Aachen: Cybermobbing: „Ein Handy kann zur Waffe werden“

Aachen : Cybermobbing: „Ein Handy kann zur Waffe werden“

Jemanden im Internet beleidigen ist einfach und geht schnell — kann aber immense Auswirkungen auf das Opfer haben. Was tut man, wenn das eigene Kind zum Täter wird? Anti-Aggressivitäts-Trainerin Mona Oellers, die oft mit „schwierigen“ Kindern und ihren Eltern zusammenarbeitet, hat mit Rauke Xenia Bornefeld gesprochen und Tipps gegeben, wie sich Eltern verhalten sollten.

Gewalt an Schulen — wie schlimm schätzen Sie das Problem ein?

Anti-Aggressions-Trainerin Mona Oellers hilft Eltern, wenn die eigenen Kinder durch massive Gewalt auffallen,. Foto: Andreas Herrmann

Oellers: Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Der Begriff „Verrohung der Gesellschaft“ war für mich vor ein paar Jahren noch ein Kunstbegriff, jetzt begegnet er mir häufiger. Das betrifft nicht ausschließlich die Schule.

Zumindest die Jugendkriminalität hat zwischen 2007 und 2015 massiv abgenommen. Auch unter Gleichaltrigen ist Gewalt zunehmend verpönt.

Oellers: Dafür hat sie sich verlagert. Hassforen, Shitstorms — Gewalt findet mittlerweile zunehmend in sozialen Netzwerken im Internet statt, lange Zeit ignoriert von der Politik. Für das Empfinden des Menschen macht es keinen Unterschied, ob man psychischer oder körperlicher Gewalt ausgesetzt ist. Beides wirkt sich nachhaltig auf die Entwicklung aus.

Wenn Sie in den fünften oder sechsten Klassen fragen, wer schon mal Opfer von Beleidigung im Internet geworden ist, bekommen Sie eine erschreckend hohe Quote präsentiert. Besonders, weil diese Beleidigungen nicht persönlich vorgetragen werden, sondern unter einem Pseudonym geschehen, ist die Hemmschwelle noch geringer.

Glauben Sie, dass den Täter-Kindern klar ist, was sie tun?

Oellers: Nein. Übergriffe im Internet geschehen oft aus Langeweile. Da sitzen Kinder allein oder auch mit Freunden vor dem Rechner und wissen nicht, was sie tun sollen. Also wird jemand anonym beleidigt. Das verschafft den Täter-Kindern einen Unterhaltungswert und eine machtvolle, erhabene Position, denn das Opfer reagiert meistens. So entwickelt sich eine Eigendynamik. In den Fällen, in denen ich zur Begleitung dazu geholt wurde, hatte das Täter-Kind in den wenigsten Fällen den Wunsch, dem Opfer solchen Schaden zuzufügen.

Erschrecken sich die Täter-Kinder dann über sich selbst?

Oellers: Wenn man sie mit den Folgen konfrontiert, dann meist schon. Wenn ich ihnen den Chatverlauf vorspiele — möglichst im Beisein ihrer Eltern — ist ihnen das in der Regel sehr unangenehm. Eine Strafe für dieses Verhalten ist jedoch meines Erachtens nicht das richtige Mittel. Viel wichtiger ist es, dem Kind Empathie zu vermitteln. Und die Eltern sollen wissen, wie ihr Kind mit Messengerdiensten umgeht. Denn ein Handy kann dann zur Waffe ohne Waffenschein werden.

Wann wird eine Internetbeleidigung denn zum Cybermobbing?

Oellers: Zwischen Beleidigung und Cybermobbing gibt es einen wesentlichen Unterschied. Mobbing bedeutet, dass die Angriffe über einen längeren Zeitraum regelmäßig erfolgen und sich das Opfer aus eigener Kraft nicht aus der Situation befreien kann. Der Begriff Mobbing wird leider zu inflationär benutzt.

Was sollte man dem denn entgegensetzen? Ein striktes Verbot des Smartphones?

Oellers: Nein, Verbote machen eine Sache nur noch interessanter. Sensibilisierung ist das Stichwort. Dabei stehen besonders die Eltern in der Pflicht. Gebe ich einem Kind ein internetfähiges Handy, braucht es einen intensiven Austausch über den Umgang damit. Zudem sehe ich ein Grundschulkind noch nicht in der Lage, mit einem internetfähigen Handy umzugehen. Sie können entwicklungsbedingt die Gefahren noch nicht einschätzen.

