Aachen: Den Schwalben gehen die Insekten aus

Aachen: Den Schwalben gehen die Insekten aus

Das zwitschernde Quartett an der Spitze ist unverändert geblieben: Spatz (offizieller Name: Haussperling), Amsel, Kohl- und Blaumeise sind in NRW die hinterm Haus am häufigsten anzutreffenden Vögel.

Das ist das vorläufige Endergebnis der „Stunde der Gartenvögel“, einer Zählaktion, zu der in diesem Frühjahr wieder der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der bayerische Landesbund für Vogelschutz (LBV) aufgerufen hatten. Mit beeindruckendem Ergebnis: Bis zum Ende der Aktion am 21. Mai hatten in NRW insgesamt 7363 Vogelfreunde in 5066 Gärten 177 928 Vögel gezählt.

Das Prinzip der Zählaktion war einfach: Eine Stunde lang registrierten die Vogelfreunde zwischen 9. und 12. Mai das Treiben in ihrem Garten. Damit nicht die gleiche Meise drei Mal gezählt wur­de, lautete die Vorgabe, die höch­ste Anzahl gleichzeitig gesichteter Vögel einer Art zu notieren.

Spatzen legen deutlich zu

Das Ergebnis der „Volkszählung am Vogelhäuschen“: Während es bei den vier „Tabellenführern“ Spatz, Amsel, Kohl- und Blaumeise keine Veränderungen gegenüber 2012 gibt, sorgen die „hinteren Ränge“ nach Angaben des Nabu für einige Überraschungen. Deutlich häufiger gesichtet als im Vorjahr wurden Buch- und Grünfink, Kleiber, Feldsperling und Buntspecht. Mit Erlenzeisig, Kernbeißer und Gimpel waren in den Gärten in NRW auch noch zahlreiche Wintergäste vertreten.

Dabei konnte das Spatzenvolk seinen Vorsprung deutlich ausbauen. Während ihre Zahl in der Stadt um acht Prozent zunahm, konnten die Verwandten vom Lande, die Feldsperlinge, ihre Zahl sogar um 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigern.

Auch mit den Meisen geht es weiter aufwärts: Die Blaumeisen legten um drei Prozent zu, die Kohlmeisen um vier Prozent. Lediglich die Amseln waren mit einem Minus von einem Prozent leicht rückläufig.

Absoluter Gewinner bei der diesjährigen Zählaktion war der große Fink mit dem dicken Schnabel: Der Kernbeißer wurde mehr als fünf Mal so oft registriert wie noch im Jahr 2012. In Zahlen: ein Plus von 526 Prozent.

Auf der Verliererseite verzeichneten vor allem Rauchschwalben (minus 24 Prozent) und Mauersegler (minus 25 Prozent) dramatische Einbrüche. Auch die Mehlschwalbe musste mit einem Minus von 14 Prozent deutliche Verluste hinnehmen.

Für die eleganten Flieger sei es in diesem Lahr knüppeldick gekommen, berichtet Nabu-Vogelkundler Bernd Jellinghaus. Schon vor zwei Jahren habe eine Kältewelle im afrikanischen Botswana die Rauchschwalben übel dezimiert, die sich dort im Winterquartier aufhielten und plötzlich keine Nahrung mehr fanden, weil auch die Insekten von der Kälte dahingerafft wurden. In diesem Jahr habe es dann Mehlschwalben und Mauersegler im wahrsten Sinne des Wortes „kalt erwischt“. „Die waren gerade aus Afrika zurück, als hier der zweite Wintereinbruch kam.“ Entsprechend hoch seien die Verluste gewesen.

Dass sich Spatzen und Schwalben gegenseitig die Nahrund wegschnappen, hält Bernd Jellinghaus dagegen für ausgeschlossen, weil die sich bei der Suche gar nicht in die Quere kommen können. „Der Spatz holt sich in jungen Apfelbäumen Läuse und Raupen, die Schwalbe jagt hoch am Himmel.“

Dort werde allerdings das Angebot immer überschaubarer. „Immer mehr Grün- und Ackerland wird zu Anbauflächen für Mais“, erklärt Bernd Jellinghaus. Eine der Folgen: Das Angebot an Insekten geht um rund 75 Prozent zurück.

Jeder Autofahrer kennt das: Wer vor zehn, fünfzehn Jahren in ländlichen Regionen über die Autobahn fuhr, der hatte nach kurzer Zeit einen Überblick über das Nahrungsangebot für die heimische Vogelwelt auf der Frontscheibe. Heute kann man stundenlang unterwegs sein, ohne dass der Durchblick nachhaltig getrübt wird.

Baumaterial wird knapp

Ein weiteres Problem haben die Schwalben, sagt Bernd Jellinghaus: „Immer mehr Landwirte geben die Großviehhaltung auf und stellen auf Ackerbau um. Oder sie wechseln von Weidehaltung auf so genannte Offenställe. Und wo noch Kühe auf der Weide stehen, werden die Herden immer kleiner.“

Was haben Schwalben mit den Kühen zu tun? Kühe grasen immer parallel zum Hang, weiß der Fachmann. Dabei entstehen regelrechte Trampelpfade. Dort holten sich die Schwalben den Lehm für ihre Nester unterm Dach. Doch weil die Herden immer kleiner werden oder die Kühe nicht mehr so oft auf die Wiese kommen, finden die Vögel kein Baumaterial mehr.

Zur falschen Zeit am falschen Ort waren die Halsbandsittiche, die vor allem in den großen Städten am Rhein siedeln. Die Zahl der eher an tropisches Klima angepassten Vögel ist nach Angaben des Nabu durch die lange Kälte um 35 Prozent zurückgegangen. Und auch die Kleinsten hat es getroffen: Bei den Zaunkönigen ergab die Auswertung der Zählung in NRW einen Rückgang um 14 Prozent.

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