Heerlen: Das „Mondviertel” wird die Visitenkarte Heerlens

Heerlen: Das „Mondviertel” wird die Visitenkarte Heerlens

Jahrzehntelang tummelten sich rund um den Heerlener Bahnhof die Junkies, das ganze Viertel war berüchtigt für seine Drogenszene, die scheußliche Bebauung und war überhaupt verschrien als eine Ecke der Stadt, in die man sich besser nicht verirren durfte.

Ein grauer Betonklotz, Bunkerarchitektur von der gruseligsten Sorte, beherrschte das ganze Viertel. Und das alles ausgerechnet dort, wo neun Millionen Zugreisende pro Jahr ihren allerersten Eindruck von Heerlen bekommen.

Die Junkies sind seit Jahren verschwunden - Kameras in der ganzen Stadt, soziale Maßnahmen wie Wohnungs- und Arbeitsbeschaffung für die Süchtigen haben ihre Wirkung gezeigt. Und mit dem unwirtlichen Rest der Gegend soll jetzt auch endgültig Schluss sein - und zwar so radikal und nachhaltig, dass aus dem ehemaligen Schandfleck die eigentliche Visitenkarte der Stadt entstehen soll.

154 Millionen Euro kostet der Neubau des kompletten Viertels. Im April rücken die Bagger an, 2016 soll der letzte Dachziegel des Komplexes eingepasst sein.

Das eigentlich Besondere allerdings sind weder das beachtliche Investitions- noch das gewaltige Bauvolumen mit einer Größe von 18 Fußballfeldern: Kein Architekt hat den kühnen Plan entworfen, sondern - ein Heerlener Künstler.

Dazu noch einer von der exzentrischen Sorte. Sein eigentliches Metier sind zum Beispiel Denkmäler für ausgestorbene Tiere, laufende Metallwesen mit innewohnender Mechanik und echten Schweineohren am Eisenkopf oder begehbare Fische: Michel Huisman. Mit seinem Entwurf für das neue Bahnhofsviertel, dem er den mittlerweile allseits anerkannten Namen „Maankwartier” (Mondviertel) gab, hat er in Heerlen überzeugt.

Wo gibt es so etwas schon: Der ursprüngliche Architektenplan, der fix und fertig war, wurde zu seinen Gunsten vollständig über den Haufen geworfen. Eine märchenhafte Geschichte, die vor neun Jahren begann...

In der Neuen Galerie - Sammlung Ludwig in Aachen hatte Michel Huisman Ausstellungen ebenso wie im Ludwig Forum. Zuletzt gehörte er zu 78 Künstlern, die sich auf der Biennale in Lyon unter dem Motto „Eine furchtbare Schönheit ist entstanden” mit den Widersprüchen dieser Welt auseinandersetzten - einer absurden Welt, die unfähig ist, sich zum Besseren zu wandeln.

„Wie finden Sie Heerlen?”, fragt uns Michel Huisman, den wir in seinem Haus in Heerlen besucht haben. Später erzählt uns der Künstler, dass es 57 Zimmer hat und „eigentlich viel zu groß ist”. Der „Teich” im Garten erlaubt es ihm, mit einer Jolle, Typ Pirat, darauf herumzusegeln.

„Heerlen ist doch eigentlich ganz nett...”, beginnen wir ganz unverfänglich. „Heerlen fehlt die Wärme”, widerspricht der Mann, eine überaus sympathische Erscheinung mit weißen, langen Haaren, einem eisgrauen Stoppelbart und immer lachenden Augen - nach wenigen Minuten glaubt man, einen guten, alten Freund wiedergetroffen zu haben. „Große Marken haben die Läden erobert, die kleinen wurden abgerissen, dafür wieder nur große gebaut - das hat die Stadt abgekühlt. Heerlen ist eine Zweckstadt geworden, man kommt nur her, um einzukaufen. Und mit dem Wohnen ist das so: Die alten Wohnungen mit den schönen hohen Decken, die sind entweder schlecht oder unbezahlbar. Neue sind bezahlbar, aber da will keiner wohnen.”

