Birkesdorf: „Das ist meine Lokomotive!”

Birkesdorf: „Das ist meine Lokomotive!”

Tochter Brigitte hatte das letzte Wort: „Das ist meine Lokomotive!”, sagte sie bestimmt. Vater Daniel folgte dem Wunsch seines Kindes und verzichtete darauf, die Lok über das Internet zu versteigern. Die Lokomotive ist nicht irgendeine.

Bei dem 1,80 Meter langen und 35 Zentimeter breiten Gefährt handelt es sich um den fast originalgetreuen Nachbau einer Diesel-Lok, die über Jahrzehnte der Deutschen Bahn treue Dienste verrichtete: eine V 200/033. Zu Beginn der 50er Jahre trat die Modellreihe der DB ihre ersten Fahrten an. Und eben vor gut 50 Jahren beginnt die Geschichte.

Normalerweise schenken Väter ihren Söhnen zu Weihnachten eine Märklin- oder Trix-Eisenbahn, um sich selbst einen langgehegten Kindheitswunsch zu erfüllen. Im Hause Müller war es ein wenig anders. Daniel Müller, 1934 geboren, wollte nie eine Eisenbahn besitzen. Die Prioritäten im Hitler-Reich, im Zweiten Weltkrieg und auch beim Wiederaufbau waren andere. Aber dann heiratete er, wurde Tochter Brigitte geboren. Und der Vater beschloss: „Ich baue ein Lokomotive für meine Tochter!”

Es sollte nicht irgendeine Lok sein: „Die V 200 ist die schönste Lokomotive, die es je gab”, sagt Müller. Und er begab sich an die Arbeit. Der gelernte Schlosser aus Birkesdorf griff zu Papier und Bleistift, zeichnete das Modell von einem Fleischmann-Prospekt ab und begann mit dem Nachbau im Maßstab 1:10. Doch weil er seine Tochter mit der Lokomotive auf Schienen durch den Garten flitzen wollte, nahm er es mit dem Maßstab in einem Punkt nicht ganz genau: Fünf Zentimeter breiter sollte sie werden, schließlich sollte die kleine Brigitte ihr Platz nehmen.

Die Arbeiten begannen, doch dann: 100 Meter Schienen waren fertig, ebenso das Fahrgestell und der U-Rahmen des Aufbaus, als das Vorhaben stockte. Der Vater, angestellt wie selbstständig, befand sich auch beruflich („Zwölf Arbeitsstunden am Tag waren keine Seltenheit.”) in einem engen Zeitkorsett. Er stellte die Arbeit an der Lok ein. Schienen, Unterteil und U-Rahmen verstaubten und rosteten vor sich hin. In Vergessenheit gerieten sie nicht. Vor einem Jahr stellte sich Daniel Müller, der auch als Rentner nicht zur Ruhe kam, die zwei Fragen: Verschrotten? Oder den Bau der Lokomotive fortsetzen? Die zweite Frage beantwortete er mit Ja.

Ungezählte Stunden verbrachte Müller fortan in seiner Garage. Die alten Schienen waren nicht mehr zu gebrauchen, neue musste er schaffen, auf Schwellen aus Teakholz befestigen. Der U-Rahmen wurde mit dem Sandstrahler gesäubert. Das Gehäuse aus Blech, wie es in der Autoindustrie verwendet wird, bog Müller selbst. Und irgendwann begannen die kniffligen Feinarbeiten. Die winzigen Türgriffe, Rahmen, Rücklichter und Reflektoren stellte Daniel Müller selbst her. Doch auch Hilfe konnte sich der Bastler verlassen.

Die Gebrüder Kufferath überließen ihm ein kleines Muster ihres Edelstahlgewebes: „Das brauchte ich für die Verkleidung der Luftkanäle.” Und eine Düsseldorfer Firma schickte ihm eine Probe ihres Klebebandes, mit dem Müller die Buchstaben des Schriftzuges „Deutsche Bundesbahn” anbrachte. „Diese kleinen Arbeiten haben schon sehr lange gedauert”, schmunzelte er.

Sie hielten ihn auch deshalb auf, weil Müller auch die kleinste Kleinigkeit detailgetreu nachbauen wollte. Und dann war es soweit: Durch Müllers Garten rollte die fertige, in Originalfarben gespritzte V 200/033 auf ihrer Jungfernfahrt. Wenig später bestaunten Nachbarn, Freunde und Verwandte das bis zu sieben Stundenkilometer schnelle Modell. Auch wenn die Tochter lange warten musste: „Das ist meine Lok”, sagte die große Brigitte. Und eigentlich könnte der Vater ja noch einen Anhänger...

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