Christoph Driessen über die Geschichte Belgiens

Geschichte Belgiens : Journalist Christoph Driessen über die Facetten unseres Nachbarlandes

Belgien hat viele Gesichter – und trägt mindestens genauso viele Klischees mit sich herum. Der Journalist und Historiker Christoph Driessen hat die Geschichte einer scheinbar gespaltenen Nation in einem Buch aufgeschrieben - und abseits von Fritten, Regierungschaos und gefühltem Sanierungsstau jede Menge interessante Fakten und Anekdoten zusammengetragen, die besagte Klischees vergessen machen.

Im Gespräch mit unserem Redakteur Alexander Barth spricht er über Lieblingsorte, die Schatten der kolonialen Vergangenheit und die Bedeutung des Manneken Pis.

Herr Driessen, Sie und Belgien – wie hat das angefangen?

Christoph Driessen: Ich bin im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen, habe aber keinen deutschen, sondern einen niederländischen Pass. Deshalb habe ich mir Belgien sozusagen von Holland her erschlossen. Von Anfang an habe ich mich darüber gewundert, dass man immer sofort merkt, wenn man die Grenze überschritten hat, oft auf den Meter genau. Die Häuser wirken schlagartig ein wenig heruntergekommen und zusammengewürfelt, die Straßen werden schlechter, die Schilder sind ausgebleicht. Es wirkt, sagen wir, liebenswürdig unaufgeräumt.

Stimmt es, dass schon Julius Cäsar um die Stärke der Belgier wusste?

Driessen: Julius Cäsar hat die Belgier in seinem Werk „De bello Gallico“ als die tapfersten aller gallischen Stämme bezeichnet. Ich glaube nicht, dass die heutigen Belgier noch irgendetwas mit den damaligen Galliern zu tun haben, aber vielleicht kann man sagen, dass sie auch heute noch kämpfen können – denken wir an die letzte Fußball-WM.

Warum wird Belgien so oft unterschätzt?

Driessen: Große Länder interessieren sich meist nicht so für die kleinen. Ich habe sieben Jahre in England gelebt, da ist das noch viel ausgeprägter. Und Belgien ist natürlich auch ein Land, das nicht so eine klare Identität hat wie Holland, die Schweiz oder Österreich. Es ist schwer zu durchschauen.

Autor und Korrespondent: Christoph Driessen. Foto: Barbara Driessen

Brügge, Gent oder Antwerpen sind beliebte Touristenziele. Erklären Sie doch mal die Faszination von Industriestädten wie Lüttich, Namur oder Charleroi!

Driessen: Gerade Lüttich ist eine sehr spannende Stadt, die sich in ihrer langen Geschichte immer wieder neu erfunden hat. Im Mittelalter war es Sitz der mächtigen Fürstbischöfe, die völlig unabhängig waren. Ihr gewaltiges Palais steht ja noch, wohingegen die Kathedrale zur Zeit der Französischen Revolution abgerissen wurde. Das muss genauso gewesen sein, als wenn die Aachener ihren Dom in die Luft gesprengt hätten. Im 19. Jahrhundert war Lüttich die erste industrialisierte Stadt auf dem europäischen Kontinent, also wieder etwas ganz Besonderes. Und jetzt, nach einer längeren Phase des Niedergangs, ist es plötzlich wieder ein ganz überraschender neuer Ort voller Kreativität und mit lauter hippen Läden und Cafés und diesem genialen schwebenden Bahnhof. Sicher, das gilt für andere wallonische Städte nicht im gleicher Weise, aber überall bekommt man zumindest so gute Croissants wie in Frankreich.

Selbst im Aachener Grenzland hat Lüttich bis heute mitunter den Ruf eines Schmuddelkindes.

Driessen: Ist das wirklich so? Das wusste ich nicht. Also, ich finde sie überhaupt nicht mehr schmuddelig. Ich vermute einfach mal, es gibt Leute, die vor 20 Jahren mal da waren, als noch der Ruß des Industriezeitalters auf den Fassaden lag. Und die haben das dann abgehakt. Ich würde wirklich raten, Lüttich eine zweite Chance zu geben. Es ist ja sowieso absolut einzigartig, dass man von Aachen aus für einen Nachmittag in ganz unterschiedliche Sprach- und Kulturräume eintauchen kann. Man kann sich spontan entscheiden, ob man jetzt in die Boulangerie nach Lüttich will oder zum Koffie-Trinken nach Maastricht. Das gibt es so nicht noch einmal.

