Nach der Insolvenz: Das Ende von Kronenbrot und ein Verdacht

Nach der Insolvenz : Das Ende von Kronenbrot und ein Verdacht

1000 Mitarbeiter haben nach der Insolvenz von Kronenbrot Gehaltseinbußen akzeptiert. Belohnt wurden sie dafür nicht. Die Gewerkschaft spricht von einer „Sauerei“.

Am Zaun des Betriebsgeländes in Würselen hängt noch das Laken mit der Aufschrift: „1000 Schicksale auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft“. Am letzten Arbeitstag von Kronenbrot haben es die Mitarbeiter angebracht. Ein letzter, wehmütiger Gruß – dann war das 1865 gegründete Unternehmen Geschichte. Danach wurde das Firmengelände abgesperrt, ein Lkw fuhr als zusätzliches Hindernis hinter die Schranke am Firmengelände. Die Mitarbeiter haben das Werk verlassen müssen – für immer.

Sechs Wochen ist das her, der Schriftzug, der auf das Schicksal der Mitarbeiter hinweist, ist bereits  von der Sonne ausgeblichen. Die Wut hingegen ist geblieben. Aktuell beklagen viele nunmehr ehemalige „Kronenbrotler“, wie schwierig sich der Kontakt zum amtierenden Insolvenzverwalter herstellen lasse. Der aber muss sowohl die Arbeits- als auch die Insolvenzgeldbescheinigung ausstellen, damit die Arbeitsagentur zahlen kann. Viele Mitarbeiter, manchmal auch ehemals Doppelverdiener bei Kronenbrot, hängen nun in der Luft. Die Agentur ist die neue Anlaufstelle für die etwa 1000 Mitarbeiter, die ihren Arbeitsplatz verloren haben. Was aber bleibt, ist ein Verdacht, der in den vergangenen Monaten immer größer wurde.

Erklärungsversuche

Als der vorläufige Insolvenzverwalter Biner Bähr seine Arbeit Mitte Juli aufnahm, war die Rede von einem „schwierigen Marktumfeld“ und einem „grundlegenden Wandel des Konsumentenverhaltens“. So wurde begründet, dass die Nachfrage nach Kronenbrot-Produkten nachgelassen habe und das Unternehmen zum zweiten Mal in die Insolvenz geschlittert war.

Der Jurist suchte noch ein paar Wochen vergeblich nach neuen Investoren, um dann final die Öfen auszustellen. Der 31. Juli, der Tag, als die Laken aufgehängt wurden, war der letzte Kronenbrot-Tag. Die Produktion bei Deutschlands fünftgrößtem Backwarenhersteller (Jahresumsatz: 120 Millionen Euro) an allen drei Standorten (Würselen, Köln, Witten) wurde eingestellt.

Spricht man mit den nun ehemaligen Mitarbeitern, hört man eine  Geschichte, die sehr bitter klingt, und wenig mit den geänderten Vorlieben der Konsumenten, aber ganz viel mit dem Management der letzten Jahre zu tun hat.

Viele der Mitarbeiter erleben nach 2016 die zweite Insolvenz. Damals akzeptierten sie einen Sanierungstarifvertrag, der um zwei Prozent gekürzte Gehälter ebenso vorsah wie den Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld. An den drei Standorten wurde darüber abgestimmt, mit überwältigender Mehrheit war die Belegschaft mit den Kürzungen einverstanden. Es sollte ihr Beitrag zur Fortsetzung des Betriebs werden. Nach der zweiten Insolvenz und dem Ende von Kronenbrot könnten die Mitarbeiter nun ihren Sanierungsbeitrag der letzten Jahre geltend machen. Damals wurde jedenfalls vereinbart, dass im Falle einer weiteren Insolvenz die Einbußen rückabgewickelt werden. Es sind eher theoretische Ansprüche. „Der worst case vom worst case ist eingetreten“, sagt Diana Hafke, Geschäftsführerin bei der zuständigen Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) in Aachen. Niemand hat damit gerechnet, dass der Betrieb gänzlich eingestellt wird.

