Demo vor Haus von Mitglied der Kohlekommission

Demo vor Privathaus in Buir : Antje Grothus fühlt sich von RWE-Mitarbeitern bedroht

Auch nach dem gerichtlich verfügten Rodungsstopp im Hambacher Forst kehrt im Rheinischen Revier keine Ruhe ein, eher im Gegenteil. Nachdem Mitarbeiter von RWE am Montag zum Teil aufgebracht vor Zufahrten von Tagebauen und Kraftwerken gegen den geplanten Stellenabbau bei RWE demonstriert hatten, sind am Mittwoch etwa 100 Bergleute und Mitglieder der IG BCE vor das Haus der Braunkohleaktivistin Antje Grothus in Kerpen-Buir gezogen, die auch Mitglied in der Kohlekommission der Bundesregierung ist.

Offenbar haben dabei auch einzelne Bergleute Grothus‘ Grundstück betreten. Grothus sagte, sie habe die Situation als „Bedrohung“ empfunden.

Die Polizei hatte vor dem Vorfall eine Versammlung von IG BCE-Mitgliedern und RWE-Beschäftigten in der Nähe des Bahnhofs Buir genehmigt, etwa 100 Menschen nahmen daran teil. Als der Versammlungsleiter die Polizei am Vormittag bat, zur Versorgung geschlossen in einen Supermarkt ziehen zu dürfen, sah die Polizei offenbar keinen Hinderungsgrund.

Da es auf dem Hinweg zu Verkehrsbeeinträchtigungen gekommen sein soll, wie die Polizei des Rhein-Erft-Kreises am Mittwoch erklärte, sei ein Rückweg zum eigentlichen Versammlungsort abseits der Haupt- durch Nebenstraßen gewählt worden. Und dieser Weg führte an Grothus‘ Haus vorbei. Die etwa 100 Bergleute blieben in Begleitung von fünf oder sechs Polizisten vor dem Haus der Umweltaktivistin stehen.

Dirk Jansen, Geschäftsleiter des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), filmte dann von Grothus‘ Grundstück aus einige Momente des Vorfalls. Man hört Getrommel und Trillerpfeifen, einer der Bergleute rief: „Wir sind keine Nazis“, als solche waren einige RWE-Beschäftigte kürzlich offenbar bei einer Veranstaltung in Erkelenz-Keyenberg am Sonntag und im Hambacher Forst am Samstag von Braunkohlegegnern bezeichnet worden. Man sieht vereinzelt drohende Gesten Richtung Grothus‘ Haus.

Jansen will zudem gesehen haben, wie Bergleute auf Grothus‘ Grundstück gingen und damit einen Hausfriedensbruch begangen haben könnten. Auf die Frage, ob sich die Versammlungsteilnehmer damit auf ein Niveau herabgelassen hätten, das man bislang nur von den linksextremen Waldbesetzern im Hambacher Forst gekannt habe, sagte Jansen: „Das mag so sein.“

Die Polizei erklärte am Mittwoch, dass „Hausfriedensbrüche eigentlich verhindert werden müssen“. Allerdings gäbe es bislang keine Bestätigung dafür, dass es tatsächlich Hausfriedensbrüche gegeben habe. Jansen sprach von einer „bedrohlichen Situation“ und einer „aggressiven Stimmung“. Vor einigen Wochen war in der Nähe von Grothus’ Haus ein alter Bulli der Initiative „Buirer für Buir“ angezündet worden, der auch Grothus angehört. Die Täter sind noch nicht ermittelt.

Die IG BCE distanzierte sich noch am Nachmittag „von persönlichen Anfeindungen“. Die Gewerkschaft halte „diese Form der Auseinandersetzung für falsch“.

Überraschenderweise wollte RWE auf Anfrage unserer Zeitung keinerlei Stellung zu dem Vorfall beziehen. Der Bitte, einen Kontakt zum Betriebsratsvorsitzenden Zentrale Köln der RWE Power Walter Butterweck herzustellen, der ebenfalls vor Grothus‘ Haus gewesen war, kam RWE bis Mittwochabend nicht nach.

Walter Butterweck erklärte unterdessen, es habe keine Bedrohung gegeben. „Mir ist es sehr wichtig deutlich zu sagen, dass wir niemanden bedrohen wollten, wollen oder gar bedroht haben“, heißt es in einem an Grothus adressierten Schreiben. So etwas lehne man ab. „Denn wir wissen ja durch eigenes Erleben, wie es ist, wenn man wirklich bedroht wird, wie die vielen Übergriffe auf unsere Kollegen im Hambacher Forst leidvoll zeigen.“

Bei den Demonstrationen sei es darum gegangen, auf drohende Arbeitsplatzverluste hinzuweisen. „Was wir wollten, ist zu zeigen, dass es nicht nur um Bäume geht sondern um Menschen und deren Familien, die ganz konkret von Arbeitsplatzverlusten bedroht sind.“

Der Vorfall in Buir kann durchaus als Eskalation betrachtet werden. Es ist ungewöhnlich, dass Demonstrationen vor Privathäusern von Funktionären stattfinden, zumal die Polizei über den Umstand, dass am Mittwoch vor Grothus’ Haus demonstriert wurde, offenbar im Bilde war, wie eine Polizeisprecherin einräumte. Zwar habe der Vorfall nur zwischen fünf und zehn Minuten gedauert. Aber ob es klug war, dass die Polizisten vor Ort die Bergleute gewähren ließen, ist eine andere Frage.

Da auch die Waldbesetzer den Rodungsstopp keineswegs zum Anlass genommen haben, Ruhe im und am Hambacher Forst einkehren zu lassen und nicht nur neue Baumhäuser bauen, sondern in Kerpen-Manheim mittlerweile sogar leerstehende Wohnhäuser besetzt haben, ist die Frage, wie es im Rheinischen Revier nun weitergeht. BUND-Geschäftsleiter Jansen sagte am Mittwoch, die Vorfälle der vergangene Tage hätte gezeigt, „dass wir schnellstmöglich eine politische Lösung brauchen“. Ob eine solche Lösung alle Beteiligten zum Einlenken bewegen und die Situation befrieden kann, ist fraglich. Und selbst Jansen sagte: „Ich habe meine Zweifel.“

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