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Coronavirus in Fleischfabrik Coesfeld: Unterkünfte im Fokus

Folgen für Betrieb, Branche und Region : Nach Corona-Ausbruch in Fleischwerk Unterkünfte im Fokus

Der Kreis Coesfeld muss auf die lang ersehnten weiteren Erleichterungen in der Corona-Krise vorerst verzichten. Grund ist der Corona-Ausbruch in einem Fleischbetrieb. Viele Mitarbeiter wohnen verstreut in Sammelunterkünften. Diese müssen erst einmal ermittelt werden.

Nach dem Corona-Ausbruch in einem Fleischbetrieb in Coesfeld nehmen die Behörden die Hygienezustände der Sammelunterkünfte der Beschäftigten ins Visier. Mehrere Teams des Kreisgesundheitsamtes schwärmten am Samstag aus, um die Beschäftigten des Schlacht- und Zerlegebetriebes in ihren Unterkünften zu testen. Die Zahl der positiv getesteten Mitarbeiter stieg bis Samstag auf mehr als 180, wie der Sprecher des Kreises Coesfeld, Christoph Hüsing, mitteilte. Bei mehr als 900 der 1200 Beschäftigten waren bis Samstagmittag Abstriche gemacht worden. Gewerkschaften forderten schärfere Kontrollen und grundlegend bessere Arbeitsbedingungen in Fleischbetrieben.

Die Arbeiter, von denen viele aus osteuropäischen Ländern kämen, wohnten verstreut in zahlreichen Unterkünften, etwa in Coesfeld oder Rosendahl, sagte Hüsing. Die Adressen und Standorte würden noch gesammelt. Die Corona-Fälle in dem Betrieb machen den weitaus größten Teil der Infektionen in dem Kreis im Münsterland aus.

Der betroffene Betrieb der Firma Westfleisch wurde nach Angaben des Kreises bis einschließlich 17. Mai geschlossen. Restliches Fleisch dürfe noch abtransportiert werden. Der Betrieb dürfe bis Sonntag noch Abfälle entsorgen.

Das Unternehmen zeigte sich betroffen über die Entwicklung in den vergangenen Tagen, teilte ein Sprecher am Samstag mit. Man stehe mit den rund 5400 Beschäftigten und den Landwirten im engen Austausch. Westfleisch arbeite „unter Hochdruck“ an Lösungen für die Landwirte. Unter Berufung auf Angaben des Westfälisch-Lippischen-Landwirtschaftsverbandes (WLV) teilte das Unternehmen mit, dass rund 1000 Schweinemäster aus Westfalen-Lippe den Westfleisch-Standort Coesfeld beliefern.

Viele der von Montag an landesweit geplanten Lockerungen der Corona-Auflagen etwa für Gaststätten und Geschäfte waren im Kreis Coesfeld infolge der hohen Infektionszahlen um eine Woche verschoben worden. Außerdem sollen die bis zu 20 000 Mitarbeiter aller Schlachtbetriebe in Nordrhein-Westfalen auf das Coronavirus getestet werden.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) rechtfertigte den Stopp der Auflagenlockerungen in dem Kreis im Münsterland. „Wenn man öffnet, muss man da, wo Gefahr ist, konsequent handeln“, sagte Laschet am Samstag in Bochum. „Der Schutz der Bevölkerung steht vor allem.“ Die Entscheidung sei in enger Abstimmung der Landesregierung mit dem Coesfelder Landrat Christian Schulze Pellengah getroffen und auch dem Robert Koch-Institut (RKI) mitgeteilt worden. Schulze Pellengah zeigte sich „sehr zuversichtlich, dass wir bald Klarheit haben und perspektivisch weitere Lockerungen andenken können“.

Im Kreis Coesfeld hatte die Zahl der Neuinfizierten den Grenzwert von 50 je 100.000 Einwohnern binnen einer Woche deutlich überschritten. Ab dieser Obergrenze sind nach einer Vereinbarung von Bund und Ländern wieder strikte Beschränkungen zur Eindämmung der Pandemie vorgesehen. Laut einer Übersicht des Robert Koch-Instituts vom Samstag lag die wichtige Kennziffer in Coesfeld bei 76 pro 100.000 Einwohnern und Woche (Stand 9.5. 0 Uhr). Allerdings weist das RKI darauf hin, dass es unter anderem durch einen Verzug bei Datenübermittlungen zu Diskrepanzen zwischen seinen Angaben und den tatsächlichen lokalen Zahlen kommen kann.

Die Zahl der akut Corona-Infizierten im Kreis Coesfeld lag nach einer Übersicht des Landeszentrums Gesundheit (LZG) von Samstag bei gut 210. Den größten Teil davon machten die Infektionen bei Westfleisch aus. Dabei muss beachtet werden, dass die laufend aktualisierten Testergebnisse des Kreises für den betroffenen Fleischbetrieb noch nicht alle komplett in die Statistik eingeflossen sein könnten. Außer Coesfeld lagen alle anderen Kreise und kreisfreien Städte in NRW deutlich unter dem Grenzwert von 50 Neuinfektionen. Auch in einem Schwesterbetrieb in Oer-Erkenschwick im Kreis Recklinghausen waren zahlreiche Infektionen bei insgesamt 1250 Mitarbeitern festgestellt worden.

Unterdessen kam eine Debatte über die Arbeits-und Gesundheitsbedingungen in Schlachthöfen auf. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel sagte: „In Schlachthöfen muss deutlich mehr unternommen werden, um die Risiken für Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten zu reduzieren.“ Die Branche falle seit Jahren immer wieder mit miserablen Arbeitsbedingungen auf.

Der Vize-Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Freddy Adjan, sagte: „Diese Krise macht deutlich, wie überfällig es ist, auf Stopp zu drücken und den ruinösen Preiskampf beim Fleisch zu beenden.“ Über Werkverträge mit oft dubiosen Subunternehmen beschäftigte Mitarbeiter würden seit Jahren rücksichtslos ausgenutzt.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) rief die zuständigen Länder zum Durchgreifen und zu Kontrollen der Arbeitsschutzregeln auf. Dies betreffe Unterkünfte, den Transport der Beschäftigten und auch die Sicherheit am Arbeitsplatz, sagte er am Freitagabend in der ARD. In einem Schreiben an seine Länder-Kollegen verwies Heil auf zunehmende Berichte über „unhaltbare Zustände beim betrieblichen Infektionsschutz“ besonders bei Saisonkräften in der Landwirtschaft oder in der fleischverarbeitenden Industrie.

Mit Blick auf das Coronavirus erklärte das Friedrich-Löffler-Institut (FLI) auf Anfrage, es gebe weltweit keine Hinweise darauf, dass in Deutschland verwendete Nutztiere als Überträger fungieren. Laut Untersuchungen des FLI können sich Schweine und Hühner nicht damit infizieren. Zu Rindern sind Tests geplant. Auch hier gibt es bislang keine Hinweise, dass sich die Tiere mit dem Erreger anstecken können.

(dpa)