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Interview mit Meeresbiologin Frauke Bagusche: „Das Meer ist die Luft zum Atmen“

Interview mit Meeresbiologin Frauke Bagusche : „Das Meer ist die Luft zum Atmen“

Sie hat schon Haien in die Augen geblickt und findet Oktopusse wahnsinnig faszinierend: Für Frauke Bagusche ist der Ozean ihr zweites Zuhause. Doch nicht nur das. Die Meeresbiologin und Buchautorin hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch andere Menschen für dieses blaue Wunder zu begeistern.

Am Samstag ist Meeresbiologin Frauke Bagusche für eine musikalische Lesung im Theater Aachen zu Gast. Im Interview mit Katharina Menne erzählt sie, warum wir dem Meer näher sind, als wir denken, der Disney-Film „Findet Nemo“ eigentlich einen ganz anderen Ausgang hätte und wir zum Schutz der Meere alle dringend anfangen müssen, unser Kaufverhalten zu ändern.

Frau Bagusche, wie klingt das Meer?

Frauke Bagusche: Das kommt ganz darauf an, wo man sich befindet. Im Blauwasser zum Beispiel ist es relativ still. Nur mit etwas Glück kann man dort Walgesänge hören oder Delfine aus weiter Ferne. Im Korallenriff dagegen klingt es so geschäftig wie in einer Großstadt. Die Fische haben immer total viel zu tun. Papageifische schaben die Korallenpolypen ab, das knuspert richtig. Dann gibt es Fische, die knurren, singen und fauchen – die drohen einander, wollen Partner anlocken oder die anderen warnen. Das ist eine Kakophonie unter Wasser.

Mit Meeresgeräuschen verbinden die meisten Menschen eher ein sanftes Rauschen oder Glucksen, wie man es beim Strandspaziergang hört. Was machen solche Geräusche mit Ihnen?

Bagusche: Wenn ich das Meer höre, fühle ich mich angekommen und zu Hause. Auf den Malediven war das Meeresrauschen ein stetiger Begleiter bis in meine Träume hinein. Ich höre das noch immer jede Nacht – ohne kann ich gar nicht mehr einschlafen.

Wann haben Sie angefangen, sich für das Meer zu interessieren?

Bagusche: Ich wollte schon als Grundschulkind Meeresbiologin werden – das hat mir erst kürzlich meine Patentante erzählt. Tiere und Natur haben mich einfach schon immer fasziniert. Ich konnte stundenlang vor einem Ameisenhügel sitzen und beobachten, was da passiert. Wenn man klein ist und am Strand spielt, kommt einem das Meer vielleicht noch unheimlich vor, weil es so dunkel und scheinbar unendlich groß ist. Aber als ich als Erwachsene angefangen habe zu tauchen, hat sich mir eine völlig neue Welt eröffnet.

Welche Bedeutung hat das Meer also für Sie?

Bagusche: Das Meer ist meine große Liebe. Wenn ich lange Zeit nicht am Meer sein kann, habe ich richtig Liebeskummer. Ich bin nirgends so ruhig und ausgeglichen wie unter Wasser. Da entspannt sich jeder meiner Muskeln.

Und welche Bedeutung hat das Meer für uns alle?

Bagusche: Das Meer ist die Luft zum Atmen. Marine Mikroalgen, sogenanntes Phytoplankton, produzieren bis zu 80 Prozent des globalen Sauerstoffs. Jeden zweiten Atemzug verdanken wir also diesen kleinen Organismen. Und nicht nur das: Wir sind regelrecht abhängig vom Meer. Wir ernähren uns davon. Es gibt Medikamente, deren bioaktive Substanzen aus Schwämmen oder Bakterien, die in den Sedimenten leben, gewonnen werden. Es bestimmt unser Klima. Ohne das Meer wären wir verloren.

Haben Sie beim Tauchen Angst vor Haien?

