Aachen: Carsharing: Mobilität der Zukunft. Auch in Aachen.

Aachen : Carsharing: Mobilität der Zukunft. Auch in Aachen.

Die Sonne kämpft gegen die Wolken an. Markus Jacobs kettet sein Fahrrad an einen Laternenmast. „Bisher habe ich kleinere Einkäufe immer mit dem Rad erledigt“, sagt er und das Fahrradschloss verschließt er hörbar klickend. „Doch manchmal braucht man ein Auto, um alles zu erledigen.“ Er prüft noch einmal den Verschluss, dann wendet er sich den parkenden Autos zu.

„Einen eigenen Wagen möchte ich mir als Student nicht leisten, er würde eh nur allzu oft stehen und Parkplätze sind selten zu finden und teuer.“ Markus setzt seine Sonnenbrille ab und steckt sie sich an den Kragen. Der 24-Jährige wirft einen Blick auf die Uhr. „Genau 9.30 Uhr“, sagt er zufrieden lächelnd und zückt eine kleine Plastikkarte aus seinem Portemonnaie. Sein Blick schweift zu einem weißen Smart mit leuchtend orangenem Logo der Firma Cambio.

Elektroautos sind angesichts der aktuellen Diskussionen über die Umweltbelastungen der Innenstädte eine moderne, aber noch teure Alternative. Beim Cambio werden sie bereits eingesetzt. Foto: CMD

In den 90er Jahren starteten engagierte Menschen in Aachen, Bremen und Köln die gemeinsame Nutzung von Fahrzeugen. Heute ist Cambio mit 65.000 Kunden und einer Flotte von mehr als 1750 Fahrzeugen in 19 deutschen und 29 belgischen Städten einer der größten Carsharing-Anbieter.

Die kleine Plastikkarte hält Markus kurz an die Windschutzscheibe des Elektro-Autos. „Drei, zwei, eins, meins!“, scherzt der Student, während die Daten des RFID-Chips seiner Cambio-Card ausgelesen werden und sich das Fahrzeug mit einem Klacken der Zen-tralverriegelung öffnet. Ein kurzer Griff und die Tür ist offen. Aus dem Handschuhfach holt er dann ein nach einem alten Taschenrechner aussehenden Bordcomputer, an dessen unterem Ende der Autoschlüssel eingesteckt ist. „Bitte PIN eingeben“ steht auf dem Display des Bordcomputers. Markus tippt die vier Zahlen ein und entnimmt den Autoschlüssel. Er legt den Bordcomputer zurück ins Handschuhfach und steigt wieder aus dem Auto aus.

Carsharing-Anbieter wie Cambio finden in Deutschland immer mehr Nutzer. Das zeigt eine Studie des Bundesverbandes Carsharing(bcs). Im vergangenen Jahr ist deren Anzahl auf 1,04 Millionen gestiegen. Das entspricht einem Anstieg von 37 Prozent. Dies bestätigt uns auch Gisela Warmke, Geschäftsführerin bei Cambio. „Wir haben zweistellige Wachstumszahlen. Im letzten Jahr lagen diese bei etwa 19 Prozent.“

Nachdem Markus das Ladekabel des Smarts im kleinen Kofferraum des Fahrzeugs verstaut hat, geht er einmal um das Auto herum. „Ich suche kleine traurige Smileys“, sagt er. „Bei der Schadenkontrolle muss ich gründlich sein. Bekannte Katschen am Fahrzeug sind mit einem kleinen traurigen Smiley-Aufkleber gekennzeichnet. Zumindest bei Cambio in Aachen.“

Sollte der junge Student einen Makel am Fahrzeug entdecken, der noch nicht bekannt ist, muss er diesen telefonisch bei Cambio melden. Dies geht über die Freisprechanlage des Bordcomputers oder per Handy. „Alles gut, wir können starten“, sagt Markus zufrieden und setzt sich auf den Fahrersitz.

In den letzten Jahren verzichten gerade junge Leute immer häufiger auf ein eigenes Auto. Carsharing ist nicht mehr nur ein Nischenprodukt, sondern wird nun von einer breiten Masse genutzt. Gisela Warmke ist sicher: „Das ist ein Trend, der sich offensichtlich fortsetzt. In den letzten zwei bis drei Jahren ist Carsharing gerade bei jungen Leuten immer beliebter geworden.“

Leise surrend rollte der Smart vom Parkplatz. „Gestern Abend habe ich mir den Smart per App auf meinem Laptop gebucht und jetzt ist er für die nächsten drei Stunden mein Auto. Gerade in der Stadt ist so ein kleiner Elektro-Flitzer von Vorteil“, erklärt Markus. Er biegt in die Eupener Straße ein. Rechts und links der Straße steht ein parkendes Auto neben dem nächsten. Der 24-Jährige deutet mit der Hand auf die parkenden Autos. „Die ganzen Autos, die hier stehen, kosten, obwohl sie nicht genutzt werden, Steuern und Versicherung. Ich zahle nur, wenn ich ein Auto brauche“, sagt der Student.