Billige Klotzbauten mit den typischen Sünden der 60er und 70er Jahre, „der pervertierte Bauhausstil”, die haben nach Huismans Ansicht Heerlen unwirtlich gemacht. Ja, und dann sollte auch noch das Bahnhofsviertel nach diesem alten Muster neu gestaltet werden.

2003 gehört Michel Huisman zu einer Handvoll Künstler, die von der Stadt eingeladen sind, den Architektenentwurf ästhetisch mit einem Kunstwerk ein wenig aufzuhübschen - nach der auch in Deutschland bekannten Devise „Kunst am Bau”. Huisman bekommt die Skizzen der Architekten zu Gesicht - und ist entsetzt. „Alles war so furchtbar”, sagt er heute. „Ich habe keine Liebe gespürt.

Ich war richtig wütend. Tausende Quadratmeter Trostlosigkeit.” Der ursprüngliche Plan: wie von der Stange, kühl-modern nach jener Art, wie sie überall in Europa gesichts- und bezuglos realisiert wird. Einmal in Rage, setzt Huisman sich hin und kreiert im Atelier einen völlig anderen Entwurf...

„Wie ein Märchen”

„Ich kann mich genau an den Moment erinnern”, sagt Riet de Wit, die zuständige Beigeordnete der Stadt Heerlen. „Er kam mit dem Projekt auf dem Arm herein”, und sie meint das Modell des Entwurfs, mit dem Huismann im Sitzungssaal aufkreuzte und den Ratsherrschaften präsentierte.

Und? „Es sah aus wie ein Märchen!” So ganz anders als die strengen Gebilde des ersten Plans, vermeintlich zugeschnitten auf eine „junge, moderne” Stadt, wie die Architekten ihr Konzept angepriesen hatten. „Wie sind eine junge Stadt, ja”, meint Riet de Wit, „aber nicht nur modern.”

Und sie erläutert das historische Spannungsfeld, in dem sich Heerlen bewegt: „Vor 100 Jahren waren wir ein Dorf mit 5000 Einwohnern, dann kam der Bergbau, und die Stadt wuchs enorm. Aber dann war innerhalb von nur neun Jahren alles vorbei.” Die Bergarbeitersiedlung und -architektur: abgerissen, ebenso die ursprüngliche Bebauung. Die Halden ringsum: abgetragen. Identität: verschwunden, plattgemacht.

Der Künstler fasste die selbst gestellte Aufgabe konsequent künstlerisch auf: ein Gesicht, ein Porträt zu schaffen - allerdings in architektonischer Hinsicht. Und er erinnerte sich an die entscheidenden Epochen in der Geschichte Heerlens - von den römischen Anfängen über das Mittelalter bis zum Industriezeitalter mit seinem Bergbau und auch der Zeit, als der berühmte Glaspalast entstand. Die entsprechenden Formen nahm Huisman wieder auf, mit Bögen in Fenstern, Türen, Toren, Durchgängen, Arkaden und Loggias wie zu römischen Zeiten, aber auch typisch für die ehemaligen Kohleminen.

Und mit verspringenden Fenstern wie in Fabrikarchitekturen, mit hohen Geschossdecken wie in den alten Heerlener Herrenhäusern aus den 20er Jahren und mit altmodisch wirkenden, schneckenförmigen Geländern.

Der ganze Komplex hat im Norden die Form eines Halbmondes, das Ganze liegt erhöht auf einem „weißen Berg”. Huisman: „Früher gab es in Heerlen die schwarzen Berge der Zechen, heute ist dieser Berg weiß.”

Die Haut der Gebäude besteht aus speziell patiniertem Ziegel - so soll ein zeitloser Eindruck entstehen. Riet de Wit: „Das ist eben nicht irgendein Entwurf für eine x-beliebige Stadt, sondern einer für Heerlen. Die Bürger erkennen sich darin wieder, hier wird Identität geschaffen.”