In Workshops in vierten Klassen starte ich gerne folgenden Versuch: Wir machen ein Bild von der Klasse, auf dem niemand zu erkennen ist. Dieses Foto schicken wir um die Welt mit der Bitte, dass es fleißig geteilt werden möge. Nach einer Woche löschen wir das Bild auf dem eigenen Handy wieder, beobachten aber weiterhin, wo das Bild auftaucht. Dort können die Kinder erleben, dass das Bild nach drei Wochen in den USA oder in Asien geteilt wird. Wir verlieren den Einfluss — das ist für die Kinder sehr eindrücklich.

Wie sollten Opfer von Shitstorms und Cybermobbing — beispielsweise Lehrer — reagieren?

Oellers: Ich empfehle immer, nicht zu warten, dass es aufhört. Die Dynamik ist nicht zu beeinflussen — und es hört eben nicht auf. Lehrer müssen sich klar positionieren, zeigen, dass eine Grenze erreicht ist. Dafür brauchen sie auch die Unterstützung der Schulleitung und der Bezirksregierung. Gemeinsam sollte man die Inhalte ruhig über die Schulgrenze hinaus veröffentlichen, zusammen mit den anonymen Absendern. Manchmal wissen die Schüler untereinander ja sehr wohl, wer sich dahinter verbirgt. Derzeit erscheinen mir Hassposts eine gesellschaftlich tolerierte Form zu sein, um Druck ablassen zu können. Und das in allen Schichten und in allen gesellschaftlichen Bereichen. Das ist aber die feigste Form, anderen Menschen Schaden zuzufügen. Dieses Verständnis kann man mit Veröffentlichungen stärken.

Was können Eltern denn tun, wenn das eigene Kind durch Gewalt auffällt?

Oellers: Wichtig ist, dass Eltern das nicht als gegeben und unabänderlich ansehen. Sie müssen sich auf Spurensuche begeben. Dabei geht es nicht um die Schuldfrage. Die Klärung der Schuldfrage bringt wenig. Nichts ändert sich dadurch.

Worum geht es dann?

Oellers: Es geht um Achtsamkeit und darum, sinnvolle Regeln aufzustellen und konsequent mit Verstößen umzugehen. Besonders dann, wenn andere Personen betroffen sind oder sich das Kind selbst Schaden zufügt. Viele Eltern sind von Arbeit und Familie müde und erschöpft. Ihre Kinder in angemessener Weise am Haushalt zu beteiligen — das empfehle ich übrigens sehr — empfinden sie oft nicht als Entlastung, sondern als weitere Anstrengung. Denn natürlich versuchen sich die Kinder und Jugendlichen ihren Aufgaben zu entziehen. Lass ich das regelmäßig durchgehen, weil ich den Konflikt scheue, habe ich keinen konstruktiven Umgang mit Regelverstößen entwickelt. Das Kind weiß, dass es damit durchkommt. Irgendwann sitzen die Eltern verzweifelt bei mir und sagen: Ich habe keinen Zugang mehr zu meinem Kind.

Was empfehlen Sie?

Oellers: Setzten Sie einen sofortigen Stop bei einem Regelverstoß. Unmissverständlich. Meine Empfehlung an Eltern, aber auch an Lehrer und andere Pädagogen: Nehmen Sie sich die Zeit, sich eine sinnvolle Konsequenz zu überlegen. Dann kommt man auch aus der eigenen Wut- und Stresszone heraus und kann wieder ein konstruktives Gespräch führen. Es geht nicht um Schuld, sondern um eine sinnvolle Lösung.

Sehen Sie das Kind als Spiegelbild der Erwachsenen?

Oellers: Das Sprichwort „Wie ich in den Wald hineinrufe, so schallt es heraus“ ist sehr wahr. Deshalb müssen sich Erwachsene selbst beobachten. Gucke ich auf mein Handy, während mir mein Kind etwas erzählen möchte? Welche Werte möchte ich meinem Kind vermitteln? Eltern sollten ihren Kindern zeigen, dass andere Menschen nicht besser oder schlechter sind, weil sie anders sind.