Nicht nur Probleme wie die Parkraumnot und steigende Benzinpreise sind Ursache dafür, dass der Verzicht auf ein eigenes Auto zum Trend wird. Der Besitz eines eigenen Autos erscheint, insbesondere in Großstädten, immer weniger erstrebenswert. Mobilität ist nicht mehr zwangsläufig mit dem Besitz eines eigenen Autos verbunden. Carsharing bietet hier eine Alternative, auch weiterhin mobil zu sein.

Auf dem Parkplatz eines Supermarktes hält Markus. Er holt sich einen Einkaufswagen und betritt den Markt. „In Aachen ist das mit stationsgebundenem Carsharing und den öffentlichen Verkehrsmitteln kein Problem. Meine Schwester wohnt in ländlicherer Gegend. Dort gibt es keine Angebote wie die von Cambio“, berichtet der junge Student.

Der Anbieter Tamyca hat ein Geschäftsmodell entwickelt, bei dem Nutzer die Möglichkeit haben, günstig Autos von Privatpersonen zu mieten oder ihren eigenen PKW zu vermieten. Was gerade in ländlichen Gegenden einen Vorteil gegenüber den stationären Carsharing-Modellen bietet, da diese bisweilen nur in Städten ein flächendeckendes Angebot haben. Michael Minis, CEO von Tamyca: „Die klassische Autovermietung, wie sie zum Beispiel an Flughäfen oder in großen Städten zu finden ist, ist vergleichsweise teuer und in der Regel in ländlichen Regionen nicht verfügbar. Private Fahrzeuge hingegen sind günstig und direkt um die Ecke, etwa beim Nachbarn, verfügbar. Darüber hinaus wird ein großes Spektrum von verschiedenen Wagenmodellen geboten, ein Kleinwagen für den Stadtbummel oder ein Transporter für den Umzug. Aber auch für eine Erlebnistour werden Sie vom Oldtimer bis zum Ferrari bei Tamyca fündig.“

Mit dem Einkaufswagen nähert sich Markus dem gemieteten Fahrzeug. Er schiebt den Beifahrersitz nach vorne und lädt einen Kasten Wasser in den Kofferraum. „Ein weiterer Vorteil für mich ist natürlich, dass ich Fahrzeuge in verschiedenen Größen mieten kann. Für den Einkauf eines Studenten reicht der Smart“, scherzt er und platziert den Rest seines Einkaufs in einer Baumwolltasche und legt sie auf den Kasten. Er schließt den Kofferraum. „Und ich brauche nicht so lange nach einem Parkplatz vor meiner Haustüre suchen, denn Platz für den kleinen Elektro-Flitzer findet sich immer. Zumindest um die Einkäufe schnell in die Wohnung zu bringen.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich schon in einem Interview 2011 optimistisch: Sie strebt eine Million Elektrofahrzeuge bis zum Jahr 2020 auf deutschen Straßen an. Laut Kraftfahrtbundesamt waren zu Jahresbeginn jedoch nur knapp 19 000 von 64 Millionen Fahrzeugen mit einem reinen Elektroantrieb auf deutschen Straßen vertreten. Zurzeit sind für viele Autofahrer der hohe Kaufpreis, die niedrige Reichweite der Fahrzeuge und die fehlende Ladeinfrastruktur klare Gründe gegen eine Kaufentscheidung. Diese Argumente sind für das Carsharing in Aachen kein Problem. Anbieter wie Cambio haben flächendeckend Ladestationen in der ganzen Stadt!

Langsam nähert sich der junge Student dem Haus, in dem er wohnt. „Immer wachsam sein, ist die Devise“, sagt er lächelnd. „Ah, da hab ich doch schon eine kleine Lücke gesehen.“ Schnell hat Markus den wendigen Smart zwischen zwei Autos bugsiert. Selbst für das kleine Fahrzeug ist die Lücke schon etwas beengend. Aber zum Ausladen der Einkäufe reicht es allemal.

Eine große Limousine fährt bereits zum dritten Mal in Schrittgeschwindigkeit vorbei. Der Fahrer der Limousine reckt seinen Kopf angestrengt auf der Suche nach einem freien Parkplatz. „Diesmal musste ich einen etwas weiteren Weg zurücklegen, um mir ein Auto zu leihen“, berichtet der 24-jährige Student. „In Aachen verteilt gibt es Cambio-Stationen, jedoch war ein Smart heute nur am Bahnhof zu bekommen. Aber ich glaube, er muss noch weiter von seinem Ziel entfernt parken.“

Er zeigt auf die Limousine, die nun zum vierten Mal vorbeifährt. Auch Stephan Kirschbaum vom Aachener Betreuungsbüro Kirschbaum & Manz GbR, der Carsharing nicht nur privat, sondern auch beruflich nutzt, sieht die Vorteile. „Der Fuhrpark ist nicht an einer zentralen Stelle, sondern über die ganze Stadt verteilt, so dass die Mitarbeiter, je nachdem, wo sie wohnen, direkt vom Wohnort aus das Carsharing nutzen können.“

Prof. Dr. Thomas Ritz bringt es auf den Punkt: „Mobilität wird man nicht mehr besitzen, sondern sie wird aus Dienstleistungen zusammengestellt.“ Ritz ist Co-Autor des Buches „Urbanes eCarSharing in einer vernetzten Gesellschaft“. Stellvertretend spricht er für den Trend des veränderten Mobilitätsverhaltens: Autos nutzen statt besitzen.

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