Merzenich: Den Lehrermangel bekämpfen: Sachkunde statt Leistungskurs

Merzenich : Den Lehrermangel bekämpfen: Sachkunde statt Leistungskurs

Daniel Starke hat eine Milchtüte in der Hand und erklärt den Viertklässlern der Katholischen Grundschule Golzheim, wie sie aus dieser Milchtüte eine Seifenkiste basteln können. In der ersten Stunde steht Sachkunde auf dem Stundenplan der Viertklässler an der Grundschule in Merzenich.

Bevor die Kinder basteln dürfen, müssen sie zunächst Arbeitsblätter ausfüllen. „Da bin ich noch nicht einverstanden“, sagt Starke, als er auf die Arbeitsblätter eines Schülers schaut. Den „Werkzeugführerschein“ gibt es erst, wenn Starke zufrieden ist.

Für Ursula May, Direktorin der KGS Golzheim, ist der Geschichts- und Religionslehrer Daniel Starke ein Segen.

Basteln statt diskutieren

Dass er mit Zehnjährigen bastelt, anstatt mit Oberstufenschülern in einem Geschichts-Leistungskurs zu diskutieren, hätte Starke vor einem Jahr nicht gedacht. Eigentlich hat er Geschichte und katholische Religion studiert — und zwar für die Sekundarstufe II. Er kann mit dem Abschluss an Gymnasien, Gesamtschulen und Berufsschulen unterrichten. Weil Starke aber an weiterführenden Schulen keine Stelle fand, arbeitet er jetzt an der Grundschule.

Der 29-Jährige ist einer von rund 70 Lehrern, der ein neues Angebot des NRW-Schulministeriums angenommen hat. Landes-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hat im Herbst ein Programm aufgelegt, wonach Arbeitslose mit Lehramt für die Sekundarstufe II zwei Jahre lang an einer Grundschule unterrichten können. An den Grundschulen werden laut einer aktuellen Prognose innerhalb der nächsten zehn Jahre rund 3400 Lehrer fehlen. Bereits jetzt haben die Grundschulen erhebliche Probleme, Personal zu bekommen. Hauptursache ist laut Ministerium die Verlängerung der Ausbildung für Grundschullehrer. Zeitgleich gibt es laut Schulministerium einen Überhang an Gymnasial- und Gesamtschullehrern. Das könne man versuchen, zusammenzubringen, sagte die Schulministerin. „Eine Stelle an einer Grundschule ist besser als keine Stelle“, sagte Gebauer kürzlich im Gespräch mit unserer Zeitung.

Zu viele Oberstufenlehrer

An Gymnasien und Gesamtschulen wird mit einem Bewerberüberhang von rund 16.000 Stellen innerhalb von zehn Jahren gerechnet. Für viele ist es attraktiver, auf Sekundarstufe II zu studieren, weil die Bezahlung in dem Bereich besser ist. Verbeamtete Grundschullehrer bekommen A12, während Gymnasiallehrer als Einstiegsgehalt A13 haben. Gerade, wer Fächer studiert hat, die nicht dringend benötigt werden, hat Probleme eine Stelle zu finden.

So erging es auch Starke. Der 29-Jährige aus Mechernich im Kreis Euskirchen hat an der Uni Köln studiert. Im vergangenen Oktober beendete er sein Referendariat und bewarb sich. Für seine Fächerkombination — Geschichte und Religion — gab es aber kaum Stellen. „Da ich vor fünf Monaten ein Kind bekommen habe, bin ich auch räumlich nicht so flexibel“, sagte Starke. Er und seine Partnerin möchten in der Nähe der Eltern wohnen bleiben. Die einzigen Stellen für katholische Religion waren ihm aber zu weit weg.

Starke gab wie so viele andere zunächst Vertretungsunterricht und wurde dann auf das Angebot des Schulministeriums aufmerksam. „Das kam mir sehr gelegen.“ Denn das Versprechen des Schulministeriums ist verlockend: Lehrer, die auf das Angebot eingehen, werden sofort in ein Dauerbeschäftigungsverhältnis übernommen, verbunden mit der Zusage, zwei Jahre später an eine Schule entsprechend ihrer Lehramtsbefähigung versetzt zu werden.