Bagusche: Als erstes muss ich vorweg stellen: In Florida gibt es ein naturwissenschaftliches Museum, das die Interaktionen zwischen Hai und Mensch erfasst. Im Jahr 2017 gab es weltweit 155 Interaktionen, nur fünf davon waren tödlich. Schaut man sich Moskitos an, die Dengue-Fieber oder Malaria übertragen, sterben Millionen Menschen daran. Selbst Haushunde sind gefährlicher als Haie. Diese Hysterie wurde ausgelöst dank Steven Spielbergs Film „Der weiße Hai“. Ich bin jeden Tag auf den Malediven mit Haien geschwommen, da hatte ich auch mal 15 von den Jungs um mich herum. Kein Hai hat mich jemals hungrig angeguckt, das interessiert die nicht die Bohne. Wenn, dann sind es eher neugierige junge Haie, die sich fragen: Was ist das für ein komischer Fisch? Und vielleicht mal probieren wollen. Dass Haie Menschen als Beute sehen und komplett auffressen, ist einfach ein großes Märchen.

In Ihrem Buch stellen Sie unter anderem fest, dass der Disney-Film „Findet Nemo“ eigentlich einen ganz anderen Verlauf nehmen müsste …

Bagusche: Ja, genau. Wenn man davon ausgeht, dass Nemo tatsächlich als Einzelkind aufwächst, dann würde der Vater sich in dem Moment, in dem die Mutter nicht mehr da ist, zu einem fortpflanzungsfähigen Weibchen umwandeln. Clownfische werden nämlich immer als Männchen geboren. Wenn das dominante Weibchen einer Clownfisch-Familie stirbt, wird das nächstgrößte Männchen zum Weibchen. Nemo als einziges noch vorhandenes Männchen würde sich also mit seinem ehemaligen Vater paaren und inzestuösen Nachwuchs zeugen. Aber das kann man Kindern natürlich so nicht erzählen, zumal die Natur Inzucht eigentlich tunlichst vermeidet. Die Biologie geht da manchmal seltsame Wege.

Apropos seltsame Wege. Manche Meerestiere haben gewöhnungsbedürftige Fortpflanzungstechniken, richtig?

Bagusche: Ja, sehr gewöhnungsbedürftig. Es gibt zum Beispiel Fische, die mehrfach am Tag ihr Geschlecht wechseln können. Oder Seeotter: Die sehen so niedlich und flauschig aus, aber beim Sex gehen sie extrem rau miteinander um. Die Männchen beißen sich im Gesicht der Weibchen fest, um nicht abzurutschen und drücken sie dann unter Wasser, wenn sie sich zu heftig gegen die Avancen wehren. Das hat etwas von einer Vergewaltigung. Und auch Pinguine gehen nicht immer so lieb miteinander um, wie sie aussehen. Das kann man zwar nicht mit den Praktiken der Seeotter vergleichen, aber die Adelie-Pinguine prostituieren sich für Steinchen. Das ist quasi die Währung der Antarktis und heiß begehrt. Pinguinpaare brauchen die Kiesel zum Nestbau. Während das Männchen treu das Ei hütet, gehen die Pinguindamen zu den Junggesellen am Rand der Kolonie und bieten Sex für Kieselsteinchen.

Manchmal hat man das Gefühl, das Weltall ist fast besser erforscht als die Tiefsee. Stimmt das?

Bagusche: Das lässt sich schwer vergleichen, aber tatsächlich gelten 95 Prozent des Meeres noch als unerforscht. Aber auch dorthin dringen wir immer weiter vor, menschenunberührt ist auch die Tiefsee nicht mehr. Es wurde schon Plastik am tiefsten Punkt der Erde, im Marianengraben, gesichtet. Und aufgrund unseres Rohstoffhungers ist bereits ein Streit darum entbrannt, wer dort das Sagen hat. Auch Deutschland hat bereits Gebiete gepachtet und Schürflizenzen erworben. So zerstört man Ökogebiete, von denen man wirklich noch fast gar nichts weiß.

Forschen Sie eigentlich selbst noch?

Bagusche: Nein. Ich habe es mir mittlerweile zur Aufgabe gemacht, Menschen über das Meer aufzuklären. Ich unterstütze Meeresschutzprojekte, erzähle auf Konferenzen von meinen Erlebnissen und mache mit verschiedenen Aktionen zum Beispiel auf die Vermüllung der Meere aufmerksam. Primär versuche ich einfach, Leute für das Thema zu sensibilisieren und übersetze die Forschung anderer Kollegen in eine Sprache, die jeder versteht.

Ölkatastrophen, Klimawandel, Überfischung, Vermüllung – wir Menschen setzen dem Meer arg zu. Wo fängt man da an, wenn man etwas ändern will, ohne zu verzweifeln?