Mohamed Boudih, der NGG-Vorsitzende des Landesbezirks Nordrhein-Westfalen, spricht von „Summen in Millionenhöhe“, auf die die Mitarbeiter verzichtet hätten. Ihre Aussichten, Geld zurückzuerhalten, sind eher trübe. Sie werden für ihre Bereitschaft Einbußen zu akzeptieren, nicht belohnt. Sie können zwar ihre Ansprüche beim Insolvenzverwalter geltend machen, befriedigt werden solche Forderungen erfahrungsgemäß allenfalls im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Zudem zeichnet sich gerade ab, dass das künftige Arbeitslosengeld sich an den niedrigeren Bezügen orientiert. So ist jedenfalls die bisherige Rechtsprechung des Bundessozialgerichtes ( AZ.: B 11 AL 13/14 R). Die Mitarbeiter sind in mehrfacher Hinsicht gekniffen.

Nach der ersten Insolvenz übernahm Anfang 2017 ein Investmentfonds unter Führung des Londoner Vermögensverwalters Signal Capital Partners das Unternehmen vom Insolvenzverwalter zu einem unbekannten Kaufpreis. Die Brüder Lothar und Wolfgang Mainz hatten bis dahin das ehemalige Familienunternehmen geführt. Abgespalten wurden nur die Oebel-Verkaufsfilialen, deren Geschäftsführung sie übernahmen.

Mohamed Boudih, Vorsitzender der Gewerkschaft NGG des Landesbezirks NRW. Foto: Christoph Pauli

Welche Geldgeber sich hinter dem 2015 gegründeten Fonds mit Sitz in London an der 10 Old Burlington Street verbergen, ist unbekannt. Einer der Partner im Fonds ist Frederik Linus Metze, ein Diplom-Kaufmann, der aus der Region stammt.

„Wir waren nicht sonderlich begeistert über die Entscheidung“, sagt Boudih, „wir hätten uns lieber einen Investor aus der Branche gewünscht. Unsere Abneigung gegen Heuschrecken ist bekannt. Signal Capital stellt keine Ausnahme dar.“ Ein Mitspracherecht hatten weder Betriebsrat noch Gewerkschaft. Die Entscheidung traf damals der zuständige Insolvenzverwalter Mark Boddenberg.

Der Fonds, sagt Boudih, habe zugesichert, dass nahezu alle fast 1000 Arbeitsplätze erhalten werden sollten. Der Bestandsschutz war bis Ende 2019 begrenzt. Aber schon damals stand wohl schon fest, dass die Geldgeber nur ein vorübergehendes Interesse an Kronenbrot hatten. „Die Braut sollte aufgehübscht und dann weiterverkauft oder zerschlagen werden“, vermutet Boudih.

Der Fonds teilte das Kronenbrot-Vermögen auf. Die Grundstücke, Maschinen und der Fuhrpark wurden an die Kronenbrot Assetco, Avenue de la Gare 42-44, in Luxemburg ausgelagert. Von der aktuellen Insolvenz ist die Assetco im Steuerparadies nicht betroffen. Auf die werthaltigen Vermögenswerte hat der aktuelle Insolvenzverwalter entsprechend keinen Zugriff. Insolvent sind nur die Produktionsbetriebe.

Wären die Immobilien noch Eigentum der produzierenden Betriebe gewesen, könnte er den Backbetrieb vielleicht weiterführen, bis das Unternehmen saniert ist oder es einen neuen Investor gegeben hätte. Und sicher wäre auch die Suche nach neuen Kreditgebern einfacher gewesen, die ihr Darlehen über die Immobilien hätte abgesichert werden können. Boudih spricht von einer „Sauerei“: „Signal Capital hat den alleinigen Zugriff auf die Unternehmenswerte, und die Mitarbeiter gehen deswegen leer aus.“ Das EU-Recht gebe das gewählte Verfahren durchaus her, merkt er an. „Aber wenn etwas legal ist, muss es noch nicht richtig sein.“

Die Mutterfirma in Deutschland mietete die Grundstücke, Maschinen und den Fuhrpark für monatlich 400.000 Euro zurück. Auch der Markenname wurde damals mit verkauft und durfte gegen eine entsprechende Nutzungsgebühr weiter verwendet werden. „Jetzt am Ende der Geschichte sehen wir, dass mehr Geld für Mieten und Leasingraten abgeflossen sind, als reinvestiert worden ist“, sagt ein ehemals führender Mitarbeiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Wir sind zum Narren gehalten worden.“

Man würde gerne erfahren, ob dieser Vorwurf zutreffend ist, aber weder der damalige noch der aktuelle Insolvenzverwalter reagierten auf einen Fragenkatalog. Das Verfahren ist nicht-öffentlich, sie können die Öffentlichkeit informieren – müssen es aber nicht.