„Er ist doch einer von uns”

Dass Huisman kein Architekt, sondern Künstler ist, damit hatten anfänglich nur die Architekten selbst Probleme und organisierten eine regelrechte Kampagne dagegen. Die Bürger indessen spürten: „Er ist doch einer von uns.”

Beinahe zehn Jahre dauerte es dann doch bis zum Baustart. Die Bahn stellte sich lange quer, sie wollte eigentlich lieber im Norden Hollands investieren.

Es folgte ein Auf und Ab der Diskussionen, wie sie heutzutage die Realisierung solcher Großprojekte nicht nur in Stuttgart und anderswo fast immer begleiten. Schließlich überzeugte dann aber doch das Konzept, Wohnungen, Büros, Hotel, Bahnhof und Supermarkt in einem einzigen Komplex zu integrieren. Huisman: „Wir mischen alles gut durcheinander. Das belebt.”

Eine erste Phase des Neubaus ist bereits abgeschlossen: Der hässliche Büroklotz wurde umgebaut in einen weißen, freundlich lichten und einladenden, gegliederten Bau mit bogenförmigen Fenstern. Der neue Bushof wird gleichfalls bogenförmig überwölbt von einer Metallkonstruktion, die einmal satt blühenden Blauregen tragen soll - er muss nur noch tüchtig wachsen.

Hauptinvestoren mit rund 107 Millionen Euro sind die kapitalkräftige Heerlener WohnungsbauStiftung Woningstichting Weller mit ihrem Partner, der Bauentwicklungsgesellschaft Jongen, und andere Nutzer des Komplexes sowie die Bahn mit sieben Millionen Euro. Die Gemeinde Heerlen, der niederländische Staat und die EU teilen sich den Rest, rund 40 Millionen Euro, rein für die Infrastruktur.

So entstehen 80.000 Quadratmeter Wohn-, Büro-, Park- und Supermarktfläche mit 53 Eigentums- und 44 Mietwohnungen und 858 Parkplätzen. Über dem Bahnhof befindet sich ein Hotel, zentrales Element ist eine 50 mal 100 Meter große Brückenplatte über den Gleisen, die den Nord- und den Südkomplex des Maankwartiers ebenso verbindet wie die Stadtteile dahinter. Der gruselige Tunnel, der jetzt noch unter den Gleisen hindurchführt, wird künftig nicht mehr genutzt.

Huisman wäre nicht Huisman, wenn er nicht noch ein ganz besonderes Bonbon im Maankwartier untergebracht hätte: einen Heliostaat, einen astronomischen Apparat, 1742 zum ersten Mal erwähnt von dem niederländischen Physiker Willem Jakob Gravesande. Ein hoher Turm, in Gerüstmanier wie beim Eiffelturm errichtet, trägt ganz oben einen Spiegel mit einem Durchmesser von 6,20 Metern.

Gesteuert von einer Uhr und bewegt von einer ausgeklügelten Mechanik, wird er immer so in Richtung Sonne gedreht, dass deren Licht durchs Innere des Turms bis in die Tiefen der Parkgarage geleitet wird. Hier kommt Huisman voll zum Zuge: Seine Spezialität ist es nämlich, mechanische Kunstwerke zu bauen wie die „Halbautomatische Trostmaschine”.

Eine typische Arbeit des Künstlers, der übrigens sein Berufsleben als Goldschmied begann: Im Aldenhofpark in Maastricht ist sie zu bestaunen, in der ehemaligen Bärengrube. Von 1920 bis 1993 fristeten hier bedauernswerte Bären ihr trostloses Dasein. Der letzte, der hier lebte, war Jo.

Michel Huisman legte in der „Berenkuil” ihm zu Ehren eine tote Giraffe in Lebensgröße nieder, gestreichelt wird sie von einer hübschen, jungen Dame aus Bronze mit innewohnender Mechanik - eben die „Halbautomatische Trostmaschine”.

In 50 Metern Entfernung sitzt ein bronzener Jo mit Menschenhänden. Die meisten kleineren Bronzen ringsum, Erinnerungen an ausgestorbene Tiere wie die Karibische Mönchsrobbe, wurden letztes Jahr geklaut.