Baesweiler: Das Leben nach dem großen Schock

Baesweiler: Das Leben nach dem großen Schock

Auf den ersten Blick wirkt der Mann unerschütterlich. 1,90 Meter groß, muskelbepackt, tellergroße Hände. Seit 21 Jahren Krankenpfleger und Rettungsassistent. In seiner Ausbildung ein Musterschüler im Fachbereich „Stressbewältigung”.

Tobias Hajek hat manches Traumatische erfahren. Er barg ein Kind, das von seinem Stiefvater erschlagen wurde. Vor seinen Augen schoss sich ein Lebensmüder in den Kopf. Auch nach Verkehrsunfällen boten sich ihm grauenvolle Bilder. „Aber mein Einsatz bei der Loveparade, bei dem ich als einer der ersten Retter an der berühmten Treppe eingetroffen bin, hat alles in den Schatten gestellt”, sagt er knapp drei Monate nach der Katastrophe, die den sportlichen Taucher und Schwimmer nach dreitägigem Schockzustand in der heimischen Küche mit Weinkrämpfen zusammenbrechen ließ. Aus und vorbei. Nichts ging mehr.

Tobias Hajek, 41, hat ein kleines Buch über seinen Einsatz geschrieben, um ihn zu verarbeiten. Drei Wochen ließ sich Hajek bei seinem Arbeitgeber, dem Arbeiter-Samariter- Bund krankschreiben. Jetzt arbeitet er wieder. „Aber alles in meinem Leben hat sich verändert, nichts ist mehr wie zuvor”, sagt er, während er auf der Terrasse seines Einfamilienhauses in Baesweiler Kaffee trinkt und das Ziejen der Wolken am Himmel verfolgt.

Wo ist die Tochter?

Hajek zündet sich eine Zigarette an, inhaliert, denkt nach, atmet zweimal tief durch. Er sucht Worte, versucht zu beschreiben, was nicht zu beschreiben ist. Und dann findet er den Anfang: „Als der Einsatzruf kommt, ahnt niemand, was uns bevorsteht. Auf der Rampe sehen wir nur Verwüstung, Tote mit verschmutzten Gesichtern, umgekippte Zäune, schreiende, weinende Verletzte und äußerlich unversehrte Zeugen, spontan denke ich an einen Sprengstoffanschlag. Schuhe, Rucksäcke, Kleidung, Brillen liegen überall auf dem Boden weiträumig verteilt.”

Dem Erstarren folgt ein Gedanke, der ihm zusätzlich den Atem nimmt: „Tatjana, Tatjana!” Seine Tochter, 18 Jahre alt. Auch sie ist irgendwo unter den Teilnehmern an der Loveparade. Der Vater-Instinkt ist zunächst stärker als der Retterimpuls. Hajek geht von Leiche zu Leiche: „Da lagen sie, alle so jung. Aufgedunsen, weil die Organe unter dem Trampeln der Menschenmasse zerfetzt waren.” Der Sanitäter bricht abrupt ab, zieht an seiner Zigarette und schweigt. Seine Augen haben sich gerötet.

Zurück ins Geschehen. Tatjana ist jedenfalls nicht unter den Todesopfern. Also macht sich Hajek an die Arbeit. Aber in welcher Reihenfolge?

Hajek weiß es nicht mehr, zu viel läuft gleichzeitig: „Hyperventilierten Opfern hielt ich eine Tüte vor den Mund, damit ihr Sauerstoffhaushalt wieder herunter fällt und sie nicht in Ohnmacht fallen, weinende Polizisten habe ich betreut. Und immer kreist mein Blick: Da kommen vier junge Männer mit ihrem Freund auf einer Trage. ,Helfen Sie ihm, helfen Sie ihm’, bitten die Jugendlichen.” Der Sanitäter aber erkennt es auf Anhieb: „Da ist nichts mehr zu machen.”

Mehr als 70 Tage sind seitdem vergangen. Wie geht der Retter, der auch ein Opfer ist, mit dem Erlebten um? Was hat sich geändert? „Zunächst einmal hat mir das Schreiben des Buches ein Ventil gegeben. Es hilft mir auch, mit Kollegen und dem Notfallseelsorger zu sprechen. Ich mache viele Spaziergänge, gehe privat nicht mehr aus. Meine früheren Probleme sind keine mehr. Ich bin sehr ruhig geworden.”

Hajek verfolgt die Diskussion der Verantwortlichen zwischen Veranstalter, Stadt Duisburg, Polizei und Feuerwehr, wie sie sich die Schuld gegenseitig zuschieben. Aber er verurteilt nicht: „Das hat keiner gewollt!” Gleichwohl hat der Rettungsmann all die Ungereimtheiten aufgeschrieben, die ihm beim Einsatz aufgefallen sind. Es sind eine Menge. Beispiele, die ihm schon vor der Katastrophe merkwürdig vorkamen: „Kaum einer der Rettungsmittel-Besatzungen wusste, zu welchem Stützpunkt er fahren musste.” Und: „Schon am frühen Nachmittag zeigten Live-TV-Bilder, dass Besucher Bauzäune einfach umdrückten, um schneller ins Zentrum zu gelangen. Diese Szenen an sich hätten schon eine Warnung sein müssen.” Schließlich: „Wir wurden nicht informiert, wo es welche Behandlungsplätze gab. Die Funkverbindung war schon an sich eine Katastrophe.”

Und dann eine Notiz, die nichts mit den Verantwortlichen zu tun hat: „Erschreckend fand ich diejenigen, die einfach nur herumstanden und mit ihrem Handy filmten. Eiskalt und skrupellos.”

Was Hajek am meisten gehört hat? Er hat das wiederkehrende Flehen der Sterbenden, am Ende seines Buches zitiert: „Bitte helft uns doch!”

„Die Tragödie der Loveparade 2010 in Duisburg”, heißt das kleine Buch, das Tobias Hajek zur Verarbeitung seines Traumas geschrieben hat (32 Seiten, Verlag Books on Demand, ISBN 9783839198810). Untertitel: „Eindrücke und Gedanken eines Rettungsdienstlers am Ort der Katastrophe.” Es kostet 5,50 Euro. Ein Großteil des Verkaufserlöses wird an Organisationen gespendet, die Menschen mit den unterschiedlichsten Traumatisierungen betreuen.

( Name geändert)