Burschenschaften: Eine Tradition, so harmlos wie gefährlich

Burschenschaften : Eine Tradition, so harmlos wie gefährlich

Uniformen, Traditionen, Rituale: Für Außenstehende haben Burschenschaften etwas Geheimnisvolles. Doch wer steckt dahinter? Hochnäsige Akademiker, Rechtsgesinnte oder nur harmlose Studenten? In Aachen gibt es rund 40 Studentenverbindungen. Zum Semesterstart beginnt für viele die „Fuchsenzeit“.

Ein Schlag von rechts, dann von links. Stumpfes Metall auf schwarzen Stoff. Nur aus der Schulter heraus, ohne den Einsatz des restlichen Körpers versetzt Mark Junker der Fechtpuppe mehrere Hiebe mit seinem Degen. Im Paukkeller trainiert er regelmäßig das Akademische Fechten. Es gehört zu den Traditionen vieler Studentenverbindungen. Auch bei der Burschenschaft Teutonia in Aachen.

„Wir fechten mit scharfer Klinge“, sagt der Vorsitzende Junker und deutet auf eine kleine Narbe oben links an seinem Kopf. Zum Schutz trägt er im Duell nur Handschuh, Armstulp, Helm, und die Paukklinge am Degen bedeckt seine Hand. „Das ist der besondere Nervenkitzel.“

Es wirkt befremdlich.

Wie so vieles an Studentenverbindungen: Ihre Uniformen, ihre Traditionen und Rituale — all das hat etwas Geheimnisvolles für Außenstehende. Wer steckt hinter diesen scheinbar verschlossenen Gruppen? Hochnäsige Akademiker, Rechtsgesinnte oder nur harmlose Studenten?

900 Verbindungen

In Aachen gibt es knapp 40 Studentenverbindungen, deutschlandweit sind es 900. Gerade für Studienanfänger können sie sehr attraktiv sein, weil sie günstigen Wohnraum und eine Art Lebensgemeinschaft bieten. Vor einem Beitritt sollte man sich aber auch gut darüber informieren, welche Konsequenzen und Verpflichtungen diese Angebote mit sich bringen — und für welche Werte die verschiedenen Verbindungstypen eintreten.

Katholische Verbindungen, Corps, Landsmannschaften, Burschenschaften — sie alle nennen sich zwar Studentenverbindung, doch es gibt große Unterschiede in ihren Sitten und Ausrichtungen: Das akademische Fechten zum Beispiel lehnen Katholische Verbindungen grundsätzlich ab, während Corps-Mitglieder in Aachen dazu verpflichtet sind, ins Duell zu gehen. Man bezeichnet solche Verbindungen auch als „schlagend“. Andere wiederum wählen eine Zwischenlösung. In der Burschenschaft Teutonia etwa muss jeder Student fechten. Allerdings steht es jedem frei, ob er nur mit stumpfer Klinge trainiert oder mit scharfer Klinge ins Duell geht. Blut kann dabei schon mal fließen, das zeigen auch Fotos an der Wand im Paukkeller der Teutonia.

Viele Politikwissenschaftler sind sich darin einig, dass es beim Fechten darum geht, seine Männlichkeit und seine Treue zur Verbindung unter Beweis zu stellen, indem man sozusagen seinen Kopf hinhält. Manch ein Verbindungsstudent präsentiert seine Verletzungen auch stolz in den Sozialen Medien.

Deutlich harmloser ist die Tradition des Farbentragens: Alle Bewohner im Haus der Teutonia tragen etwa ein schwarz-rot-goldenes Band über den Schultern – jede Verbindung hat ihre eigenen Farben. Zu großen Feiern, sogenannten Kneipen, ziehen die Studenten außerdem Mütze und Anzug an, ganz traditionell, wie schon vor rund 200 Jahren in den Anfängen der Verbindungen. Wenn sie das Haus verlassen, legen sie das alles aber ab – eigentlich. Zu besonderen Anlässen trägt Junker sein Band auch mal in der Universität: „Es ist so’n bisschen Statement“, sagt der 23-Jährige.

„Hinter Studentenverbindungen steckt das Prinzip der Elitenförderung“, erklärt Prof. Dr. Emanuel Richter, Politikwissenschaftler an der RWTH Aachen. „Es ist ein intergenerationelles Bündnis: Die Alten sorgen für die Jungen, die zügig ihr Studium absolvieren sollen.“ Die Verbindungen selbst bezeichnen es auch als Lebensbund, also die Mitgliedschaft über die Studienzeit hinaus bis zum Tod. Diesen Grundsatz haben alle Verbindungen gemein.