Unter den Mitarbeitern hält sich hartnäckig das Gerücht, dass der Investment Fonds von Anfang an kein großes Interesse an der Fortführung des Backbetriebs gehabt habe, sondern primär an den großen Grundstücken in Würselen und vor allem Köln interessiert gewesen sei. Der Standort Würselen, so sieht es der Informant, sei sukzessive für neue Investoren immer unattraktiver gemacht worden.

50 Millionen Brötchen

Es gibt durchaus Hinweise für diese These – aber kaum Belege. Tatsächlich setzten die großen Umsatzrückgänge erst 2018 ein, als Signal Capital wieder einmal einen neuen Verkaufsleiter eingestellt hatte. Anfang 2018 sei die Produktion von Brötchen eingestellt worden, von denen vorher etwa 50 Millionen im Jahr produziert worden waren, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Im Frühjahr 2019 sei beschlossen worden, vorerst keine Berliner und vor allem keine Stollen mehr herzustellen, obwohl Großkunden weiterhin interessiert gewesen seien und sogar eine Vorfinanzierung angeboten hätten. Drei profitable Bereiche seien in Würselen dichtgemacht, aber Problembereiche beibehalten worden.

Mitarbeiter berichten davon, dass sich die Probleme tatsächlich erst 2018 am Produktionsstandort Würselen verschärften. Schlüsselpersonal habe gefehlt, die Ausschussquoten seien hoch gewesen, es sei regelmäßig zu Produktionsausfällen gekommen, die Zulieferung von anderen Großbäckern notwendig gemacht hätten, um lieferfähig zu bleiben. Großabnehmer hätten Rechnungen gekürzt. Parallel hätten sich auch die hygienischen Verhältnisse im Unternehmen verschlechtert. „Die Schädlingsproblematik erreichte ein bisher nie gekanntes Ausmaß“, sagt ein Informant. Die zuständige Lebensmittelüberwachung der Städteregion sei regelmäßig vor Ort gewesen. Getränkeautomaten und Wasserspender seien zeitweise verkeimt gewesen, berichten übereinstimmend Mitarbeiter – auch da sei gespart worden. Mehr als die Hälfte der 20 Brandschutztüren hätten nicht funktioniert, regelmäßige Hinweise des Sicherheitsbeauftragten führten zu keiner Verbesserung.

Leistungsprämien fürs Führungspersonal habe es dennoch gegeben. Ende des Jahres seien knapp 400.000 Euro ausgezahlt worden, die im Januar noch erhöht worden seien, berichtet ein Insider.

Gewerkschafter Mohamed Boudih sagt: „Ich kann nicht beweisen, dass der Betrieb gezielt vor die Wand gefahren wurde.“ Er sagt aber auch: „Wir haben schon in der Ära Mainz und auch in den letzten Jahren immer wieder vergeblich eingefordert, dass in die Substanz und die Produkte des Unternehmens mehr investiert werden müsste.“

Boudih sagt, was auch viele Mitarbeiter am Ende der Firmenära sagen. Das Unternehmen hätte eine Zukunft gehabt mit einem schlüssigen Konzept und entsprechendem Marketing. „Schon im letzten Jahr kam wieder der Verdacht auf, dass die Reise nicht in die richtige Richtung geht.“

Für 2017 wies Kronenbrot einen Fehlbetrag von 7,37 Millionen Euro aus. Die Zukunft wurde in dem Geschäftsbericht damals noch sehr rosig beschrieben. Der – noch nicht veröffentlichte – Fehlbetrag für das letzte Jahr lag nach Informationen unserer Zeitung sogar bei 15 Millionen Euro.