Belgiens Geschichte beginnt in ihrem Buch lange vor der Staatsgründung 1830. Was ist denn vorher so passiert?

Driessen: Sehr viel! In Brügge wurde zum Beispiel im Mittelalter die Börse erfunden, Gent war größer als London. Belgien war das Kernland des märchenhaften Herzogtums Burgund mit Gestalten wie dem Liebespaar Maximilian von Österreich und Maria vor Burgund oder dem Künstler Jan van Eyck, der Bilder malte wie hochauflösende Fotografien. Und immer wieder spielten sich bizarre Dinge ab wie ein Schneeskulpturen-Festival in der Innenstadt von Brüssel – im Jahr 1511. Oder dann gab es in Antwerpen eine Dichterin namens Anna Bijns, die den Frauen schon zur Zeit von Luther den Rat gegeben hat: Bewahrt euch besser eure Unabhängigkeit und heiratet nicht! Und wenn doch, dann wirklich nur aus Liebe und erst nach reiflicher Prüfung!

Und wer war der „belgische Asterix“, von dem Sie schreiben?

Driessen: Der hieß Ambiorix und soll die Römer zu Zeiten von Julius Cäsar in eine Falle gelockt haben. Die Belgier sahen ihn später als typisch belgischen Helden, weil er tapfer gegen einen übermächtigen ausländischen Besatzer kämpfte, so wie es die Belgier nach einer früher gängigen Sichtweise über Jahrtausende getan haben. Das ist allerdings größtenteils ein Mythos.

Sie sparen die Tiefpunkte nicht aus, etwa die Kolonialzeit. Wie wird diese dunkle Ära heute im Land wahrgenommen?

Driessen: Das ist sehr lange ein Tabuthema gewesen, erst in den letzten Jahren ändert sich das langsam. Jetzt im Dezember eröffnet nach jahrelanger Restaurierung und Umgestaltung das große Afrikamuseum in Tervuren bei Brüssel wieder. Da bin ich gespannt, inwieweit da die grausame Ausbeutung Zentralafrikas um 1900 unter König Leopold II.oder die Verstrickung der belgischen Regierung in die Ermordung des kongolesischen Politikers Patrice Lumumba thematisiert werden.

Der Nachbar Deutschland hat eine alles andere als ruhmreiche Rolle gespielt. Wie fühlen Sie sich als Deutscher in Belgien?

Driessen: Ich fühle mich rundum wohl, bewege mich völlig unbefangen. Und das ist natürlich nicht selbstverständlich. Ich erinnere mich noch sehr gut an antideutsche Ressentiments in den Niederlanden in den 80er und 90er Jahren. Das hat es in Belgien in diesem Maße so nicht gegeben – obwohl das Land ja sogar zweimal von den Deutschen besetzt war, im Ersten und im Zweiten Weltkrieg. Die wenigsten wissen, wie sehr Belgien auch im Ersten Weltkrieg unter den Deutschen gelitten hat, das reichte von Verbrechen an der Zivilbevölkerung in den ersten Kriegswochen bis hin zur kompletten Ausplünderung des Landes. Und dann wiederholte sich alles in noch viel schlimmerem Maße von 1940 bis 1944. Dennoch war Belgien sofort nach dem Krieg wieder einer der wichtigsten Fürsprecher Deutschlands.

Taugt das berühmte Manneken Pis heute noch als Symbol für Grundeinstellung?

Driessen: Auf jeden Fall. Es steht für Meinungsfreiheit, Widerstandsgeist und eine gewisse anarchische Grundhaltung. Belgier nehmen es mit Vorschriften oft nicht so genau, sie haben eine relaxtere Haltung zum Staat als die Deutschen. Und dafür steht dieses selbstbewusste Männlein, das sich nicht so viel darum schert, was die anderen denken.

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