Deutlich konträrer sind ihre inhaltlichen Ausrichtungen. Bei katholischen Verbindungen gehört etwa das Bekenntnis zum katholischen Glauben zu den zentralen Prinzipien. Manch eine Verbindung setzt voll und ganz auf das Leben in der Gemeinschaft, andere sind sehr liberal und stellen kaum Anforderungen an ihre Mitglieder.

Burschenschaften wiederum fordern den Einsatz in der Politik von ihren Mitgliedern ganz klar ein. „Es ist unser Anspruch, politisch interessiert, gebildet und engagiert zu sein“, erklärt Christian Mohren, 2. Vorsitzender der Teutonia.

Daran sei auch zunächst nichts einzuwenden, sagt Politikwissenschaftler Richter. Problematisch werde es aber, wenn Ideologien verfolgt würden, die nicht mit der deutschen Verfassung zu vereinbaren sind.

Immer wieder geraten Burschenschaften in die Kritik, rechtsextremistisch zu sein. Einige Mitgliedsbünde des zweitgrößten Verbindungsverbandes, der Deutschen Burschenschaft, werden seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet. 2012 kam es zum bundesweiten Eklat, als Norbert Weidner in seinem damaligen Amt in der Deutschen Burschenschaft als Schriftführer bestätigt wurde. Nur wenige Wochen zuvor hatte er öffentlich den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer „Landesverräter” genannt und dessen Hinrichtung durch die Nazis als „rein juristisch” gerechtfertigt bezeichnet. Daraufhin forderte die Stadt Aachen von den drei hiesigen Burschenschaften Libertas, Teutonia und Alania, sich „klar von extremistischem Gedankengut zu distanzieren und Konsequenzen zu ziehen”.

Teilweise reagierten die Burschenschaften zögerlich. Die Teutonia folgte der Aufforderung und trat wenige Monate später aus der Deutschen Burschenschaft aus. Seit 2016 gehört die Verbindung der neu gegründeten Allgemeinen Deutschen Burschenschaft an. „Wir distanzieren uns ganz klar von Rechtsextremismus“, sagt Mohren. „In unserer Verbindung sind die Studenten jeder politischen Gesinnung von SPD- bis AfD-Wählern vertreten.“ Jeder in der Burschenschaft sei zwar verpflichtet, wählen zu gehen, aber was er wählt, sei ihm selbst überlassen. „Wir befürworten eine heterogene Mischung, die zum Diskurs anregt“, erklärt der 29-Jährige.

So versuchen die Studenten, sich offen zu zeigen und laden neben Professoren und Wissenschaftlern auch regelmäßig Politiker als Referenten in ihr Verbindungshaus ein — mal mit Erfolg, mal nicht: „Wir haben schon versucht, Grüne, Linke und auch Greenpeace hierher zu holen, aber sie wollen nicht kommen“, sagt Mohren. Und warum? „Ich glaube, wir werden als sehr konservativ angesehen.“

Geprägt von Rechtsextremismus

Ob das der einzige Grund ist, bleibt fraglich. Der Politikwissenschaftler Dietrich Heither, der sich in mehreren Büchern mit Verbindungen auseinandergesetzt hat, gibt eine Einordnung: „Die Deutsche Burschenschaft ist unter den Verbänden der bedeutendste und am weitesten rechts stehende Verband im gesamtpolitischen Denken. Ihr Handeln ist geprägt von einer rechtsextremen Ideologie und Programmatik. Aber auch die anderen Dachverbände der Burschenschaften haben an bestimmten Punkten Öffnungen zu diesen Ideen.“

Auf eine dieser Öffnungen stößt man auch im „Burschenschaftler“, die Verbandszeitschrift der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft. Im Vorwort einer Ausgabe kritisiert Frank Grobe von der Teutonia Aachen, dass sich „zwei angeblich ,deutsche‘ Nationalspieler mit ,ihrem‘ türkischen Präsidenten Erdogan“ ablichten ließen. An diesem Beispiel lasse sich die fehlende Integrationsbereitschaft der meisten Muslime in Deutschland ablesen, so Grobe wortwörtlich.

Aussagen wie diese wirken engstirnig und alles andere als weltoffen. Genauso wenig wie die Worte an der Wand im Eingangsbereich des Teuten-Hauses, die einem direkt ins Auge springen: „Ehre, Freiheit, Vaterland“ steht da. Es ist der Wahlspruch der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft. „Historisch gesehen entspringen diese Worte der Kriegsrhetorik des Ersten Weltkrieges. Heute gibt es in der Gesellschaft ganz andere Konnotationen wie Populismus und Fremdenfeindlichkeit“, erklärt Politikwissenschaftler Richter. „Die Burschenschaften müssen sich bewusst sein, welchen Verdacht diese Worte hervorbringen.“

Richter hält Burschenschaften und andere Verbindungstypen nicht mehr für zeitgemäß: „Studentenverbindungen sind geschlossene Gruppen. Das entspricht nicht unserer digitalen Welt, in der sich alles immer mehr öffnet“, erklärt er.

