie kommen zu Staudts Lesungen.

Depression als Tabuthema

Ihre Dankbarkeit — den anderen endlich verstehen, sich selbst verstehen — lässt Staudt immer wieder vor Menschen sprechen, die nicht selten anschließend zu ihm kommen, um von ihrer eigenen Geschichte zu berichten. „Auch wenn mich gerade die Lesungen sehr anstrengen, weil ich immer wieder von meinem schweren Teil des Lebens berichten muss und andere Geschichten erfahre, die auch mich manchmal überfordern, bestärken mich die Rückmeldungen weiterzumachen. Ich kann die Menschen nicht sitzen lassen.“

Er glaubt zwar, dass sich durch Soziale Medien und leicht zugängliche Informationen im Internet das Wissen über Depressionen im Vergleich zu 1999 vergrößert hat. „Aber es ist eben doch immer noch ein Tabu. Und die immer fröhlichen, erfolgreichen Menschen bei Facebook und Instagram sind eben auch die Kehrseite der digitalen Möglichkeiten.“

Ihn selbst habe der Tod von Torwart Robert Enke bewogen, dem Tabu den Kampf anzusagen und seine Geschichte zu erzählen. Vorher schob er einen Motorradunfall als Grund für seine fehlenden Beine vor, wann immer er darauf angesprochen wurde. „Enke war erfolgreich, gut aussehend, jeder wollte mit ihm befreundet sein. Depressionen treffen eben nicht nur die vermeintlichen Verlierer.“

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