Lügde und der Campingplatz: Campingplatz-Betreiber ist froh, wenn die Ermittler fertig sind

Lügde und der Campingplatz : Campingplatz-Betreiber ist froh, wenn die Ermittler fertig sind

Immer an Ostern lockt in Lügde ein Jahrtausende alter Brauch Zehntausende an den Osterberg. Von oben rollen mit Stroh umwickelte Holzräder brennend ins Tal. Der Osterräderlauf ist ein Touristen-Magnet, dafür war Lügde früher bekannt. Seit Ende Januar 2019 steht der Name Lügde für etwas anderes.

Die 6000 Bewohner wurden seitdem überrollt von einer Welle unfassbarer Nachrichten. Auf dem Campingplatz Eichwald sind hier wohl über mindestens zehn Jahre viele Kinder sexuell schwer missbraucht worden. Tausendfach. Vor rund vier Wochen gaben Polizei und Staatsanwaltschaft dies bekannt und berichteten von damals bekannten 23 Opfern im Alter zwischen 4 und 13 Jahren. Inzwischen gehen die Ermittler von 31 Opfern aus. Die Mädchen und Jungen stammen zum Großteil aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Aus dem Missbrauchsfall Lügde ist längst ein Polizei- und Behördenskandal geworden. Seit Mittwoch findet auf dem Campingplatz unter großem personellem Aufwand eine erneute Durchsuchung statt. „Wir tragen das jetzt Stück für Stück ab“ sagt eine Kriminaltechnikerin. Ohne die Unterstützung einer Hundertschaft sei das aber nicht zu schaffen, beschreibt sie die Mammutaufgabe.

Ihre Beschreibung hört sich an wie die Arbeit von Archäologen. Nachdem die Polizei Lippe den Tatort in einem ersten Schub bereits zahlreiche Datenträger sichergestellt hat, macht die jetzt ermittelnde Polizei aus Bielefeld jetzt Nägel mit Köpfen. Die heruntergekommene Parzelle des Hauptverdächtigen am Nordrand des Campingplatzes wird komplett leergeräumt. Der Innenbereich ist verwinkelt, unübersichtlich und vermüllt. Alles muss raus, registriert und gesichert werden - und das gerichtsfest.

Bereits der erste Tag wird von Polizei und Staatsanwaltschaft als Erfolg gewertet. So hat ein auf die Suche von Datenträgern spezialisierter Suchhund einen USB-Stick in einer Sofaritze gefunden. Ob strafrechtlich relevantes Material dabei ist, muss noch geklärt werden.

Nach dem massenhaften sexuellen Missbrauch auf einem Campingplatz bei Lüdge im Kreis Lippe hat die Polizei am Donnerstag den Platz erneut nach Hinweisen durchsucht. Foto: dpa/Guido Kirchner

Der heute 56-jährige Hauptverdächtige soll, so die Ermittler, seine Pflegetochter nicht nur auch missbraucht haben, nein, der Mann soll das Kind auch als Lockvogel für andere Kinder eingesetzt haben. Wie es sich jetzt darstellt, schuf der Dauercamper eine Wohlfühlatmosphäre, so dass viele Eltern ihre Kinder ohne Bedenken und Zögern zu ihm gehen ließen. Beteiligt war wohl ein weiterer Mann (33) aus Steinheim bei Höxter. Das Duo soll im Wechsel gefilmt und missbraucht haben. Ein dritter Tatverdächtiger (48) aus Stade in Niedersachsen sitzt ebenfalls in Untersuchungshaft. Er soll beim Missbrauch über eine Internetverbindung zugeschaut haben.

Lügde, der Ort mit seinem historischen Ortskern und Fachwerkhäusern, liegt im malerischen Weserbergland. Wer auf die Deutschlandkarte guckt, kann die Städte Paderborn, Bielefeld, Hannover, Göttingen und Kassel zu einem Fünfeck verbinden. Lügde am östlichen NRW-Rand liegt an der Grenze zu Niedersachsen dann fast in der Mitte.

Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs von Kindern, der lange Zeitraum und die Umstände machen an sich schon sprachlos. Geradezu fassungslos macht allerdings, was seit der ersten Pressekonferenz in Detmold noch alles bekannt wurde. Wie sehr die Behörden offensichtlich versagten.

Eine lange Reihe von Pannen zieht sich durch den Fall. Es gibt Vorwürfe gegen Mitarbeiter in Jugendämtern und gegen Polizeibeamte. Die Staatsanwaltschaft Detmold prüft, ob ein früheres Eingreifen, also nicht erst im Herbst 2018, möglich gewesen wäre. Erste Hinweise gab es bereits 2016. Aber vielleicht auch bereits noch viel früher - im Jahr 2002. Alles noch offen. Neben den Ermittlungen um den sexuellen Missbrauch von Kindern kümmern sich weitere Polizisten und Staatsanwälte um diese Vorwürfe. Zwei ranghohe Polizisten in Lippe mussten bereits ihre Posten räumen. In Niedersachsen wurde ein Jugendamtsmitarbeiter freigestellt, der Akten manipuliert haben soll.

Nach dem massenhaften sexuellen Missbrauch auf einem Campingplatz bei Lüdge im Kreis Lippe hat die Polizei am Donnerstag den Platz erneut nach Hinweisen durchsucht. Foto: dpa/Guido Kirchner

Doch auch in den laufenden Ermittlungen gab es eine unfassbare Panne. Es verschwanden Datenträger aus einem nicht gesicherten Raum bei der Polizei Lippe. Gesichtet haben soll sie ein Polizeischüler. Der Fall zieht Kreise bis nach Düsseldorf. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) macht die Aufklärung zu seinem Thema, beklagt Behördenversagen.