Bagusche: Man darf sich von dieser Fülle an Problemen nicht übermannen lassen, sonst legt man ganz schnell aus Überforderung die Hände in den Schoß. Das fängt bei jeder einzelnen Kaufentscheidung an: Kaufe ich den abgepackten Fisch im Discounter oder lasse ich es einfach mal bleiben? Zertifizierungen können helfen, wenn ich nicht verzichten will. Jeder kann etwas tun. In Bezug auf Mikroplastik, kann man zum Beispiel auf Kosmetika verzichten, in denen Plastikpartikel enthalten sind. Ein Blick auf die Zutatenliste kann Wunder bewirken. Wichtig ist, einen Schritt nach dem anderen zu machen. Ich kenn das ja von mir. Der Mensch ist bequem und jede Umstellung erfordert Willenskraft.

Womit haben Sie begonnen?

Bagusche: Ich sammel zum Beispiel umherliegenden Müll und entsorge den – egal, wo ich bin. Außerdem achte ich darauf, Plastik, wo es geht, zu vermeiden. Es wird einem immer gesagt, dass man das lose Obst im Supermarkt aus hygienischen Gründen in diese dünnen Plastiktüten packen soll – aber mal ehrlich: Wie viele Menschen haben das vorher schon angepackt? Hygienisch ist da nichts mehr. Außerdem kaufe ich regionale Produkte, die nicht einmal um die ganze Welt geschifft wurden.

Welche Rolle spielen wir Deutschen bei der Vermüllung der Meere?

Bagusche: Hier denken viele, dass wir damit nichts zu tun haben, dass das in anderen Ländern passiert, die keine so ausgeklügelten Recyclingsysteme haben. Aber das stimmt nicht. Wir exportieren unseren Plastikmüll in Länder wie Malaysia oder Vietnam, die schon mit ihrem eigenen Müll maximal überfordert sind. Aufgrund ihres völlig übertriebenen Konsums produzieren Europäer und Nordamerikaner tatsächlich weltweit den meisten Müll, und wir Deutschen sind in Europa sogar traurige Spitzenreiter.

Nicht zu sprechen vom Mikroplastik, das wir vorhin schon thematisiert haben …

Bagusche: Ja, genau. Rhein und Donau sind hochbelastete Gewässer. Das fängt man gerade erst so richtig an zu erforschen. Im Rhein-Ruhr-Gebiet gibt es an die tausend kunststoffverarbeitende Unternehmen. Da gelangt viel primäres Mikroplastik, also kleinste Pellets, in die Flüsse. Und nicht nur dorthin. Auch unsere Böden sind voll davon. Feinste Flusen aus unserer Kleidung oder Kügelchen aus Kosmetika gelangen über das Abwasser in die Kläranlagen und werden dort nicht vollständig herausgefiltert. Wenn dann der Klärschwamm zur Düngung auf den Feldern ausgebracht wird, landet konzentriertes Mikroplastik im Boden, von dort im Grundwasser und gelangt dann schließlich auch über die Flüsse ins Meer.

Was halten Sie von Initiativen wie dem „Ocean Clean Up“ des Niederländers Boyan Slat oder „Pacific Garbage Screening“ der Aachener Architektin Marcella Hansch, die den Plastikmüll aus den Meeren fischen wollen?

Bagusche: Das klingt immer so schön: Die wollen die Meere retten. Aber das ist letztlich total unrealistisch. Von den durchschnittlich 10 Millionen Tonnen Müll, die pro Jahr ins Meer gespült werden, landen etwa 90 Prozent in der Tiefsee. Da werden keine Marcella und kein Boyan in der Lage sein, dieses Plastik wieder herauszuholen. Was man den Projekten aber zu verdanken hat, ist die mediale Aufmerksamkeit für das Thema. Über die Belastung der Meere mit Plastik gibt es die ersten wissenschaftlichen Publikationen bereits aus dem Jahr 1972. Das ist also absolut nichts Neues. Auf Wissenschaftler hört bloß niemand. Das Wichtigste und das meiner Meinung nach Effektivste ist aber ohnehin, weniger Wegwerfplastik zu produzieren. So entsteht weniger Müll, der überhaupt über die Flüsse in die Ozeane gelangen kann.