Stattdessen klammern sich Verbindungen an alte Traditionen. Auch im Haus der Teutonia wird der Stellenwert ihrer Geschichte deutlich. Die „kleine Kneipe“, wo die Studenten abends zusammen Bier trinken, ist zugleich auch Ausstellungsort der Ahnengalerie. Jedes Mitglied bekommt hier einen Platz, etwa 300 Fotos sind es bereits. Auch das sogenannte Foyer des Verbindungshauses ähnelt einem kleinen Museum: An den Wänden hängen historische Bilder sowie Urkunden und Mützen hinter Glas. Alte Liedbücher, Fechtwaffen, Bierkrüge und eine Deutschlandfahne sind ausgestellt. Und mittendrin ein toter Fuchs, ausgestopft.

Der Fuchs ist ein Symbol der gesamten Verbindungstradition. Wer neu dabei ist, hat ein Jahr auf Probe als „Fuchs“, in dem er sich entscheiden kann, ob er Mitglied auf Lebenszeit werden will oder nicht. Manche Verbindungen erwarten als Abschluss dieser Zeit, dass der Fuchs seine Fechtfähigkeiten in einer Mensur, einer Prüfung mit scharfer Klinge, unter Beweis stellt. Erst danach ist er vollberechtigtes Mitglied. Jeder hat gewisse Aufgaben zu erfüllen, um das Verbindungsleben — wie eine Art Verein — aufrechtzuerhalten.

Dieses Engagement erwartet auch die Alte Herrenschaft vom Nachwuchs. Die Aktivas und Alte Herren pflegen engen Kontakt und feiern regelmäßig Kneipen mit festen Ritualen, zu denen bei den meisten auch das Biertrinken zählt. Die Alten Herren sind es auch, die den Studenten günstiges Wohnen in gut ausgestatteten Verbindungshäusern finanziell ermöglichen. Oftmals sind es große Villen, die am Stadtrand liegen; auch in Aachen gibt es einige solcher mit großen Gärten, Pools, Tanzflächen. Außerdem hat die Alte Herrenschaft oft Kontakte zu großen Unternehmen, die sie für ihre Aktivas spielen lassen können.

Dieses Ansehen gelte aber nicht für die globale Managerwelt, erklärt Politikwissenschaftler Heither. Dort sei es eher von Nachteil Verbindungsstudent zu sein: „Das Männerbündnische mit all seinen Vorstellungen von Mut, Stärke und Hierarchien, passt nicht in eine Welt, die sich in eine andere Richtung bewegt.“ Mittlerweile seien Softskills gefragt, die eher von Frauen repräsentiert werden, wie zum Beispiel Kommunikationsfähigkeit.

Frauen werden in den meisten Verbindungen aber nicht als Mitglieder zugelassen. In einer gleichberechtigten Gesellschaft wirkt dieser Grundsatz wie aus der Zeit gefallen. „Wir haben uns Gedanken gemacht, ob das noch zeitgemäß ist“, sagt Christian Mohren von der Burschenschaft Teutonia. „Aber wir wollen keine Experimente.“ Dabei haben gemischte Verbindungen längst bewiesen, dass es funktioniert. Reine Frauenverbindungen sind dagegen eher selten.

Persönlichkeitsschwäche

Burschenschaften nehmen zudem nur deutsche Studenten mit Berechtigung zur Promotion auf. Deutsche Staatsangehörigkeit brauche man zwar nicht, sagt Mohren. Aber: „Man soll sich dem deutschen Vaterland zugehörig fühlen.“ Auch ein Vietnamese und ein Argentinier seien Mitglieder in Aachen.

Doch warum wird man überhaupt Mitglied? Für manch einen sei es das Gefühl der Solidarität und Anerkennung in der Gruppe, das ihn zum Beitritt einer Verbindung bewegt, erklärt Richter. Personen mit einer Persönlichkeitsschwäche könnten dort gut aufgehoben sein, weil sie sich im Bund stärker fühlen, sagt der Politikwissenschaftler.

Zu dieser Einschätzung kommt auch Dietrich Heither: „Einerseits muss man Burschenschaften als politisch gefährlich einstufen, andererseits muss man sich anschauen, wer dort Mitglied ist: Junge Kerle, die aus dem Männerbündnischen Stärke ziehen. Das sagt schon einiges.“

Für Verbindungsstudenten wie Junker und Mohren sind ihre Traditionen wertvoll, für Außenstehende könnten sie beklemmend wirken.

Draußen vor der Tür des Verbindungshauses fühlt es sich anders an. Der Wind weht in alle Richtungen, ohne Regeln, ohne Grenzen — die Luft der Freiheit.

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