Das Patchworkhaus im Osten von Aachen stellt sich vor

Wohngemeinschaft XXL : Das Patchworkhaus im Aachener Osten stellt sich vor

Ein kleiner Holzpflock im Garten markiert die Stelle, an der ein Baum gepflanzt werden soll. „Auf den Standort haben wir uns geeinigt, auf die Baumart noch nicht“, sagt Rita Reckmann lachend. Die 78-Jährige ist die älteste Bewohnerin des Patchworkhauses Aachen, einer Genossenschaft im Aachener Osten, deren Haus, Gelände und Wohnform zum Tag der Architektur am nächsten Wochenende (29./30. Juni) besichtigt werden können.

3000 Quadratmeter Grundstück, rund 1500 Quadratmeter Wohnfläche verteilt auf 19 Wohnungen, 39 Menschen leben hier vom Säugling bis zur Seniorin. Die Vielfalt der Hausgemeinschaft spiegelt sich auch in der Architektur des Gebäudes und der Farbigkeit des Gartens wider. Die Idee zu dem Projekt ist schon einige Jahre alt: Bereits 2008 hatten die ersten Mitstreiter ein Mehrgenerationenhaus im Blick, das Freiraum für jeden Einzelnen und eine verbindliche Gemeinschaft bieten sollte.

Planung, Finanzierung, Umsetzung solcher Projekte sind langwierig. „Dafür braucht man ein bisschen Geduld“, sagt Barbara Stärk. Sie ist seit 2010 mit dabei, eine von drei Vorstandsmitgliedern, und gemeinsam mit ihrem Sohn Bewohnerin einer Dachgeschosswohnung mit gelber Eingangstür. Denn auch hier zeigt sich das Patchworkhaus vielfältig. „Jede Partei konnte ihre eigene Farbe für die Eingangstür wählen“. Gelb, orange, blau, hellbeige und sogar lila sind darunter.

Auffällig ist zunächst die Bauform. Über eine Stichstraße von der Schopenhauerstraße in Aachen betritt man das Areal, auf dem mehrere dreigeschossige Gebäudekörper so verteilt sind, dass sie sich um eine Grünfläche herumgruppieren. Durch verwinkelt stehenden Gebäude ergeben sich auch auf dem restlichen Grundstück Freiflächen, versteckte grüne Winkel mit unterschiedlicher Bepflanzung und Nutzung, ein Spielplatz und kleine Terrassen vor den Wohnungen. Ziel war es, einen gemeinsamen Bezugspunkt im Garten zu schaffen, aber auch genügend Rückzugmöglichkeiten zu geben. Fast alle Wohnungen haben eine eigene Terrasse oder einen Balkon, so dass man nicht ununterbrochen am Leben der Anderen teilhaben muss.

Barbara Stärk und Rita Reckmann wohnen im Patchworkhaus. Foto: ZVA/Harald Krömer

Die Baukörper sind in den beiden unteren Geschossen aus Pyrotonmauerwerk, als oberes Geschoss wurde ein Holzständerwerk aufgesetzt. Durch das einheitlich von außen mit Holz verkleidete obere Stockwerk werden die Gebäudeteile optisch miteinander verbunden. Außen an den Baukörpern führen metallene Wendeltreppen nach unten, die eigentlich als Nottreppen dienen, aber von den Bewohnern auch im Alltag genutzt werden.

Die 19 Wohnungen haben fast alle einen individuellen Schnitt, der sich auch außen bemerkbar macht. Große und kleine Terrassen, verwinkelte oder dreieckige Balkone wechseln sich ab. Die einzelnen Wohnungen haben zwischen 50 und etwa 120 Quadratmeter Wohnfläche, sind barrierefrei und teilweise rollstuhlgerecht. Sie werden von Familien, Singles, Pärchen oder Alleinerziehenden bewohnt: „Bis vor kurzem wohnten auch noch zwei Studenten hier. Eine gute Mischung in der Altersstruktur und Lebenssituation ist uns von Anfang an wichtig gewesen. Wir wollten keine Seniorenresidenz aufbauen“, sagt Barbara Stärk.

Zwei Jahre nach Einzug hat die Gemeinschaft genügend Erfahrung im Patchworkhaus gesammelt, um sagen zu können, dass das Konzept aufgegangen ist. Das liegt einerseits daran, dass man mit dem Architekturbüro Alte Windkunst aus Herzogenrath einen Partner gefunden hat, der auf Mehrgenerationen-Projekte spezialisiert ist und schon Gebäude für heterogene Gruppen entworfen hat, andererseits auch daran, dass sich die Bewohner für die Planung viel Zeit  genommen hat. Das hat nicht nur Vorteile. Manches dauert einfach länger – selbst so Kleinigkeiten wie das Pflanzen eines Baumes. „Viele Entscheidungen treffen wir erst, wenn etwas einstimmig beschlossen wird. Wo das nicht geht, entscheidet die Mehrheit. An solchen Prozessen muss man Spaß haben“, sagt Rita Reckmann.

Teil des Konzeptes ist auch, kostengünstig, energieeffizient und soweit wie möglich mit nachhaltigen Materialien zu bauen. Dazu gehört auch, dass Wohnraum gut ausgenutzt wird. Übergroße Wohnzimmer und zusätzliche Gästezimmer gehören nicht dazu. Dafür gibt es eine kleine Gästewohnung, die jedem Bewohner für seinen Besuch zur Verfügung steht. Eine große Wohnung mit Terrasse zum Gemeinschaftsgarten steht für die monatlichen Versammlungen, für Treffen, private Veranstaltungen oder die obligatorischen, monatlichen Werksamstage zur Verfügung.

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