Der Betreiber des Campingplatzes, Frank Schäfsmeier, steht am Schlagbaum zur Einfahrt. Er ist froh, wenn die Ermittler fertig sind. „Es reicht jetzt, jetzt muss mal Ruhe einkehren“, sagt der 54-Jährige. Ständig seien in den vergangenen Wochen Fremde auf dem Platz herumgelaufen. „Das war schon mehr als grenzwertig“, beklagt der Betreiber. Er hätte den Zugang zum Platz verwehren können, auf sein Hausrecht pochen können. „Aber das wollte ich nicht, etwas verbergen bringt nichts.“

Er freut sich, dass bislang keiner seiner Dauercamper abgesprungen ist. Polizeisprecher Michael Kötter versteht Schäfsmeier: „Wir wollen jetzt fertig werden. Damit hier Ruhe einkehren kann, sobald das überhaupt möglich ist.“

Thorsten Stiffel leitet die Ermittlungen. Der Kriminalhauptkommissar wurde vor Jahren bereits durch ein einen anderen Kriminalfall bekannt. Er war auch Leiter der Mordkommission um die Verbrechen im „Horrorhaus“ von Höxter. Rund 30 Kilometer entfernt von dem Campingplatz wurden dort über Jahre Frauen misshandelt, zwei starben.

Nach dem massenhaften sexuellen Missbrauch auf einem Campingplatz bei Lüdge im Kreis Lippe hat die Polizei am Donnerstag den Platz erneut nach Hinweisen durchsucht. Foto: dpa/Guido Kirchner

„Das Besondere im Fall Lügde ist das große öffentliche Interesse an dem Fall an sich, aber auch an der Arbeit der Polizei“, sagt Stiffel. Die Öffentlichkeit sei bei diesem Fall wesentlich stärker auf jedes Detail polizeilicher Arbeit fokussiert, als bei anderen Fällen.

Oberstaatsanwalt Ralf Vetter aus Detmold macht sich vor Ort ein Bild von der erneuten Durchsuchung. Für ihn ist das Besondere am Fall, dass es selbst bis in die Politik Auswirkungen gebe. Von der Größe und der Anzahl der Ermittler sieht Vetter im Fall Lügde keine Besonderheit. Bei einer Mordermittlung habe er bereits mit mehr Kripobeamten und mit 15 Monaten auch über einen deutlich längeren Zeitraum ermittelt.

Kurz nach Bekanntwerden des Falles hatte Vetter angekündigt, dass im Juni ein Prozess zum Vorwurf des sexuellen Missbrauchs von Kindern beginnen könnte. „An dem Zeitplan halte ich fest. Die Anklage soll noch vor Mai stehen“, so Vetter zur Deutschen Presse-Agentur.

Die Polizei in Lippe nimmt er in einem Punkt in Schutz. „Meines Erachtens war am Beginn der Ermittlungen für die Polizei in Lippe nicht erkennbar, welchen Umfang das Verfahren annehmen und welcher Ermittlungsaufwand erforderlich werden würde“, sagte Vetter. Logische Folge: Die kleine Behörde war mit den Ermittlungen überfordert.

Nach dem massenhaften sexuellen Missbrauch auf einem Campingplatz bei Lüdge im Kreis Lippe hat die Polizei am Donnerstag den Platz erneut nach Hinweisen durchsucht. Foto: dpa/Guido Kirchner

„Die Vorwürfe gegen die Polizei lassen das Team nicht kalt und lassen sich auch nicht vollständig ausblenden. Auch im Kontakt mit Bürgern im Rahmen von Ermittlungen stoßen Ermittler momentan hin und wieder auf einen Generalverdacht gegen die Polizei“, sagt Stiffel. Das bewege alle Polizisten, die mit Professionalität und Engagement ihrer Arbeit nachgehen.

Die Auswirkungen auf die Politik, die Vetter meint, sind bis ins Innenministerium in Düsseldorf zu spüren, aber auch direkt vor Ort. Landrat Axel Lehmann (SPD) sieht sich mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Er ist seit 2015 im Amt und lehnt diesen Schritt ab. Die Hauptverantwortung für die handwerklichen Fehler bei seinen Ermittlern sieht er in der obersten Führungsebene der Polizei.

Wie gereizt die Stimmung im Kreishaus in Detmold ist, beweist eine öffentliche Entschuldigung Lehmanns. Er hatte einen Mitarbeiter angeschrien, weil er vermutet hatte, dass dieser die Ermittlungen blockiert. „Da habe ich Grenzen überschritten, da lag ich falsch“, sagte der Landrat im Rahmen einer Pressekonferenz.

Beim Blick auf die Kriminalitätsstatistik wird deutlich: Der Kreis Lippe ist der sicherste in ganz NRW. Das Problem: Wenn eine Region sicherer ist bekommt es vom Land auch weniger Personal. In Lippe sind das 1,1 Beamte auf 1000 Bewohner. „In NRW sind es sonst im Schnitt 1,3 Beamte. Diese Zahl würde für uns bedeuten, dass wir 70 Stellen mehr hätten“, sagt Lehmann. Er schränkt aber sofort ein, dass die Pannen auch mit mehr Personal passiert wären. „Das darf keine Ausrede sein.“ Und er schiebt hinterher, dass er sich bereits bei Reuls Vorgänger Ralf Jäger (SPD) mit zwei Briefen und bei Reul mit einem Brief über die zu dünne Personaldecke beschwert habe.

Campingplatzbetreiber Schäfsmeier glaubt das auch. „Als die Polizei Lippe hier zum ersten Mal durchsucht hat, wäre ihr Wunsch nach mehr Personal zur Unterstützung doch bestimmt abgelehnt worden.“

(dpa)
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