Nachgefragt: „Das wird nicht nur eine Wohlfühlveranstaltung“

Nachgefragt : „Das wird nicht nur eine Wohlfühlveranstaltung“

Der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland, Olaf Tschimpke, fordert von den Politikern mehr Mut beim Einsatz für Klima und Umwelt.

Herr Tschimpke, wie war das Jahr 2018 aus Sicht der Umwelt?

Olaf Tschimpke: Das war sicher kein erfolgreiches Jahr. Es gibt da zwei Riesenprobleme, das ist einmal der Verlust der biologischen Vielfalt und das andere ist das Thema Klimawandel. Wir sind in Deutschland mit dem Klimaschutz nicht vorwärts gekommen, sondern mussten unsere Klimaziele für 2020 praktisch aufgeben. Das Thema Insektensterben kann man nur verändern, indem man eine andere Agrarpolitik macht, und da sind wir auch keinen Schritt vorwärts gekommen. Und das andere Thema war die Verkehrspolitik, wo wir groß reden, aber im Prinzip nichts erreicht haben, und wo wir den riesigen Industrie­skandal haben.

Woran liegt es, dass die Lage so schwierig ist?

Tschimpke: Wir haben mächtige Industrien, die in Deutschland eine große Bedeutung haben, und man merkt, dass die Politik da nicht bereit ist, Rahmenbedingungen zu setzen. Erkannt werden die Probleme schon. Nur wenn es um die Durchsetzung geht, dann kommen die ganzen Partikularinteressen durch, und man traut sich nicht wirklich. So fallen Umweltziele hinten herunter, obwohl die Erkenntnis vorhanden ist.

Gerade hatten wir ein Dürre-Jahr. Wenn man sich Umfragen ansieht, scheinen zuletzt Umweltthemen mehr Menschen bewegt zu haben.

Tschimpke: Ja, das ist schon so. Eigentlich sind es immer Katastrophen und Skandale, die da wirken. Es gibt Wellen und zwischendrin wieder Jahre, wo es wieder abebbt. Aber das Thema ist so relevant, dass es nie komplett verschwindet. Alle spüren, dass sich etwas verändert, beim Klimaschutz, bei der Landwirtschaft. Deswegen ist es wichtig, dass wir in einer Phase, wo es oben steht, auch tatsächlich Erfolge erzielen, von denen man wieder eine gewisse Zeit zehren kann.

Wieso haben denn die Erfolge nicht gereicht, die die Umweltbewegung früher erkämpft hat?

Tschimpke: Die Gesetze sind ja gar nicht so schlecht, wir haben nur ein Umsetzungsproblem. Weil unser System so ausgerichtet ist, dass Umweltschäden nicht zu Unternehmenskosten werden, setzen sich die Interessen der Industrie massiv durch. Das trägt der Bürger mit seinem Steuergeld. Nehmen sie die Landwirtschaft: Alles, was wir da falsch machen – Überdüngung, Pestizide, Antibiotika-Einsatz –, landet im Trinkwasser. Die Reinigung zahlen wir mit den Trinkwassergebühren. Eigentlich müsste der Einsatz so gesteuert werden, dass das gar nicht erst auftritt, dafür brauchen wir Grenzwerte, und die müssen wieder durchgesetzt werden.

Mittlerweile findet das Thema Umwelt auch im privaten Bereich statt, etwa beim Konsum. Leiste ich schon meinen Beitrag, wenn ich Bio-Milch kaufe?

Tschimpke: Jeder, der für sich nachdenkt, was er verändern oder verbessern kann, hat schon den richtigen ersten Schritt gemacht. Aber wir werden auch radikalere politische Lösungen brauchen, wenn wir die Klimaschutzziele erreichen wollen. Das wird nicht nur eine Wohlfühlveranstaltung sein, da muss man sich nichts vormachen. Das wird auch eine Transformation unserer kompletten Gesellschaft und unseres ökonomischen Systems bedeuten. Die Frage ist, ob wir einen Weg wählen, der uns ein bisschen Zeit gibt, uns anzupassen, auch was Beschäftigung und andere soziale Fragen angeht. Oder wir warten, bis irgendeine Katastrophe kommt, wo wir dann in kürzester Frist handeln müssen.

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