Sprich: Wenn Starke zwei Jahre an der Grundschule unterrichtet hat, bekommt er eine Stelle an einem Gymnasium oder einer Gesamtschule angeboten und wird dann verbeamtet. Und das auch noch im Umkreis von 35 Kilometern der jetzigen Schule. Angesichts des übervollen Lehrermarkts ist der Umweg über die Grundschule ein verlockendes Angebot.

Und für Direktorin Ursula May ist Starke ein Segen. „Bei uns hat sich kein ausgebildeter Grundschullehrer auf die offene Stelle beworben“, sagt May. An der Grundschule mit rund 100 Schülern wurde dringend ein Lehrer für katholische Religion benötigt.

Starke habe die Schulleiterin überzeugt, weil er sich die Arbeit mit den jungen Kindern gut vorstellen konnte und bereits während des Studiums mit jüngeren Kindern an einer Förderschule gearbeitet hatte. Sehr positiv sei auch, dass mal ein Mann an die Schule käme. „Wir sind seit 15 Jahren ein reiner Frauenbetrieb, Kinder brauchen aber auch männliche Vorbilder“, sagt May.

Auch bei den Kindern jedenfalls kommt Starke gut an. „Er erklärt alles ganz genau“, sagt Roman. Das gefällt dem Zehnjährigen. Auch Klassenkameradin Lena findet ihren neuen Lehrer nett. „Wir müssen bei ihm immer am Anfang der Stunde aufstehen, damit wir das schon für die weiterführende Schule können“, sagt die Zehnjährige. Das sei anders als bei den anderen Lehrern. Außerdem gebe Starke weniger Hausaufgaben, was den Kindern natürlich gefällt.

Vorurteile und weniger Geld

Durch seine Art und durch das, was man im Referendariat lernt, habe man eine bestimmte Art, mit Kindern umzugehen. Durch sein Studium sei er aber natürlich nicht auf die Arbeit an der Grundschule vorbereitet. „Die Kinder fragen viel mehr und sie streiten sich wegen Kleinigkeiten, da muss man mit umgehen“, sagt Starke. Wenn die Erstklässler aufstehen oder rufen, wenn sie etwas sagen wollen oder wenn sie sich beschweren, weil der Sitznachbar angeblich beim Mandala-Ausmalen abgeguckt haben soll, sei das manchmal schon etwas nervig. Aber auch damit lerne man umzugehen.

Starkes Bild von Grundschullehrern ist in den vergangenen drei Monaten noch positiver geworden, sagt er. Auch er bekommt jetzt die Vorurteile mit, denen Grundschullehrer ausgesetzt sind. Regelmäßig werde er gefragt, ob er denn überhaupt mehr sei als eine Art besserer Kindergärtner. „Ich glaube, dass der Beruf nicht ausreichend wertgeschätzt wird.“ Das spürt Starke auch finanziell. Der 28-Jährige erhält weniger Geld als am Gymnasium, weil er wie angestellte Grundschullehrer eingruppiert ist - in E11. Für zwei Jahre nimmt er das aber in Kauf.

Trotzdem freue er sich langfristig auf die Stelle an einer weiterführenden Schule. „Das Inhaltliche fehlt mir“, sagt Starke. Bei der Arbeit mit Grundschülern stehe die allgemeine Entwicklung des Kindes im Vordergrund. Der Unterricht gerate dabei ein Stück weit in den Hintergrund. Bei einem Geschichts-Leistungskurs könne auch er aus Diskussionen mit den Jugendlichen etwas mitnehmen. Darauf freue er sich langfristig.

Und dann ist er wieder weg

Für May bedeutet das aber auch, dass sie in zwei Jahren einen neuen Lehrer suchen muss. Und zwar mitten im Schuljahr. Derzeit unterrichtet Starke nur Sachkunde und Religion. Ab August übernimmt er dann die Leitung einer ersten Klasse. Da sei es besonders schade, wenn der Klassenlehrer dann in der zweiten Klasse verschwinde. „Aber ich habe keine andere Wahl. Unser Kollegium ist sehr klein.“ Das Programm für die Sek-II-Lehrer begrüßt May. Nur einen Kritikpunkt hat sie: „Sollte es Oberstufenlehrern so gut an der Grundschule gefallen, dass sie bleiben wollen würden, müssten sie sich erst noch für die Grundschule qualifizieren. Das ist doch etwas abstrus.“

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