Schwimmabzeichen: Das Seepferdchen, die trügerische Sicherheit

Schwimmabzeichen : Das Seepferdchen, die trügerische Sicherheit

Michael Grohe kann den Unmut mancher Eltern gut verstehen, wenn sie für ihr Kind keinen Platz in einem Schwimmkursus bekommen. „Zum Teil gibt es in den Ortsgruppen derzeit lange Wartelisten“, sagt der Sprecher der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) Nordrhein.

Es könne Monate dauern, bis ein Platz frei werde. Ein Kursus der DLRG dauert durchschnittlich zwischen vier und sechs Monate. Erst dann seien die meisten Kinder soweit, um die Seepferdchen-Prüfung absolvieren zu können. „Es könnte auch schneller gehen, wenn die Schwimmtrainer mit den Kindern nicht bei null anfangen müssten“, sagt Grohe.

Hohe Nachfrage in Großstädten

Landesweit steigt die Nachfrage nach Schwimmkursen für Kinder im Vorschulalter. Insbesondere in Großstädten wie Düsseldorf ist der Andrang groß. „Wir haben festgestellt, dass immer mehr Kinder das Seepferdchen machen“, sagt Marc Sandmann vom Schwimmverband NRW.

Seit vier Jahren steige die Zahl der abgelegten Prüfungen kontinuierlich. Demnach bekamen beim Schwimmverband im vergangenen Jahr 23.900 Kinder das Seepferdchen-Abzeichen. Im Jahr davor waren es 23.650, 22.950 im Jahr 2015 und 22.500 im Jahr 2014. Und auch bei der DLRG in NRW sind die Zahlen seit Jahren konstant. Und das, obwohl immer weniger Kinder in NRW richtig schwimmen können, wie Lehrer, Verbände und Schwimmtrainer gleichermaßen festgestellt haben.

Für Grohe ist das kein Widerspruch. „Wer ein Seepferdchen hat, kann noch lange nicht richtig schwimmen. Das ist nur ein Anfang“, sagt er. Der Rettungsschwimmer weiß aber, dass viele Eltern die bestandene Seepferdchen-Prüfung als Beleg dafür nehmen, dass ihr Kind schwimmen kann. „Das ist eine trügerische Sicherheit“, warnt Grohe. Eltern sollten ihre Kinder trotz Seepferdchen nie unbeaufsichtigt ins Wasser lassen und maximal zehn Meter entfernt sein, um im Notfall schnell eingreifen zu können.

Stefan Derks (Name geändert) aus Neuss ist Vater dreier Kinder. „Mein Eindruck ist, dass das Seepferdchen zuweilen einfach verschenkt wird – weil Schwimmkurse Geld kosten und die Kunden ausbleiben, wenn die Kinder kein Erfolgserlebnis haben“, sagt er. So habe sich sein fünfjähriger Sohn gerade so über Wasser halten können und trotzdem das Abzeichen bekommen. Dabei habe er die geforderte Bahnlänge von 25 Metern nur mit Hilfe geschafft.

Zudem hat Derks festgestellt, dass einige Bademeister das Abzeichen nicht akzeptieren würden. „Das reicht nicht, heißt es dann am Beckenrand. Bitte Schwimmflügel tragen“, sagt Derks. Auch im Urlaub in den Niederlanden habe er das erlebt. „Die akzeptieren nur Kinder mit niederländischem Schwimmdiplom oder gleichwertig. Ansonsten herrscht Schwimmflügelpflicht – sogar im Kinderbecken. Das Seepferdchen wird nicht anerkannt.“

Von Schwimmflügeln rät die DLRG allerdings ab. „Die können schnell abrutschen. Die Folgen sind dramatisch“, warnt Grohe. „Das ist ähnlich wie mit dem Seepferdchen: Viele Eltern denken fatalerweise, dass ihre Kinder mit Schwimmflügeln gesichert sind.“

Worauf sollten Eltern achten? „Auf jeden Fall skeptisch werden, wenn eine Abzeichengarantie versprochen wird“, sagt Sandmann. Gute Kurse zeichneten sich durch die Qualifikation und die Erfahrung der Übungsleiter aus. „Wir sehen eine Gruppengröße von maximal zehn Kindern auf zwei Übungsleiter als ideal an“, erklärt Sandmann. Zudem sollte ein Kursus aus mindestens zehn Einheiten bestehen. Die Kinder sollten mindestens fünf oder sechs Jahre alt sein. „Sonst fehlen die motorischen Voraussetzungen fürs Schwimmenlernen“, sagt Grohe.

Kinder früh ans Wasser gewöhnen

Mit der Schwimmausbildung sollte laut Schwimmverband aber so früh wie möglich begonnen werden – bereits im Kindergarten mit spielerischem Heranführen ans Wasser. „Mütter und Väter müssen ihren Kindern keine perfekte Technik vermitteln, aber schon im Baby- und Kleinkindesalter können kleinere Spiele im Schwimmbad, in der Badewanne oder unter dem Rasensprenger den Kindern helfen, sich ans Wasser zu gewöhnen“, sagt Sandmann.

In der Grundschule sollten dann verpflichtend pro Woche 90 Minuten Schwimmunterricht in den ersten beiden Klassen stattfinden, und bis zur vierten Ergänzungsunterricht. „Auch die weiterführenden Schulen sollten bis zur zehnten Klasse Schwimmen verpflichtend in den Lehrplan aufnehmen.“

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