Als der vorläufige Insolvenzverwalter Biner Bähr vor gut einem Monat den Schlussstrich zog, hielt er fest: „Kronenbrot ist seit vielen Jahren nicht mehr wettbewerbsfähig. Die Produktionsanlagen sind stark veraltet und halten den Anforderungen moderner Produktionsabläufe nicht mehr stand.“ Das war eine schallende Ohrfeige für das Management der letzten Jahre, also auch für die Brüder Mainz.

Die bedauern in einer Stellungnahme die Entwicklung in ihrem ehemaligen Betrieb. „Unsere Gedanken sind bei unseren ehemaligen Mitarbeitern“, schreibt Lothar Mainz. Der ehemalige Geschäftsführer erinnert an einen „detaillierten Investitionsplan“, den die ehemaligen Besitzer bei der Übergabe an den Fonds zum 1. Februar 2017 übergeben hätten. „Dieser wurde nie umgesetzt.“ Kernpunkt sei die seit längerem notwendige Automatisierung der Verpackung in Würselen gewesen, um die Leistungsfähigkeit im Schnittbrotbereich zu erhöhen.

Kronenbrot sei bis 2012 sehr profitabel gewesen, 80 Prozent der Gewinne wieder reinvestiert worden“, sagt Mainz. „Die Eigentümer haben viel zu wenig investiert, um wettbewerbsfähig zu werden“, sagt dagegen Boudih über die Mainz-Ära bei Kronenbrot. „Dabei hatten sie gute Produkte und entsprechende Kunden.“

Ein Fazit der Brüder Mainz

Die Brüder Mainz begleiteten die Firma 2017 noch mehrere Monate, das neue Management wollte ihre Kontakte zum Lebensmittelhandel nutzen. In dieser Zeit, so Lothar Mainz, habe Kronenbrot noch Umsatzzuwächse erzielt und neue internationale Kundenbeziehungen aufgebaut.

„In die Auswahl neuer Manager und Berater wurden wir jedoch nicht eingebunden. Diesen fehlte das notwendige Branchen- und Produktwissen. Statt in Investitionen wurde in Beratungsleistungen investiert, die leider nicht zum Erfolg geführt haben“, lautet ihr Fazit. Dabei hätte die Firma mit zielgerichteten Investitionen „wieder wettbewerbsfähig werden können“, sagen sie.

Die Mainz-Brüder machten weiter bei der Kronenbrot-Tochter Oebel, die Filialkette vereinbarte ein Mindestabnahme von Kronenbrot-Ware im zweistelligen Millionen Euro-Volumen. Inzwischen ist auch Oebel in die Insolvenz abgerutscht. Infolgedessen ist Wolfgang Mainz als Präsident der IHK Aachen zurückgetreten.

Am letzten Tag der Fimengeschichte habe die Handelsgesellschaft Wefa, die das Kronenbrotgeschäft mit Großkunden wie Aldi koordinierte, eine Überweisung in sechsstelliger Höhe an die Brüder veranlasst, berichten übereinstimmend Mitarbeiter. Lothar Mainz schreibt dazu, dass die „Tantiemen-Zahlung“ noch aus der Zeit der Beratung, also 2017, resultierte. „Weitere Auszahlungen waren und sind nicht vereinbart worden“, teilt er mit.

Am Ende, so sieht es der Gewerkschafter Boudih, haben „alle ihre Schäfchen im Trockenen – bis auf die Mitarbeiter“. Für die sei es besonders bitter, dass ihr finanzieller Verzicht, erfolglos geblieben sei. „Ich würde sogar weitergehen“, sagt der NGG-Chef: „Die Anstrengungen der Belegschaft und der Interessenvertretung wurden vom Arbeitgeber – ob dieser nun Mainz oder Metze hieß – zum Beispiel durch das Ausbleiben von Investitionen und durch den Einsatz unfähiger Manager geradezu konterkariert.“ Nur Beschäftigte, Gewerkschaft und Betriebsräte hätten in den letzten Jahren versucht, dauerhaft die Arbeitsplätze zu sichern.

Im Abspann von Kronenbrot fordert er deswegen den Insolvenzverwalter auf, die Transaktionen der letzten Jahre eingehend zu prüfen und gegebenenfalls auch Gelder zurückzuholen. „Das ist er der Belegschaft schuldig.“

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