Aachen: Chef der teuersten Universität im Oman

Aachen: Chef der teuersten Universität im Oman

Wir treffen Burkhard Rauhut in Aachen an einem dieser sommerlichen, aber kühlen Regentage. „Da möchte man gleich wieder runter”, sagt Rauhut. „Runter” ist Oman, das Sultanat im Osten Nordafrikas am Indischen Ozean, in dem der vormalige Rektor der RWTH seit knapp einem Jahr die GUTech, die German University of Technology leitet.

Im Sommer bei 50 Grad und mehr, bei bis zu 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Regen fällt an fünf Tagen im Jahr. „Die Temperatur ist gewöhnungsbedürftig, aber man kommt ja von einem klimatisierten Raum in den nächsten.”

Burkhard Rauhut wie man ihn kennt. Augenscheinlich in Topform, blendend gelaunt und alle Umstände im Griff, verbraucht Rauhut, der heute 67 wird, gerade mal einen Satz für die klimatischen Verhältnisse, die andere schon beim Gedanken daran lange stöhnen lassen. Eine soziale Erfahrung beschäftigt den Heimaturlauber weit mehr: „Wir glaubten, eine ganze Menge zu kennen über Oman. Doch das Leben ist anders als wir es uns vorgestellt hatten. Es ist eine Parallelgesellschaft von Männern und Frauen”, die öffentlich kaum zusammenkommen. Auf Hochzeiten feiern die männlichen und die weiblichen Gäste getrennt. Und in seiner Universität muss er streng darauf achten, dass keine Studentin mit einem Studenten allein in einem Raum bleibt, „das führt schon zu Mutmaßungen in konservativen Kreisen”.

Oman, im Osten von Saudi-Arabien und gegenüber der iranischen Küste gelegen, ist ein Land, in dem der Sultan immer noch absolut herrscht, Parlamente und Minister nur beratende Funktion haben und politische Parteien nicht zugelassen sind. Sultan Quabus Ibn Said, dennoch relativ liberal, hatte 1970 die Sklaverei abgeschafft. Und die Erziehungsministerin hat jetzt den Gesichtsschleier für Frauen verboten.

Nach Ende seiner Dienstzeit als Mathematik-Professor an der RWTH und fast neun Jahren als Rektor, hatte Rauhut zum 1. August vergangenen Jahres seinen Job als Gründungsrektor der GUTech angetreten. Die RWTH kreiert die Studiengänge dieser Technischen Universität, hilft beim Aufbau mit Lehrpersonal und sichert die Qualität der Lehre. Finanziert wird sie aus privaten Mitteln des Religionsministers, eines Scheichs, und aus Studiengebühren. Über mehrere Jahre vorbereitet wurde das Unternehmen vom Städtebauhistoriker der RWTH, Michael Jansen, der den Scheich für die Aachener Exzellenz-Uni interessierte.

Mit vier jeweils achtsemestrigen Bachelor-Kursen ist man im vergangenen Oktober gestartet: Architektur, Touristik, Geowissenschaften und Informatik. Im kommenden Jahr sollen drei Ingenieurs-Studiengänge hinzukommen. Rund 140 Studierende, zu 75 Prozent Frauen, müssen derzeit noch dem knappen Studierplatz in zwei Villen am Strand von Maskat vorlieb nehmen, der engen Hauptstadt in einem schmalen, bewässerten Küstenstreifen im Norden Omans am gleichnamigen Golf. Bis etwa Mitte des nächsten Jahrzehnts soll ein Campus entstehen, der am Ende 10.000 Studenten aufnehmen kann. Eine damit beauftragte deutsche Baufirma hat sich schon dort angesiedelt.

Das Sultanat strebt nach Bildung. Öl und Erdgas, die viele Omani reich gemacht haben (Rauhut: „Ich habe noch nie so viel Porsches gesehen”), sind endlich. Das ist Sultan Quabus Ibn Said seit einiger Zeit klar. Heute ist das Land, das fast so groß ist wie Deutschland aber nur gut drei Millionen Einwohner hat - davon fast ein Viertel ausländische Experten - zu 87 Prozent alphabetisiert. Es hat eine staatliche und 27 private Universitäten, „die meisten von geringem Niveau”, sagt Rauhut.

Für Niveau muss aber auch der GUTech-Rektor sorgen. „Das ist ein Experiment für die RWTH. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht mit unserer Hochschul-Reputation Schaden leiden, wenn die Qualität nicht gehalten werden kann”, hatte Rauhut vor seinem subtropischen Abenteuer gesagt. Nach den Eingangstests landen mehr als 80 Prozent der Studierenden, die zwischen 4000 und 9500 Euro Gebühren pro Jahr zahlen müssen („wir sind die teuerste Uni in Oman”), zunächst in einem „Foundation Year”, in dem ihre Schulkenntnisse auf Studierniveau angehoben werden.

Dass an seiner Heimatuni nicht jeder Kollege davon überzeugt ist, dass sich das Experiment für die RWTH lohnt (Motto: „nützt nicht viel, schadet aber auch nichts”), stört Rauhut nicht, wie er sagt: „Wir müssen international was tun.” Die omanischen Medien hätten jedenfalls ein enormes Interesse. Gezählte 172 Mal war die GUTech im ersten Jahr in einem der zahlreichen englisch- oder arabischsprachigen Blätter erwähnt.

Es gefällt ihm und seiner Frau Judith, die halbtags mitarbeitet, ganz offensichtlich. Rauhut selbst sitzt „von sieben bis sieben am Schreibtisch”. Die meiste Arbeit mache noch das Hin- und Herübersetzen zwischen Arabisch, Englisch und Deutsch. Und dass die Ämter in Oman „noch bürokratischer sind als sie in Deutschland mal waren”. Gewöhnungsbedürftiger als das Wetter scheint ihm die „arabische Sitte” zu sein, Einladungen höchstens einen Tag vor dem Termin, wenn nicht gar am gleichen Tag, zu schicken. „Das ist Inch´Allah. Gott könnte ja anders entscheiden, was soll man sich also früh festlegen...”.

Donnerstag und Freitag frei

Noch etwas ist anders: Das Wochenende liegt in dem zu fast hundert Prozent islamischen Land auf Donnerstag und Freitag. Da können die Rauhuts klassische europäische Musik mit einem eigens vom Tourismusminister dafür gegründeten Orchester hören, oder seinem Lieblingssport frönen: auf einem gerade fertiggestellten grünen Neun-Loch-Golfplatz.

Seinen Zweijahres-Vertrag wird der GUTech-Chef um „mindestens ein Jahr verlängern”. So eine Chance, sagte er schon beim Abschied von der RWTH, „bekommt man nur ein Mal im Leben, wenn überhaupt”. Burkhard Rauhut scheint sie rundum zu genießen.

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