Düren: Das Phänomen Annakirmes: Ein riesengroßes Familientreffen

Düren : Das Phänomen Annakirmes: Ein riesengroßes Familientreffen

„Zusammen schaffen wir alles“ steht vorne auf den türkisfarbenen T-Shirts, und hinten wird der Spruch fortgesetzt: „außer nüchtern bleiben.“ Die Shirts sind Spezialanfertigungen — ausschließlich für die Dürener Annakirmes! „Wir sind die ‚Plüme Girls‘“, sagt Sarah Braun. „Eine Tanzgruppe der Karnevalsgesellschaft ‚Jüzzenije Plüme‘.“ Für Auswärtige: Gürzenicher Bommel, gemeint sind solche an Mützen. Aber für Auswärtige sind die T-Shirts gar nicht gedacht. Die Annakirmes ist im Grunde ein Dürener Dorffest.

Es ist Mittwochabend, auf dem Dürener Rummel tobt der Bär. Und die „Plüme Girls“ sind längst nicht die einzigen, die mit einheitlichen T-Shirts unterwegs sind. Der Mittwoch und der Donnerstag in der Annakirmeswoche sind traditionell die Tage, an denen unzählige Vereine, Gruppen und Firmen über den Dürener Rummel gehen. Die Annakirmes ist ein beliebter Treffpunkt — anders beispielsweise als der Oecher Bend, wo es dieses Phänomen nicht gibt. Jedenfalls nicht so ausgeprägt wie in Düren. „Es gibt Leute, die man das ganze Jahr über nicht sieht außer auf der Annakirmes“, sagt Sarah Braun. „Ich kann gar nicht erklären, warum das so ist. Die Annakirmes ist echt ein Phänomen.“

Echter Publikumsmagnet: Die Dürener Annakirmes lockt jedes Jahr rund 800000 Besucher an die Rur und ist gleichzeitig Treffpunkt für Firmen, Gruppen und Vereine. Die Tänzerinnen der Karnevalsgesellschaft „Jüzzenije Plüme“ haben sich für ihre diversen Rummelrunden extra T-Shirts bedrucken lassen (Foto unten links). Manfred Ruland (Mitte) ist jeden Tag auf der Kirmes — genau wie Petra und Heinz Nolden. Foto: Sandra Kinkel

Ein Phänomen, das auch Manfred Ruland und Heinz Nolden seit vielen Jahren kennen — und lieben. „Flexi­bler als bei der Annakirmes geht es nicht“, sagt Ruland. „Das ist die einzige Woche im ganzen Jahr, in der man sich mit niemandem verabreden muss, aber trotzdem alle trifft. Kollegen, Verwandte, aber auch Leute, mit denen man zur Schule gegangen ist. Das ist einfach sehr, sehr schön.“ Ruland überlegt kurz. „Ich weiß sogar, wen ich an welcher Bierbude treffe. Das ist seit Jahren immer gleich. Und vermutlich wird sich das auch nie ändern.“

Echter Publikumsmagnet: Die Dürener Annakirmes lockt jedes Jahr rund 800000 Besucher an die Rur und ist gleichzeitig Treffpunkt für Firmen, Gruppen und Vereine. Die Tänzerinnen der Karnevalsgesellschaft „Jüzzenije Plüme“ haben sich für ihre diversen Rummelrunden extra T-Shirts bedrucken lassen (Foto unten links). Manfred Ruland (Mitte) ist jeden Tag auf der Kirmes — genau wie Petra und Heinz Nolden. Foto: Sandra Kinkel

Nolden, der in fast 40 Jahren maximal zehn Tage Annakirmes verpasst hat, sieht das ähnlich. „Auf fünf Metern Kirmes treffe ich mindestens 15 Leute, mit denen ich ein Schwätzchen halten kann. Herrlich! Eine Runde über den ganzen Platz habe ich in diesem Jahr noch nicht geschafft. Aber genau das ist es, was mir an diesem Volksfest so gut gefällt. Obwohl die Kirmes so riesig ist, ist sie doch familiär.“ Natürlich seien nicht nur Dürener auf dem Platz unterwegs.

„Aber eben auch. Leute, die ich nie in der Stadt treffe, treffe ich auf der Annakirmes. Und Menschen, die schon lange nicht mehr an der Rur leben, kommen zur Kirmes zurück. Weil sie genau wissen, dass dann alle wieder zu Hause sind.“ Der Dürener, versucht Nolden das Phänomen Annakirmes zu erklären, plane sein komplettes Jahr rund um den Rummel.

„Das hat sich im Laufe von vielen Jahrzehnten so entwickelt. Manche nehmen in der Kirmeswoche extra Urlaub, andere extra nicht — aber eben immer mit dem Ziel, möglichst oft auf den Platz zu kommen.“ Die Mitglieder von Karnevalsgesellschaften, Schützenbruderschaften und Sportvereinen würden sich auf dem Rummel treffen. „Und sehr häufig werden diese Kirmesbesuche monatelang geplant. Manche bereiten sogar richtige Mottoabende für den Rummel vor.“

Einer, der beide Volksfeste kennt, ist Peter Loosen, Chef des Aachener Schaustellerverbandes. „Es gibt in der Tat deutliche Unterschiede zwischen der Annakirmes und dem Oecher Bend“, sagt der Betreiber von einem der großen Autoscooter. Der Bend finde zwei Mal im Jahr statt, die „Anna“ nur einmal. Loosen: „Es gibt also an insgesamt fünf Wochenenden im Jahr Bend, und nur an zwei Annakirmes. In Düren ballt sich alles, und die ganze Stadt ist außer Rand und Band. Die Annakirmes ist für die Dürener ein echtes Jahres-Highlight.“

Einen Vereinstag wie den Dürener Kirmes-Donnerstag in Aachen zu etablieren, sei bisher in Aachen nicht gelungen. „Das bekommen wir einfach nicht hin“, sagt Loosen. Loosens Kollege Hans-Bert Cremer, Vorsitzender des Dürener Schaustellerverbandes, spricht vom „einzigartigen Virus Annakirmes“. „Den kenne ich so eigentlich nur aus Düren“, sagt der Schausteller, der mit einem Kinderkarussell unterwegs ist. Aachen habe neben dem Bend mit dem CHIO und dem Weihnachtsmarkt noch zwei weitere, äußerst attraktive Großveranstaltungen. „Düren hat nur die Kirmes.“ Hinzu komme, dass Düren trotz seiner rund 90.000 Einwohner immer noch ein Dorf sei. Cremer: „Jeder kennt jeden. Und das gilt dann eben auch für die Annakirmes.“

Vielleicht, sagt der Dürener Schausteller-Chef, sei die tiefe Verbundenheit der Dürener zu ihrer Kirmes aber auch mit der Verehrung des Annahauptes und der Anna­oktav zu erklären, die zeitgleich zum Rummel stattfinde. „Ich habe beobachtet“, sagt Cremer, „dass überall da, wo Volksfeste einen religiösen Ursprung habe, die Menschen eine besondere Bindung zur Kirmes haben. Das ist zum Beispiel beim Libori-Fest in Paderborn ganz genau so. Und diese Bindung, diese Tradition hat sich unbewusst bis heute fortgesetzt.“

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